| Originaltitel | Das weiße Band |
| Land und Jahr | Österreich 2009 |
| Kino-Start | 15.10.2009 |
| Genre | Drama |
| FSK | 12 |
| DVD-Start | |
| Regie | Michael Haneke |
| Länge | 145 Min. |
© X-Verleih
Kritiken
Schon zu Beginn stellt Michael Haneke die Frage nach der Schuld. Im Konkreten geht es dem österreichischen Regisseur um die Schuld an den mysteriösen Vorfällen in einem kleinen, protestantischen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Würde man dies jedoch einzig auf einige seltsame Vorkommnisse reduzieren, würde man dem Film in keinster Weise gerecht. Die Frage ist viel umfassender und gräbt nach der Wurzel des Bösen. Haneke entwirft in knapp drei Stunden und mit einer profunden Charakterisierung der Figuren einen Mikrokosmus, der problemlos in eine andere Umgebung oder gar eine andere Zeit platziert werden kann. Die Schwarz-Weiß-Bilder sowie die Anmerkung auf den bevorstehenden Ersten Weltkrieg grenzen die Ereignisse zwar ein, doch genau jene Frage nach der Schuld und des Bösen an sich ist Haneke wie in kaum einem anderen Film zeitgemäß und höchst aktuell. Die Wirkung, die er damit beim Zuschauer hinterlässt, könnte tiefer nicht sein. Denn steht die Suche nach Antworten zu Beginn des Films an erster Stelle - auch für das Publikum - so verliert diese zunehmend an Bedeutung. Mehr noch. Gegen Ende des Films erscheint die Suche nach dem Sündigen beinahe schon trivial und die Bedeutung des Films konzentriert sich immer mehr auf das Dorfgeschehen, die Wut, den Hass, dem Stumpfsinn und die Verblendung in dem Mikrokosmus. Die anfangs sich häufenden seltsamen Ereignisse erklären sich schon bald als Bestrafungen jener, die angesehen und einflussreich sind. Das weiße Band soll dabei auf die Tugendhaftigkeit hinweisen, dient jedoch schon alsbald als Blickfang für Sünde und Schuld. Dass ausgerechnet Michael Haneke einen Film über Gewalt, Angst und Sünde dreht, ist kaum erstaunlich. Auch in seinen anderen Werken setzte er sich immer wieder mit diesen Themen auseinander. Treu blieb er auch seinem Verzicht auf musikalische Untermalung. Die Goldene Palme von Cannes 2009 ging verdientermaßen an ein Meisterwerk, dessen Untertitel "Eine deutsche Kindergeschichte" lautet. Natürlich ist davon auszugehen, dass dieser Zusatz mit Bedacht gewählt wurde, da die im Film dargestellten Kinder binnen kürzester Zeit Zeugen und Teilnehmer zweier Weltkriegen wurden und sich mitunter an den Sünden der Menschheit mitschuldig gemacht haben. Aber nicht nur die von Haneke vermittelte Botschaft macht den Film zu einem seltenen Stück ehrlicher Filmgeschichte, es ist auch der Erzählstil und die manchmal gespenstisch anmutenden Schwarz-Weiß-Bilder, welche die Geschichte hervorheben. In Rückblenden vom ehemaligen Dorflehrer erzählt, entfaltet sich allmählich die Handlung, die zwar stets im Mikrokosmus des Dorfes bleibt, symbolisch jedoch leicht alle Ländergrenzen überschreitet.
Andrea Niederfriniger/Filmreporter.de