Der große Crash - Margin Call - Filmkritik

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„Eine schmutzige Sache“

„Der große Crash - Margin Call“ ist ein hochklassiges Kammerspiel um die Mechanismen von Geld und Macht: Regie-Debütant J. C. Chandor seziert mit akribischer Schärfe den Finanzcrash von 2008.

Die Wall Street 2008: Noch laufen die Geschäfte gut, mit Arroganz und Menschenverachtung jonglieren die Broker mit Summen jenseits jeglicher Vorstellungskraft. Dann aber zeigen sich erste Anzeichen der kommenden Krise, und auch Top-Risk-Analyst Eric Dale (Stanley Tucci) fällt einer Entlassungswelle zum Opfer. Beim Verlassen seines Büros übergibt Dale seinem ehemaligen Schützling Peter Sullivan (Zachary Quinto) hochbrisante Unterlagen über die tatsächlichen Finanz-Situation der Investmentfirma.

Sullivan erkennt, dass die Firma kurz vor dem Ruin steht. In Windeseile wird die gesamte Führungsspitze (u. a. Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore und „Mentalist“ Simon Baker) zusammengetrommelt, um in einer nächtlichen Sitzung nach Lösungen zu suchen. Firmenchef John Tuld (Jeremy Irons) entwirft einen Plan, der nicht nur die Bankenbranche an den Abgrund bringen soll...

Mechanismen von Geld und Macht

Wo „Wall Street“ und mehr noch „Wall Street: Geld schläft nicht“ pures Hollywood(-Kino) waren, da ist „Der große Crash – Margin Call“ der wahre Kommentar zur Zeit, den man so tiefgründig aus der Traumfabrik kaum erwartet hätte. Wie mit einem Seziermesser zerlegt der Film die Mechanismen von Geld und Macht, von Kapitalismus und purer Gier.

Vielleicht musste tatsächlich erst ein Regie-Newcomer wie J. C. Chandor kommen, der die Macher in Hollywood daran erinnerte, wie man dort früher und selbst noch vor zwanzig Jahren komplexe, brisante Stoffe in hoch spannendes Kino umgesetzt hat, ohne dabei gleich ganze Straßenzüge in die Luft zu jagen.

Eine hermetisch abgeriegelte Scheinwelt

Genau genommen ist „Der große Crash“ auf den ersten Blick eher das Gegenteil von steter Bewegung. Chandor, dessen Vater selbst an der Wall Street arbeitete, hat ein Kammerspiel inszeniert, das bis auf wenige Ausnahmen im geschlossenen Raum und innerhalb von nur wenig mehr als einem Tag und einer Nacht spielt.

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Das erinnert der Form nach an Klassiker wie „Die zwölf Geschworenen“ und inhaltlich an James Foleys großartiges „Glengarry Glen Ross“ von 1992 nach David Mamets Theaterstück, bei dem Kevin Spacey ebenfalls schon glänzte.

Mit kühler Präzision beschreibt der Regisseur anhand weniger Charaktere, die allesamt brillant von der hochkarätigen Darstellerriege verkörpert werden, die Mechanismen von Gier, Macht und Zynismus und wie diese ineinander greifen.„Das wird Auswirkungen auf echte Menschen haben“ erinnert einmal einer der Broker daran, dass es hier nicht nur um nackte Zahlen geht. Und zeigt damit nur umso deutlicher, dass sich längst eine Art Parallel-Universum gebildet hat, eine hermetisch abgeriegelte Scheinwelt.

„Wir tun das, um zu überleben“

Was immer auch geschieht, die machen keinen Verlust“, weiß Will Ermerson (Paul Bettany), einer der Männer. Und Tuld (Jeremy Irons) lässt keinen Zweifel daran, wie er handeln wird: „Wir tun das nur aus einem Grund, damit wir überleben“, so der Boss.

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Chandor muss diese Männer (und Frauen) aber gar nicht dämonisieren, um zu zeigen, welche Macht sie besitzen und wie sehr sie bereit sind, diese Macht auch auszunützen. Im Gegenteil, er zeigt sie als Menschen mit menschlichen Regungen.

„Sie verkaufen etwas, von dem Sie wissen, dass es keinen Wert hat“, gibt Sam Rogers (Kevin Spacey) seinen Kollegen dann auch einmal zu verstehen und lässt so wenigstens so etwas wie Ansätze von Skrupel erkennen. Und auch als Tuld ihn fragt, ob er mit ihm rechnen können, antwortet Rogers nur sehr zögernd:

„Ich weiß es nicht, es ist eine schmutzige Sache“. Tränen aber vergisst auch er weniger wegen der nahenden Katastrophe, sondern aus einem ganz anderen Grund: weil sein Hund Krebs hat.

 

Andreas Kötter