Filmkritik - "Chernobyl Diaries"

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Es liegt was in der Luft

 

„Chernobyl Diaries“ aus der Feder von „Paranormal Activity“-Macher Oren Peli setzt zunächst auf eine Atmosphäre der sich stetig steigernden Beklemmung, verschenkt aber weitgehend das brisante Potenzial des Themas.

 

Sechs junge Urlauber suchen für ihren Urlaub den besonderen Nervenkitzel. Mit einem einheimischen, durchaus etwas gewöhnungsbedürftigen Führer wollen sie die Geisterstadt Pripyat besuchen, die nach dem katastrophalen Reaktor-Unglück von Tschernobyl von den Einwohnern aufgegeben werden musste. Was zunächst wie ein besonders cooles Erlebnis für verwöhnte Wohlstandstouristen beginnt, wird aber schon bald zum Horror-Trip. Denn Prypiat ist nicht so verlassen wie die jungen Leute geglaubt haben...

Peli überlässt die filmische Umsetzung dem Regie-Neuling Brad Parker

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Mit der „Paranormal Activity“-Reihe ist Regisseur, Autor und Produzent Oren Peli mit vergleichsweise wenig Geld eine hoch erfolgreicher Pseudo-Doku-Grusel-Reihe gelungen, die in Hollywood einen ähnlichen Überraschungseffekt erzielte wie einst „The Blair Witch Project“.

Und ganz offensichtlich hat der gebürtige Israeli auch nach drei Folgen „Paranormal Activity“ die Nase längst noch nicht voll von Grusel und von Grauen. So ist er als Autor und als Produzent nun entscheidend mitverantwortlich für „Chernobyl Diaries“, auch wenn er Regie-Neuling Brad Parker die filmische Umsetzung seiner Geschichte überlassen hat. Parker müht sich dann auch deutlich dem Mastermind des aktuell so angesagten Pseudio-Doku-Grusels gerecht zu werden.

Und vor allem in der ersten Hälfte des Films gelingt es ihm mit simplen Mitteln und ohne großen technischen Firlefanz eine Atmosphäre der sich stetig steigernden Beklemmung und dann auch Bedrohung zu schaffen.

Am Ende nicht mehr als durchschnittlicher Hollywood-Routine-Grusel

Chernobyl Diaries - Featurette: Extremes


In diesen Szenen, etwa wenn der abenteuerlustigen Reisegruppe von zwei nur wenig Vertrauen erweckenden Milizionären der Zutritt zur verbotenen Stadt untersagt wird, hat der Film seine stärksten, weil eindringlichsten Momente.

Der Grusel ist dann bei den jungen Leuten bereits zu spüren, und auch das Grauen scheint schon buchstäblich in der Luft zu liegen. Umso bedauerlicher ist es, dass Parker im zweiten Teil des Films diese gelungene Vorlage nicht entsprechend nutzt. Stattdessen setzt er jetzt ganz auf „The Blair Witch Project“-Optik, auf „dank“ Handkamera verwackelte Bilder und zunehmend auch auf völlige Dunkelheit.

Was aber zumindest phasenweise bei einem thematisch ähnlich gelagerten Streifen wie „The Descent“ – Abenteuer-Touristen begeben sich auf unbekanntes Terrain und werden von den dort heimischen Kreaturen aufgerieben – noch funktioniert hat, läuft hier ins Leere bzw. in totale Dunkelheit. Oder, wie es ein Kritiker-Kollege ausdrückte, „in der zweiten Hälfte säuft die Geschichte jedoch in Schwärze ab.“

Schade, weil „Chernobyl Diaries“ so am Ende kaum mehr als durchschnittlicher Hollywood-Routine-Grusel ist und zudem gar nicht erst versucht, sich etwas intensiver mit dem hochbrisanten Themen-Komplex „Tschernobyl, Atomkraft und Fukushima“ auseinanderzusetzen. Vielleicht ist das aber auch schon fast zuviel verlangt...

Andreas Kötter

"Chernobyl Diaries" - Videos

Featurette: Extremes

5 Minuten