Filmkritik - Our Idiot Brother
© The Weinstein Company/Senator
Stille Einfalt, edle Größe
„Our Idiot Brother“ ist eine liebenswerte Familiensatire über einen, der anders ist als die anderen. Paul Rudd gibt Ned, das Kind im Manne, das im Gefängnis zum nettesten Insassen gewählt wird.
Ned (Paul Rudd) ist liebenswert, ein netter Kerl und ein wahrer Gemütsmensch. Und er ist auch ein bisschen anders als andere. Denn Ned ist allzu gutgläubig, immer noch das Kind im Manne, und manch einer hält ihn gar für ein wenig einfältig. Als der Biobauer einem uniformierten Polizisten, der vorgibt gestresst zu sein, ein Päckchen Marihuana verkauft und nicht zuletzt wegen dieser Gutmütigkeit für ein paar Monate ins Gefängnis wandert, trennt sich seine Freundin von ihm. Also entschließt sich Ned nach seiner Entlassung dazu, bei seinen drei Schwestern (Elizabeth Banks, Zooey Deschanel, Emily Mortimer) zu wohnen. Die lieben ihren Bruder zwar, sind aber auch genervt, als der ihr Leben und das ihrer Familien zunächst auf den Kopf stellt. Erst allmählich verstehen die drei, dass Neds Art zu leben, zu denken und zu fühlen nicht die schlechteste ist...
Kritik am Lifestyle der Postpostmoderne
© The Weinstein Company/Senator
Wahrscheinlich ist es doch etwas zu viel des Guten, wenn man „Our Idiot Brother“ und Paul Rudds Ned mit Dostojewskis „Der Idiot“ vergleicht. Denn wenn beide Figuren auch durchaus ähnliche Charaktere sein mögen, so hat die Familienkomödie von Regisseur Jesse Peretz nicht einmal im Ansatz die Wucht des russischen Literaturklassikers. Das aber dürfte auch kaum Peretz’ Ansinnen gewesen sein. Vielmehr scheint ihm daran gelegen zu sein, auf sehr sanfte, vor allem aber auch komisch-unterhaltsame Art und Weise Kritik zu üben am Lifestyle unserer postpostmodernen Gesellschaft. Und das zum Glück ohne platte Kalauer, wie man sie im US-Komödien-Kino der letzten Jahre nur allzu oft gesehen hat.
Vielmehr sorgt „Our Idiot Brother“ durchaus für erfrischende, geradezu staunende Lacher - etwa wenn Ned sich von einem ausgebufften Polizisten, der auf Burnout macht, dazu überreden lässt, dem Cop Marihuana zu verkaufen. Oder wenn Ned seiner Freundin voller Stolz erzählt, dass er im Gefängnis zum nettesten Insassen gewählt worden sei, gar „viermal hintereinander“. Es sind diese beinahe schon anrührenden Momente einer völligen Unbedarftheit, einer kindlichen Offenheit, die die Figur des Ned so anziehend und so liebenswert macht. Schade nur, dass die anderen Figuren, vor allem die drei Schwestern, die allesamt verschiedene Frauentypen und -rollen verkörpern sollen, nur wenig ausgearbeitet sind. Diese Oberflächlichkeit beschneidet doch ein wenig den fraglos vorhandenen Charme dieser sanften Satire. Dass der gute Ned aber eine Figur mit großem Potenzial ist, das dürfte außer Frage stehen. Man hat in Hollywood schon aus viel weniger großartige Serien gezaubert.
Andreas Kötter