J. Edgar - Filmkritik

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Das Muttersöhnchen und die Macht

 

Mit „J. Edgar“ versucht sich Clint Eastwood an einem Biopic über J. Edgar Hoover, der fast 50 Jahre an der Spitze der US-Polizeibehörde FBI stand. Dass dem Regisseur dieser Versuch gelingt, ist nicht zuletzt der Verdienst seines Stars Leonardo DiCaprio.

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Das FBI (Federal Bureau of Investigation), die große, bundespolizeiliche Behörde des Justizministeriums der USA, war sein Lebenswerk. Fast 50 Jahrzehnte stand J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) an der Spitze dieser Machtzentrale und stieg in dieser Zeit auf zu einem der mächtigsten Männer, ja vielleicht sogar zum mächtigsten Mann der Vereinigten Staaten, der selbst US-Präsidenten unter Druck setzte. Das aber, diese „offizielle“ Version, war nur die eine Seite eines Mannes, der mit „ein schwieriger Charakter“ wohl nur sehr unzureichend beschrieben wäre. Denn der kontrollsüchtige und exzentrische Hoover zeigt gar rassistischeTendenzen und schreckt auch vor Erpressung nicht zurück. Wirklich nahe stehen ihm nur seine Mutter (Judi Dench) und sein Assistenzdirektor Clyde Tolson (Armie Hammer)...
 

Hollywood ließ sich lange bitten

Ohne Frage konnte kein Politiker in den knapp fünf Jahrzehnten von 1924 bis 1972 das politische und gesellschaftliche Leben der USA so beeinflussen, wie es FBI-Direktor J. Edgar Hoover tat. Fast möchte man sich wundern, dass Hollywood dieser so bedeutenden, wenn auch widersprüchlichen Figur der US-Geschichte erst nun, 40 Jahre nach Hoovers Tod, einen Film widmet. Wenn man aber weiß, dass Hoover, ähnlich wie Anfang der 50er Jahre US-Senator Joseph McCarthy, gerade die liberal denkende Traumfabrik Angst bereitete, dann macht die lange Weigerung, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, durchaus Sinn.

Eastwood verlangt ein hohes Maß an Aufmerksamkeit

Mit Clint Eastwood hat sich ein Regisseur Hoovers Lebensgeschichte angenommen, der versucht, sich diesem so komplexen Charakter ohne oberflächliche Schwarzweiß-Zeichnungen zu nähern. So hält sich Eastwood meist an belegbare Fakten und lässt es etwa in Bezug auf die vermuteten homosexuellen Neigungen von Hoover allenfalls bei sachten Andeutungen. Dem augenscheinlichen Faktenreichtum der ein halbes Jahrhundert umfassenden Story will der Regisseur mit vielen Sprüngen zwischen den einzelnen Zeitabschnitten und Rückblenden beikommen – was nicht immer ganz leicht zu verfolgen ist und vom Zuschauer ein hohes Maß an Aufmerksamkeit verlangt.

DiCaprio spielt oscarreif

Dass diese Aufmerksamkeit weitgehend auch garantiert ist, das liegt in erster Linie an Leonardo DiCaprio. Der mittlerweile auch schon 38-jährige Schauspieler, in dem viele wegen seiner sanften Physiognomie noch immer eher den romantischen Teenager-Star sehen wollen, hat sich tatsächlich in den letzten Jahren längst zu einem großen Charakterdarsteller entwickelt. Eine These, deren Beweis er mit „J. Edgar“ auf eindrucksvolle Weise antritt. Wie DiCaprio die inneren Widersprüche dieses von seiner Vorstellung von Recht und Ordnung getriebenen Mannes sichtbar macht, das erregt bisweilen sogar so etwas wie Mitgefühl und hat durchaus Oscar-Format. Auch, weil sein Spiel so intensiv ist, dass man selbst durch die doch etwas arg dick aufgetragene Altersmaske buchstäblich hindurch sieht. Mitten hinein ins Herz eines mächtigen Mannes, der doch bis zu seinem 40. Lebensjahr im Hause seiner Mutter wohnte.

 


Andreas Kötter