Kino 2011 - Die Kritikercharts

Die Kritikerfilme des Jahres

ausgewählt von Andreas Kötter

Die zehn Filme des Jahres 2010, in zufälliger, nicht wertender Reihenfolge.
 

Black Swan

1. „127 Hours“,...weil Regisseur Danny Boyle die wahre Geschichte des Extremsportlers Aron Ralston (James Franco), der sich selbst mit einem Taschenmesser in der Wüste den rechten Unterarm amputierte, um sein Leben zu retten, in die verstörendsten Bilder des Jahres verpackt hat. Ein monolithischer Fiebertraum von einem Film, der zudem zeigt, wie eine Selbstverstümmelung zur Katharsis werden kann.

 

2. „Black Swan“,...weil Regisseur Darren Aronofsky mit „Black Swan“ Ballett als eine Tour de Force inszeniert hat, die den klassischen Tanzfilm dekonstruiert und als Paranoia-Thriller wieder zusammensetzt. Tschaikowskys berühmtes „Schwanensee“-Ballett ist hier alles andere als ein Traum in weiß, sondern gerät vielmehr zur Selbstgeißelung, die Knochen knacken und die Seele leiden lässt. Natalie Portman spielt sich als Ballerina am Rande des Wahns in Hollywoods erste Liga.

 

3. „True Grit“,...weil die Coen-Brüder und ihr Star Jeff Bridges mit diesem Remake des John Wayne-Klassikers beweisen, dass der Western, Amerikas ureigenste Kulturform und die Wiege des Spielfilms und damit des Kinos per se, längst noch nicht zum alten Eisen gehört.
 

The Tree of Life1

 

4. „Winter’s Bone“,...weil dieses Sozialdrama aus dem us-amerikanischen Hinterland einen unvertellten Blick frei gibt ins Herz der Finsternis und eine dritte Welt zeigt, die zwar mitten drin liegt in ‚god’s own country’, deren Bewohner aber dennoch unendlich weit im Abseits stehen. Die 20-jährige Jennifer Lawrence bestätigt, dass sie eine der verheißungsvollsten jungen Schauspielerinnen Hollywoods ist.

 

5. „The Tree Of Life“,...weil Terrence Malick der wohl eigenwilligste Regisseur in Hollywood ist und mit seinem erst fünften Film in seinem 40-jährigen Schaffen die Grenzen des Erzählkinos weit hinter sich lässt. Malick hat einen Bilderrausch inszeniert, einen wahren ‚stream of consciousness’, eine 138 Minuten lange Symphonie aus Eindrücken, Empfindungen und Erinnerungsfetzen, die das Grauen, aber auch die Gnade der Schöpfung zeigt. Bilder, zum Niederknien schön, und zudem mit „„Wer nicht liebt, dessen Leben fliegt an ihm vorbei“ Träger der wohl einzig allgemeingültigen Lebensweisheit überhaupt.

 

6. „Hell“,...weil kein anderer Film in diesem Jahr so höllisch heiß war wie dieses kleine Genre-Juwel. Regie-Debütant Tim Fehlbaum beweist nicht nur, dass es kein Mega-Budget braucht, um wahren Horror zu verbreiten, sondern vor allem auch, dass deutsches Kino nicht zwingend „tumbe Beziehungskomödie“ bedeutet.
 

der-gott-des-gemetzels-13-Constantin-Film-Verleih.jpg

 

7. „Blue Valentine“, weil Ryan Gosling und Michelle Williams die bewegendste Liebesgeschichte des Jahres erzählen. Bewegend, weil ihre Geschichte weit über übliche Hollywood-Romantik hinaus einen leisen, fast dokumentarischen Einblick gibt in das komplizierte Innenleben einer Beziehung. Gosling und Williams verkörpern eindrücklich das ewige Mysterium, wie das Leben noch die größte Leidenschaft abschleifen kann und warum am Ende doch keiner so recht zu erklären vermag, wann genau die Liebe auf der Strecke geblieben ist.

 

8. „Super 8“, ...weil „Lost“-Macher J.J. Abrams eine wundervoll altmodische, magische Liebeserklärung an seine Kindheit in den spätern 70ern und an das glanzvolle Kino dieser Epoche gelungen ist. Ein Film (auch) über das Heranwachsen und die Ängste, die damit verbunden sind. Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass die gerade einmal 13-jährige Elle Fanning im improvisierten (Zombie-)Film im Film eine geradezu erschreckende Intensität verströmt.

 

9. „Margin Call - Der große Crash“,...weil kein anderes Populär-Kunstwerk so in die Zeit passt wie dieses mit u. a. Kevin Spacey, Jeremy Irons, Paul Bettany, Simon Baker und Demi Moore glänzend besetzte Kammerspiel um die Mechanismen von Geld, Gier und Macht. Regie-Debütant J. C. Chandor personifiziert den Finanzcrash von 2008, zeigt aber auch, dass sich die Handelnden längst in einem Paralleluniversum bewegen. Echte Tränen werden hier höchstens noch um den krebskranken Hund vergossen, gewiss aber nicht um die unzähligen zerstörten Existenzen, die das eigene Handeln nach sich zieht.

 

10. „Der Gott des Gemetzels“,...weil Roman Polanski ein faszinierendes Leinwand-Theater gelungen ist, das die Abgründe zeigt, die hinter jeder bürgerlichen Fassade drohen. Gerade einmal 79 Minuten benötigt die Regie-Legende, um dem bourgeoisen Gutmenschentum die Maske von der Fratze zu reißen. Polanskis Dank und der der Zuschauer geht dabei an die Oscar-Preisträger Kate Winslet, Jodie Foster und Christoph Waltz sowie an den fantastischen John C. Reilly. Dieses Quartett liefert sich ein famos gespieltes, sich ständig steigerndes Scharmützel der niedersten Instinkte, bei dem jedes Wort sitzt und jede Geste greift.