Verblendung - Filmkritik

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Der Autor und der Regisseur

 

Mit dem Remake des schwedischen Erfolgsstreifens „Verblendung“ nach der „Millennium-Trilogie“ von Stieg Larsson zeigt Regisseur David Fincher einmal mehr, dass er einer der ganz großen Meister des Hollywood-Kinos ist.


Mikael Blomkvist (Daniel Craig) arbeitet für das Enthüllungsmagazin „Millennium“. Der ausgezeichnete Wirtschaftjournalist hat gerade vor Gericht eine bittere Niederlage einstecken müssen und wurde wegen übler Nachrede zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Als ihn einer der reichsten Industriemagnaten Schwedens, Henrik Vanger (Christopher Plummer) noch vor Haftantritt engagiert, um das Verschwinden seiner Nichte Harriet vor 40 Jahren aufzuklären, nimmt sich Blomkvist bei „Millennium“ eine Auszeit und stößt schon bald auf ein zunächst nahezu undurchdringliches Dickicht aus Schweigen, Mord, Korruption, sexueller Perversion und düsteren Familiengeheimnissen. Vanger aber hatte Blomkvist zuvor von einer Detektei durch die junge Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) überprüfen lassen, die wegen ihrer eigenen von Gewalt geprägten Kindheit unter Vormundschaft steht. Ihr Vormund aber, der Anwalt Bjurman (Yorick van Wageningen), benutzt seine Macht, um Lisbeth sexuell zu nötigen und schließlich brutal zu vergewaltigen. Die junge Frau nimmt bittere Rache und kommt gemeinsam mit Blomkvist schließlich einer brutalen Mordserie auf die Spur...

Hollywood scheinen die Stoffe auszugehen

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Vielleicht gehen den Autoren in Hollywood tatsächlich die Ideen fürs Kino aus. Während die Schreiber fürs Fernsehen ambitionierte, komplexe und hochverdichtete Stoffe schaffen wie für Serien wie „Game Of Thrones“, „Sons Of Anarchy“, „Breaking Bad“ oder „The Wire“, reicht es im Kino offensichtlich nur noch zu Sequels oder Prequels von Erfolgsstoffen wie „Pirates Of The Caribbean“ oder „X-Men“. Oder eben zu Remakes. Wie kürzlich erst bei der John Carpenter-Wiederverfilmung „Das Ding“ oder dem Sam Peckinpah-Klassiker „Straw Dogs“. Die aber machten insofern noch Sinn, weil die Originale bereits mehrere Jahrzehnte alt sind, und man mit den Remakes wohl durchaus eine neue Generation von Zuschauern erreichen kann.

Remake nur zwei Jahre nach dem Original

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Für das Remake des skandinavischen Erfolgsthrillers „Verblendung“, dem ersten Teil der „Millennium-Trilogie“ des schon Mitte 2004 verstorbenen Erfolgsautoren Stieg Larsson aber trifft das nicht zu. Das schwedische Original ist gerade einmal zwei Jahre alt, die komplette Trilogie war – zumindest herzulande - zudem erst kürzlich im Fernsehen zu sehen. Ein noch dazu fast eins zu eins umgesetztes Remake scheint da auf den ersten Blick unsinnig. Nun ist man in Hollywood aber für eines sicher nicht bekannt, für mangelnden Geschäftssinn. Wenn man sich dort also entschlossen hat, „Verblendung“ und im Anschluss auch die beiden weiteren Teile der Trilogie, „Verdammnis“ und „Vergebung“ neu aufzulegen, dann gab und gibt es wohl gute Gründe dafür, fest an einen wirtschaftlichen Erfolg zu glauben

Der Regisseur für die tiefsten menschlichen Abgründe

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Gründe, oder besser, einen Grund. Und der trägt den Namen David Fincher. Fincher gilt nicht erst seit der Facebook-Story „The Social Network“ als einer der visionärsten, aber auch perfektionistischsten Filmemacher in Hollywood. Ob „Alien 3“, „Sieben“, „Fight Club“ oder „Zodiac – Die Spur des Killers“ – immer wieder gelingt es dem Kunsthandwerker des Hollywood-Films seine Zuschauer geradezu sogartig in seine Filme hineinzuziehen. Und das schafft er erneut auch mit „The Girl With The Dragon Tattoo“, wie „Verblendung“ im Original heißt. Fincher ist der Regisseur für die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele und scheint von daher geradezu prädestiniert für Larssons „Millenium-Trilogie“. Gerade dann, wenn man das schwedische Original kennt, entsteht nun beim Zuschauen der Eindruck, als hätte Larsson seinen Stoff nie für jemand anders geschrieben als für den Großmeister aus Hollywood.

Verwandte Seelen

Und fast scheint es, als hätten sich mit dem verstorbenen Autor und dem Erfolgsregisseur auf geradezu überirdische Weise zwei verwandte Seelen getroffen. Und Fincher begegnet dem Stoff mit Respekt. Er verwahrt sich weitgehend vor der typischen Hollywood-Bildsprache der aggressiven, schnellen Schnitte und zeigt in langsamen Bildern ein Schweden, dessen Menschen oft fast gelähmt scheinen von einem düsteren, zähen Winter. Unterstützt wird der Regisseur dabei von einer geradezu genial gecasteten Schauspielerriege. So ist es Daniel Craigs Verdienst, dass man ihm den Journalisten Mikael Blomkvist jederzeit abkauft, den im Original überzeugend der schwedische Filmstar Mikael Nyqvist gab, und man nicht eine Minute an „James Bond“ denkt. Das ist es wohl, was einen guten Schauspieler ausmacht. Noch schwieriger aber dürfte es gewesen sein, eine passende Besetzung zu finden für die Rolle der Lisbeth Salander. Die wurde im Original von der großartigen Noomi Rapace gespielt, die ihre Verletzungen unter einer gewalttätigen Rotzigkeit verbarg. Mit Rooney Mara („The Social Network“) aber hat man eine Schauspielerin gefunden, die Rapace ohne Wenn und Aber ebenbürtig ist. Auch wenn sie diese Rolle vielleicht eine kleine Spur milder interpretiert.

 

Andreas Kötter