Hot Chip: One Life Stand
Hot Chip: One Life Stand
Wärmer, tiefgründiger und reduzierter als ihr letztes Album ‘Made In the Dark’. Der vierte Longplayer ‚One Life Stand’ ist geprägt von jener Art intelligenter Selbsteinschätzung, die Hot Chip inzwischen zur zweiten Natur geworden ist. An die Stelle der verführerischen und überraschenden Geschliffenheit, die sie mühelos liefern können, wenn ihnen danach ist und der Song es verlangt, sind eine emotionale Aufrichtigkeit und ein offenherziger Optimismus getreten, die entwaffnend und häufig unerwartet berührend wirken. Mit beiden Füßen fest in den Jack Track-Underground-Wurzeln des klassischen House und Techno verwurzelt und mit einer Vorliebe für ehrliche Songwriter-Kunst, zeigt sich dieses Album insgesamt überzeugend von Künstlern wie Joe Smooth, Marshall Jefferson, Derrick May, Theo Parrish, Bill Withers und Bill Callahan beeinflusst. ‚One Life Stand’ bahnt sich unauffällig seinen Weg in die Seele des Hörers und nimmt gleichzeitig mitten auf der Tanzfläche der Gegenwart eine trotzige Pose ein (trägt dabei allerdings Pulli und Brille)!
„Wir haben nie einen Plan, wenn wir aufnehmen“, behauptet Joe Goddard, neben Alexis Taylor die eine Hälfte des Kernduos der Combo, die unter dem Namen Hot Chip firmiert, seit die beiden als Teenager in der Elliott School im Londoner Vorort Putney Pavement- und Spacemen 3-Coverversionen spielten. “Das Leben geht weiter, und wir versuchen, dem roten Faden zu folgen, wo immer er uns hinführt. Manch einer mag überrascht reagieren, dass ein Stück wie ‚I Feel Better’ von uns stammt. Das ist eine Art großer, kommerzieller Song, der aus dem Nichts kam. Also beschlossen wir, ihn auf das Album zu nehmen, anstatt ihn in den Papierkorb zu werfen.“
Aber selbst dieser eher zufällig entstandene Euro-Klassiker, der nur auf eine Robyn oder einen David Guetta wartet, damit sie schimmernde Synthie-Klänge über ihn legen und bei einer glitzernden Music Awards-Show aus Dubai spielen, reicht nicht aus, um das ganze Album auf eine bestimmte Richtung festzulegen. Außerdem ist da nämlich noch eine dieser unwiderstehlichen Balladen, die im Publikum das Gefühl wecken, durch eine Lücke in Alexis’ Gardinen zu blicken, während er seinen Emotionen in dem ironisch betitelten ‚Slush’ freien Lauf lässt (eine jüngere Zusammenarbeit mit Robert Wyatt wurde von diesem Song inspiriert und macht umso mehr Sinn, wenn man ‚Slush’ gehört hat). Songs aus Joes Feder, wie ‚Brothers’ und das wunderschön naïve ‚Alley Cats’, scheinen sich Alexis’ instinktiv offenem Stil anzunähern. Gospel-inspirierte Arme-in-die-Luft-Klassiker wie ‚Hand Me Down Your Love’ ringen mit einem gespenstischen, basslastigen, stark Detroit-beeinflussten Störfall namens ‚Take It In’ – bei dem Jeff Mills sich vermutlich fragen wird, warum er nicht von allein darauf gekommen ist, seine brütende Psychose durch etwas zum Mitpfeifen aufzulockern.
‚One Life Stand’ sprudelt über vor jenem lässigen Eklektizismus, den wir von dieser Band längst erwarten – man stelle sich Avantgarde-Ikone Charles Hayward von This Heat vor, der wie Marshall Jeffersons 909 Maschinen auf echten Drums zur Sache geht. Dennoch bleiben Hot Chip einzigartig dank ihrer erfreulichen Zugänglichkeit.