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das schottische Trio mit neuem Album

Biffy Clyro

Auf „Ellipsis“ findet man eine kompromisslose „Biffy gegen den Rest der Welt“-Trotzigkeit!

Biffy Clyro - Ellipsis
© Warner Music

Ganz egal, wovon Biffy Clyro träumten, damals, als sie im Alter von 15 Jahren die Schule schwänzten, um ihren allerersten Gig zu spielen – sie hätten ganz sicher nicht prophezeien können, was sie fast zwei Jahrzehnte später mit ihrem Doppelalbum „Opposites“ (2013) erreichen würden. Ihre ehrgeizig verfolgten Ziele wurden mit ihrem ersten #1-Album im UK reich belohnt, gefolgt von Headliner-Festival-Sets unter anderem bei Reading & Leeds und Touren, die den gesamten Globus umspannten. Es übertraf alles, was sie sich je hätten erträumen können. 

Und so stand am Ende der Albumkampagnen nur eine einzige Frage: was sollte danach noch kommen?

„Der einzige Weg, nach einem Doppelalbum weiterzumachen, ist, komplett dagegen zu rebellieren“, lacht Sänger / Gitarrist Simon Neil.

Biffy Clyro – komplettiert durch James (Bass) und Ben Johnston (Drums) – waren sich darin einig, dass ihre kommende Sammlung „Ellipsis“ den Start einer dritten Trilogie markieren würde, nach der rohen Kreativität ihrer frühen Veröffentlichungen für Beggars Banquet und den extrem ambitionierten „Puzzle“, „Only Revolutions“ und „Opposites“. „Das Haupt-Manifest war, uns innerlich zu entkalken und mit jeder Gewohnheit zu brechen, die wir hatten“, versichert Neil. „Es war sehr wichtig, dass wir nicht in die gewohnten Muster einer dreiköpfigen Rockband zurück verfielen. Wir wollten Biffy Clyro neu verkabeln und auf den Kopf stellen.“

Es begann damit, dass ihre kreative Partnerschaft mit Producer Gggarth Richardson zu einem einvernehmlichen, im Vorfeld geplanten Abschluss kam. Für ihn übernahm nun Rich Costey, den man aufgrund seiner überzeugenden Arbeit mit Boots, Esperanza Spalding, Mew und Fiona Apple wählte. Der Gedanke einer Neuerfindung schließt sogar das Album-Artwork mit ein, durch ein sachliches und minimalistisches Design, das den Platz von Storm Thorgersons auffälliger, hochgradig konzeptueller Bildsprache einnimmt.

Neue Einflüsse ziehen sich durch das gesamte Projekt. Manchmal sind sie leicht auszumachen – die treibenden Rhythmen von „Friends and Enemies“  etwa beschwören Tears For Fears’ „Songs From The Big Chair“ herauf und die so düsteren wie wunderschönen Dynamiken von Deafheaven prägen die explosive Coda von „In The Name of the Wee Man“. In den meisten Fällen jedoch entspringen sie eher einer Mentalität als einem spezifischen Sound.

Neil zitiert die „absolut keine Kompromisse“-Haltung Arcas und die furchtlosen Produktionstechniken, die man auf Alben von Kanye West, Kendrick Lamar und A$AP Rocky hören konnte, als Dinge, die einen Einfluss auf ihre neuerdings extrem vielschichtigen, basslastigen Klangwände hatten, in denen sich von einem ländlichen Slang über gesampelte Handclaps bis hin zu sogar einem Kinderchor so ziemlich alles findet. „Man kann in die Vollen gehen, ohne komplett überzuschnappen“, fasst er zusammen. „Wir haben für dieses Album definitiv viele klangliche Einflüsse aus dem Hip-Hop genommen, versuchten dabei aber zugleich, es mit der Attitüde einer Rockband zu tun.“

Getragen von dieser Einstellung, ist auf „Ellipsis“ eine kompromisslose „Biffy gegen den Rest der Welt“-Trotzigkeit geradezu mit Händen zu greifen. Ein Großteil von Neils textlichem Fokus richtete sich darauf, seinen „Ärger und Frustration nach außen zu tragen ... Es ist das erste Mal, dass ich meine Intensität konkret gegen Leuten richte, die uns enttäuscht haben“ und außerdem jene „Leute, die aus ihren Löchern gekrochen kommen und sehr starke Meinungen zu dem haben, was wir tun. Niemand kennt diese Band so gut wie ich, Ben und James. Wir sind diejenigen, die sie leben und atmen.“

Viele der Tracks wüten gegen die Kräfte, die das Potenzial haben, die Band oder ihre einzelnen Mitglieder ins Wanken zu bringen: „Der Versuch, die Wahrheit aus jemandem herauszubekommen, der dir etwas erzählt, eigentlich aber etwas anderes meint“ („On A Bang“); „Bestimmte enge Freunde, die es irgendwie fertigbringen, dass du dich am Ende schlechter fühlst” („Friends and Enemies“); „Es bedeutet so viel wie ‚fuck you’ – eine Menge Leute trauten uns nicht einmal ein zweites Album zu, ganz zu schweigen unser siebtes“ („Wolves of Winter“).

Ein unerwarteter Nebeneffekt des Erfolges von „Opposites“ vollzog sich in einem brutalen Nachspiel. Noch Anfang 2015 hatte Neil seit ungefähr 18 Monaten keinen einzigen Song geschrieben. Normalerweise wäre das womöglich kein Problem gewesen, hätte er nicht bald darauf festgestellt, dass der Funke einfach nicht mehr da war. Es wurde ein Teufelskreis: eine Schreibblockade führte zu einem kompletten Verlust des Selbstvertrauens, der wiederum eine Identitätskrise hervorrief und schließlich eine sinnlose Angst vor dem Scheitern, in der er tatsächlich überzeugt war, dass er nie wieder in der Lage sein würde, zu schreiben.

„Es äußerte sich in Panikattacken. Ich habe etwa acht Wochen lang weder meinen Bademantel ausgezogen, noch das Haus verlassen“, sagt er über ein Jahr später, und er klingt dabei so nüchtern, als würde er über ein ganz normales Alltagserlebnis berichten. „Ich fühlte mich schwach und verletzlich. Klingt nicht gerade nach dem Leben eines Rock ‘n‘ Rollers.“

Mit solchen Erlebnissen, räumt er ein, müssen sich unterschiedlichste Menschen aus allen Schichten an bestimmen Punkten ihres Lebens herumschlagen. Und wie schon bei vorherigen Herausforderungen, rückten Biffy Clyro auch dieses Mal enger zusammen: Seine Bandkollegen waren Teil eines Kollektivs aus Freunden und Familie, die Neil allmählich dabei halfen, wieder aus seinem Schneckenhaus herauszufinden. „Wir sind seit 30 Jahren Teil unserer jeweiligen Familien. Von den höchsten Punkten bis zu den tiefsten waren wir immer füreinander da. Wir sind wie jede andere Gruppe von engen Freunden, bloß dass wir zufällig gemeinsam in einer Band sind.

Als Neil nach einer Ausflucht suchte, begaben er und seine Frau sich nach Kalifornien, um für einige Monate den West-Coast-Traum zu leben. „Sobald ich das getan hatte, fingen ironischerweise die Songs wieder an zu kommen“, gibt er an, und seine Erleichterung klingt immer noch deutlich durch. Zurück im heimischen Schottland, halfen James und Ben während einer produktiven und intensiven sechsmonatigen Kreativphase dabei, diese Entwürfe in Biffy-Clyro-Songs zu formen.

Einige dieser kathartischen Songs drehen sich darum, wie diese Probleme Auswirkungen auf seine Beziehungen hatten, speziell die zu seiner Frau. Besonders sticht dabei „Re-Arrange“ heraus, ein Love-Song, der zugleich eine Entschuldigung für jene Phase ist, in der Neil „im Miteinander eine schreckliche Person war, da ich die komplette Energie aus dem Raum zog“. Derartige Themen tauchen auch in „Howl“ auf („Diese Momente, in denen du dabei zusehen kannst, wie sich dein Temperament verändert, weil du dich in jemanden verwandelst, den du nicht wiedererkennst“) und „People“ („Man muss sich mit der Tatsache anfreunden, dass dein Leben nicht exakt jenes sein kann, das du wolltest“), während „Medicine“ seine Versuche erkundet, Selbst-Medikation als Heilung für chronische Schlaflosigkeit zu meistern.

Nach sieben Alben sind Biffy Clyro immer noch auf der Suche nach neuen Horizonten: sie wollen durch neue Länder touren und Orte bereisen, die sie bislang nur gestreift haben. Der größte Nervenkitzel besteht jedoch immer noch darin, die magischen Momente einzufangen, in denen ein großartiger Song scheinbar aus dem Nichts entsteht. Trotz aller Herausforderungen und allem Wachstum entlang des Weges sollten die fünfzehnjährigen Mitglieder von Biffy Clyro feststellen, das die späteren Versionen ihrer selbst so anders doch nicht sind.

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