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Das neue Album "Alles brennt"

Johannes Oerding

Wenn es bei einer Biografie einzig und allein darum ginge, einen Künstler vorzustellen, bräuchte man den folgenden Text eigentlich gar nicht zu lesen. Denn bekanntlich ist Johannes Oerding der, dessen drei Alben jeweils immer höher in die deutschen Charts gingen, das letzte von null auf 4. Er ist der, der mit Joe Cocker auf Tour war und mit dem Vize-Titel beim Bundesvision Song Contest eine erstklassige Figur gemacht hat.

Und genau, er ist der Verrückte, der in den letzten zwei Jahren wieder um die 250 eigene Shows gespielt hat, die dann fast alle ausverkauft waren. Soweit die Eckdaten. – Weil es bei einer Biografie aber auch darum gehen muss, den Menschen hinter den Superlativen kennenzulernen, lohnt sich das Weiterlesen unbedingt.

Johannes Oerding
© Mathias Bothor

Johannes Oerding ist nämlich eins nicht: ein Künstler von der Stange. Er ist nicht gern im Studio, die Namen seiner Alben bedeuten ihm nicht allzu viel und auch das andere Brimborium, das nichts mit Livespielen zu tun hat, ist Nebensache. Er konzentriert sich lieber auf das, was ihm Spaß macht: seine Konzerte und das Schreiben von Songs, die er selbst gern im Radio hören würde. Auch wenn er damit riskiert, öfter nach dem berüchtigten roten Faden gefragt zu werden. Der ist ihm nämlich ziemlich egal. »Ich wäre kein guter Auftragskomponist – wenn ich auf ein Thema keine Lust habe, lasse ich es bleiben. Ich muss fühlen, worüber ich schreibe. Anders als früher, schreibe ich heute sogar zuerst die Texte und frage mich danach, wie die Musik dazu klingen könnte.«

Die Musik auf „ Alles brennt “ jedenfalls klingt verdammt gut, soviel steht fest. Was vermutlich daran liegt, dass die Platte wieder in einem Hotel aufgenommen wurde, diesmal einem mit Meerblick (das Strandgut in St. Peter Ording, übrigens ein unbeabsichtigtes Wortspiel), und mächtig Weite und Unabhängigkeit atmet.Und daran, dass Oerding erneut im Team mit Sven Bünger und Mark Smith produziert hat. »Wir kennen uns schon lange. Wir sind Freunde, alle Gefühlsmenschen und haben dieselbe Haltung: Auch wenn wir Millionäre wären, würden wir alles genauso machen. Ich möchte auf keinen Fall eines Tages feststellen, dass ich manche Dinge nicht getan habe, nur weil andere das vielleicht uncool finden könnten.« Innerhalb von vier Wochen wird „Alles brennt“ am Meer produziert. Es folgen Overdubs in Kiel, Drums in Hamburg und nach insgesamt zwei Jahren besteht das Album aus 12 Songs, die den verschiedenen Facetten des Johannes Oerding so nah kommen wie nie.

Angefangen mit dem bewusst poppigen Titelsong, der mit dem 700 Mann starken Chor Hamburg Singt im Refrain überrascht, und „Wenn du lebst“, das uns mit offenen Armen empfängt, über „Turbulenzen“, einer Art Selbsttherapie gegen seine Flugangst und das Problem Kontrollverlust, mit dem er sogar an roten Ampeln zu kämpfen hat, und „Nie wieder Alkohol“, einer spontanen, übermütigen Rock’n’Roll-Momentaufnahme, bis hin zu „Zweites Gesicht“, seinem bis dato wohl persönlichsten Song. »Ein Geheimnis mit jemandem zu teilen, intimer geht’s doch nicht. Das ist 1:1 meine Geschichte. Den Song habe ich in einem Rutsch geschrieben und die Melodie ist quasi beim Einsingen entstanden: ein Take, fertig.« „Heimat“ hat länger gedauert. »Der Song hieß ursprünglich ‚Hamburg’, aber während eines Besuchs bei meinen vier Geschwistern am Niederrhein, wo ich aufgewachsen bin, wurde mir klar, dass nicht nur eine Stadt Heimat sein kann. Ich habe dann die Strophen vertauscht und das, was dadurch mit dem Lied passiert ist, hat mich selbst überrascht.«

Und dann sind da Tracks wie „Ich will noch nicht nach Hause“ und „Gesucht und nichts gefunden“, die irgendwie an Johnny Cash erinnern. Songs, die nur einer wie er glaubwürdig bringen kann. Einer, der dafür lebt, unterwegs zu sein. »Für mich bedeutet auf Tour zu sein, Freiheit. Ich brauche keine feste Homebase, Loslassen fällt mir nicht schwer.« Das ist eine Erklärung dafür, dass der Mann ständig auf Achse ist, die andere hat mit seinem Publikum zu tun: »Ich versuche, auch in Hallen Clubshows zu machen. Bevor ich irgendwo spiele, google ich den Ort und weiß beim Auftritt ganz gut, was da los ist. So wird der Abend persönlich und die Menschen merken, dass ich gerne da bin. Ich will gar kein cooler Typ sein. Ich glaube, dass man Musik zunächst mal für sich selbst schreiben muss. Und wenn die Leute sich damit dann gut unterhalten fühlen und live mit mir die ganze Gefühlspalette durchleben wollen – perfekt.«

Ziemlich cool ist allerdings, dass er zugibt, dass der Musikzirkus nicht immer nur Laune macht: „Klar, ich spüre Druck, dass dieses Album erfolgreicher werden muss als das letzte. Den mache ich mir aber vor allem selbst.“ Eigentlich unnötig, denn Oerding ist erfolgreicher denn je und stellt auch live immer neue Rekorde auf. Schon jetzt, Monate vor dem Release von „Alles brennt“, ist seine Tour 2015 mit 48 Dates im Vorverkauf – das sind so viele Termine am Stück, wie bei kaum einem anderen deutschen Musiker. „Wenn mal irgendwo weniger Leute kommen, denke ich nicht, da spiele ich nicht mehr – im Gegenteil, dann will ich da gerade noch mal hin.“ Und genau das ist dann Jonni Oerding wie er leibt und lebt: nicht von der Stange, sondern wetterbeständig, herrlich old-school und irgendwie was fürs Leben. – Wer mehr wissen will, muss ihn sich schon live angucken.

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Johannes Oerding - Alles brennt


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