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EDUCATION, EDUCATION, EDUCATION & WAR

Kaiser Chiefs

Die Dinge hätten ohne Probleme völlig unverändert bleiben können. Nach mehr als zehn Jahren, vier Alben, Platinauszeichnungen, einem wahren Sturm aus zehn Top-10-Singles und drei Brit-Awards wäre es für Kaiser Chiefs ein Leichtes gewesen, sich entspannt
zurückzulehnen und den Leerlauf einzuschalten, um einen Moment lang die warme Glut als eine der meistgeschätzten britischen Bands zu genießen.

Kaiser Chiefs
© Danny North

Doch im Herbst 2012 kam es mit dem Ausstieg von Gründungsmitglied und Schlagzeuger Nick Hodgson zu einer signifikanten Veränderung. Anstatt jedoch an dieser Entscheidung zu zerbrechen, entzündete sich daran ein Funke, durch den Kaiser Chiefs nach einer Phase der Neubewertung und Verstärkung nun ein Album veröffentlichen, das ihr bis dato durchdachtestes, gebildetstes und leidenschaftlichstes ist.

Education, Education, Education & War entwickelte sich als Folge von Frustration. Die verbliebenen Bandmitglieder, Leadsänger und Texter Ricky Wilson, Bassist Simon Rix, Gitarrist Andrew White und Keyboarder Nick Baines, brachen zu den Real World Studios auf, um herauszufinden, ob sich etwas Neues entfachen lässt. In den folgenden Tagen wurde das enge Korsett einer kastrierten Kreativität abgelegt und durch etwas Prickelndes und Entfesseltes ersetzt. „Am Ende dieser Woche“, erinnert sich Rix, „hatte die Band 19 oder 20 Ideen für Songs.“ Und noch wichtiger, wie Wilson erklärt: „Wir hatten einen Funken, der uns Hoffnung gab.“

„Zunächst entstanden die Stücke aus einem persönlichen Ärger heraus“, erläutert Wilson, „doch dann erinnerte ich mich an das, was mir am Anfang so viel Spaß gemacht hatte. Von da an war es wieder eine riesige Freude, mich umzuschauen und über das zu schreiben, was ich sehe. Und so fing ich an, ein Jahr lang Songs über das Leben in diesem Land zu schreiben, über Gedanken, die mich inspirieren.“

Der Albumtitel bezieht sich auf die berühmte Rede von Premierminister Tony Blair im Jahre 2005, als er über die Kraft von Bildung referierte: „Bildung, Bildung, Bildung“, erläuterte er der Menge in Sedgefield, „sind heute wie damals der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zukunft Englands.“

Es ist ein Album, auf dem man das Fieber einer Nation spüren kann, die nach einer siebenjährigen Phase von Rezession, Angst um Arbeitsplätze, Überschuldung, Argwohn und unseriöse Geschäftemacherei sehnsüchtig auf Anzeichen von Mitgefühl, Verständnis und Hoffnung wartet. 100 Jahre nach dem Ende des ersten Weltkriegs stellt es auch die Frage nach der Rolle und Bedeutung aktueller Konflikte wie etwa die Kriege in Afghanistan oder im Irak und die verminderte Stärke des britischen Empires. „Ich würde es nicht als politisch bezeichnen, sondern eher als Gefühl von Sinnlosigkeit … als Frage ‘um was geht´s hier eigentlich?’ Nicht im Sinne von Aufgeben, sondern als Tatsache, die genau jene Fragen aufwirft, die ich stellen möchte. Ich finde zwar, dass eine Band nicht die Verantwortung hat, über mehr als Liebe zu singen, aber wenn man das Gefühl hat, etwas anderes als nur Liebeslieder schreiben zu wollen, sollte man keine Liebeslieder mehr komponieren sondern stattdessen darüber schreiben, was auf der Straße vor sich geht.“

Die heutigen Kaiser Chiefs, die sich aus dem Beinah-Kollaps des Jahres 2012 entwickelt haben, sind reifer und durch die Verpflichtung ihres neuen Schlagzeugers Vijay Mistry [vormals bei Club Smith] auch stärker denn je. In der Band herrscht ein Gefühl von Freiheit, aus dem neue musikalische Möglichkeiten entstanden sind. Sie waren sehr wütend, ja, aber sie waren ebenso inspiriert, ambitioniert und erfolgshungrig.

„Unser neues Material besaß bereits das Format, um der Welt etwas zu beweisen”, sagt Allen. „Und die Songs sind wirklich gut. Genau darauf kommt es mir an – es geht nicht um den Ruf der Band, darum wo sie sich gerade befindet oder wie hoch das Budget ist, es geht nur um die Songs. Es gibt auf der Welt eine Menge sehr interessant klingender Bands, aber es herrscht ein offenkundiger Mangel an wirklich gutem Songwriting, was bedeutet, dass einige dieser Gruppen nicht lange existieren werden. Mich persönlich interessieren heutzutage nur noch Bands, die sich trauen, alte Grenzen einzureißen.”

‘Alte Grenzen einreißen’, dies beschreibt die Songs auf Education, Education vermutlich am treffendsten. Sie haben einen geschliffen scharfen Blick und brennen darauf zu kämpfen; muskulös, hymnisch, stolz. Von der unwiderstehlichen Woge in ´Coming Home` über den verzweifelten Dorn in ´Roses` bis zum erbarmungslosen Marsch in ´Cannons` malen sie ein schlüssiges Portrait der Gegenwart: Fabriken, Arbeitsvermittlung, Schlachtfelder, Dreck am Stiefel, Heimweh, Liebe und Einsamkeit. Es gibt Songs, die voller musikalischer Experimente und Ambitionen sind, mit Jukebox, dröhnendem Gelächter und Gitarrensoli,
ohne dabei jedoch die emotionale Verbindung zu Wilsons Texte über Wut, Trauer und Verlust einzubüßen.

Dennoch: Über allem stehen Songs voller Zuversicht und Hoffnung. Diese Band hat sich neu aufgestellt und die Batterien wieder aufgeladen. Sie weiß, was durch Glaube und Solidarität machbar ist und weigert sich beharrlich, eine Niederlage zu akzeptieren. „You and me on the front line, you and me and every time”, heißt es in ´Bows And Arrows`, dem Kriegsgeheul des Albums, eine Hymne sowohl für diese Band als auch für unsere Zeit. „We the people, created equal,” wütet der Song weiter, „we the people, created equal … And if that’s true then we’re not the only ones.”

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