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Das Nummer eins Album der fünf Chemnitzer Jungs.

Kraftklub

Mit einem einmaligem Stilmix aus zackigen Indie-Beats, Up-Tempo-Riffs und witzig-nachdenklichen Texten, in denen sich eine ganze Generation wiederfindet, sprechen die Jungs von Krafklub Genre- und generationsübergreifend Hörer an. 

Kraftklub
© Universal Music

Es gibt nicht vieles, das unmöglich ist auf dieser Welt. Eines aber schon. Es ist unmöglich, in den letzten drei Jahren nicht dem Prinzip Kraftklub begegnet zu sein. Einem Prinzip, das man erfinden müsste, wenn es Kraftklub nicht schon gäbe. Die Sache mit den Brüdern zum Beispiel. Mit den engen familiären Banden zwischen Frontmann Felix und Bassist Till Kummer klopft im Gefüge der Band aus Chemnitz der gleiche Puls, der bereits allen großen Bands der Musikgeschichte geholfen hat. Man denke nur an The Kinks, Oasis, AC/DC, The Jesus And Mary Chain und Bros. Dann hätten wir noch das eher im Hintergrund operierende Songwriter-Genie Karl an der Gitarre und Steffen (git, key) und Max (drums), die mindestens so gut aussehen wie sie ihre Instrumente beherrschen. Ebenfalls entscheidend: Die Herkunft. Jeder weiß, Kraftklub kommen aus Karl-Marx-Stadt. Ihr lässiges Bekenntnis zum entlegensten Außenposten der hiesigen Popkultur, machte sie zu den Underdogs von denen man weiß, dass sie irgendwann on top of the game sein müssen. Und genau dort sind sie mit ihrem Debüt „Mit K“ und unaufhörlichen sich anschließenden Touren und Auszeichnungen gelandet. Eine wie gesagt bislang phänomenale Geschichte, die sie nun mit ihrem zweiten Album „In Schwarz“ fortsetzen. 

Aber was hat es genau mit diesem Album auf sich? Es ist das schwierige, das sagenhafte, das Mythen-umrankte Sequel. Das make-or-break-Album. Wie, um alles in der Welt, begegnet man der so überraschend hoch gelegten Messlatte des ersten Kraftklub-Albums?  Stichwort: Von Null auf Eins, Platinstatus, Massenhysterie, Rooftop-Konzerte und der ganze Kram. Die Antwort ist ganz einfach: Sie schnallen sich ein Songwriting-Jetpack um und gehen steiler als je zuvor. 

Genau das macht „In Schwarz“ aus. Die Revision mitsamt zärtlicher Stellschraubenjustierung des Prinzips Kraftklub. War das Debüt „Mit K“, aka das weiße Album, ein Bühnen-optimiertes, Hit-berstendes Pulverfass der coming-of-age-Poesie, so hat man es bei „In Schwarz“ gleich mit einem ganzen Feuerwerkskombinat zu tun. Die in den Clubs und auf den Festivals der Republik erspielte tightness dieser Band – sie ist in jedem der hier vorliegenden Songs erdrückend spürbar. Leerstellen oder wenigstens die Bewilligung kleiner Verschnaufpausen kann man da lange suchen, „In Schwarz“ ist vielmehr das, was im Fachjargon „ein Brett“ genannt wird – die ultrakompakte Verdichtung des Kraftklub-Furors mit dem einzigen Zweck, dir im Moshpit die Schuhe auszuziehen. Flankiert wird diese Effektmaximierung durch einen untrüglichen, beinahe streberhaften Zugewinn an Songwriting-Raffinesse und auch die Band-typischen Zitate gibt es wieder zuhauf. Dabei baumeln die Chemnitzer Eier aber mitunter so tief im breitbeinigen Ausfallschritt, dass man vermuten darf: da wurde im Tourbus wohl ordentlich viel Schweinerock gehört!

 

Inhaltlich ist fast alles beim Alten. Fragt man Felix, den schlaksigen Sympathieträger am Mikroständer, bis in welches Alter denn die Verhandlung verschiedenster Horrorszenarien der Pubertät überhaupt authentisch möglich ist, dann antwortet der nur trocken: „Frag doch mal die Ärzte.“ Und Recht hat er. Die Geschichten auf „In Schwarz“, ob autobiographisch oder nicht, gewinnen allein schon deshalb jeden Glaubwürdigkeitspokal, weil sie momentan niemand sonst so rührend, pointiert und singalong-tauglich erzählen kann.

 

Und was gibt es nicht alles mitzusingen auf diesem Album. Den cleveren Opener „Unsere Fans“ zum Beispiel, der mit dem Riff aufwartet, nach dem die Hives ihr Leben lang gesucht haben und der der ewigen Sellout-Jammerei einfach mal den umgedrehten Spieß in den Rücken jagt. Das hochtourige „Meine Stadt ist zu laut“, dessen Riff-Backpfeifen klarstellen, dass Kraftklub mit links von der Indiedisko in die heiligen Höhen der Rock-Oberliga avanciert sind. Im Kontrast zum omnipotenten Beat spittet Felix über die Zerrissenheit zwischen Provinzkult und Ausbruchssehnsucht. Oder die nicht weniger aggressive, Teen Spirit-gewürzte Existenzialismushymne „Schöner Tag“, in der so immergültige Wahrheiten wie „Wenn Trinken keine Lösung ist, hab ich auch kein Problem.“ auf den Punkt geprügelt werden. Der Stadion-formatige Hookline-Wahnsinn von „Für Immer“, der die autosuggestiven Untiefen des Single-Daseins durchleuchtet. Den Glamrock-Stomper „Deine Gang“ mit einem Beat so groß wie T.Rex, der auf charmanteste Weise brotherhood sowie Loserstolz beschwört und auf Doubletime-Einschüben und Oasis-Harmonien bettet. Das rührende „Mein Rad“, eine Velophilie-Ballade, die man natürlich in Richtung anderer emotionaler Projektionsflächen deuten kann. Das schonungslos Minderwertigkeitskomplexe freilegende „Wie ich“. Die erstaunlich unironische und sperrige Vorab-Single „Hand in Hand“, deren PR-Stunt-Inszenierung als fake Band „In Schwarz“ für spektakuläre Verwirrung sorgte. Oder das komplett ohne doppelten Ironie-Boden auskommende „Schüsse in die Luft“, eine Generalabrechnung mit Volksverdummung und Nationalmuff, laut Felix eines der zentralen Stücke des Albums, denn „sich über alles und jeden lustig machen ist cool, aber die eigene Haltung erkennbar machen ist mindestens genau so cool.“ 

Es war Eddie Spaghetti der einmal feststellte: „Rock’n’Roll keeps you in a constant state of juvenile delinquency.“ Wenn das stimmt, dann haben Kraftklub mit „In Schwarz“ nicht weniger als das wichtigste und beste deutschsprachige Rock’n’Roll-Album dieses Jahres abgeliefert. Was sage ich, dieses Lebens.

Kraftklub - Schüsse in die Luft


Kraftklub -- Schüsse in die Luft

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