100 Sekunden vom 07. August 2012

100 Sekunden

Bewerbung per Online-Game

Zahlreiche Unternehmen suchen neue Mitarbeiter per Online-Spiele aus. Firmen wie „Royal Air Force“, „Targo-Bank“, „Red Bull“, „L’Oréal“, „Tchibo“ oder „Unilever“ lassen ihre Bewerber online in verschiedenen Games antreten, um ihre Qualifikationen vorab zu testen und die Fehlerquote bei Neueinstellungen zu minimieren. Welche Vor- und Nachteile Bewerbungsverfahren per Online-Games für beide Seiten mit sich bringen und wie sie funktionieren, beantworten wir jetzt in 100 Sekunden.


Welche Vorteile haben die Unternehmen?

Die Online-Spiel-Bewerbungen sind kostengünstig. Ein Test mit einer Wartungsgebühr von 16.000 Euro ist günstiger als zusätzliche Mitarbeiter in der Personalabteilung, die für das Auswählen der tausenden von Bewerbern zuständig sind.
Auch das Problem zahlreicher Unternehmen, dass neue Mitarbeiter – vor allem Azubis – den Job nach der Probezeit kündigen, weil sie sich darunter etwas anderes vorgestellt haben, wird gesenkt. Solche Fehleinschätzungen kosten Unternehmen viel Geld, da sie nach jeder Kündigung neue Bewerbungsverfahren initiieren und wieder einen Mitarbeiter einschulen müssen. Mittels eines Online-Spiels, bei dem potentielle Mitarbeiter eine typische Arbeitswoche anhand einer virtuellen Figur durchlaufen, bekommen die Bewerber eine genauere Vorstellung davon, welche Tätigkeiten der neue Job umfasst. Die Kündigungsrate von Auszubildenden hat sich bei der französischen Firma „Formaposte“ seit Einführung der Online-Games von 25% auf 8% reduziert.
Außerdem kann sich der Arbeitgeber durch die Online-Tests ein Bild von den Fähigkeiten und Fertigkeiten des Bewerbers machen, die gezielt im Spiel getestet werden.


Wie funktioniert das sogenannte „Recruitainment“?

„Recruitainment“ ist eine Mischung aus „Recruiting“, also Rekrutieren von neuen Mitarbeitern und „Entertainment“, also Vergnügen.
Die Online-Bewerbungsspiele variieren je nach Unternehmen und Job. Bei einigen Firmen geht es darum, das Reaktionsvermögen zu testen sowie die Arbeitsweise unter Zeit- und Leistungsdruck. Andere Firmen wie etwa der französische Postdienstleister „Formaposte“ lassen ihre Bewerber eine Woche lang den ausgeschriebenen Job durchspielen, um Charakterzüge wie etwa Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit zu testen.
Bei anderen Firmen wie etwa „Unilever“ handelt es sich um einen klassischen Intelligenztest mit Zahlenreihen und Textaufgaben.


Werden Bewerbungen dadurch unterhaltsamer?

Was sich nach Spielvergnügen anhört, ist für Job-Suchende ein ernst zu nehmender Test. Er dient dazu, tausende Bewerber „auszusieben“ und nur diejenigen zum Vorstellungsgespräch oder ins Assessment Center einzuladen, die tatsächlich den Anforderungen entsprechen. Wie ernst das Verfahren zu nehmen ist, zeigt das Beispiel der Firma „Unilever“: Rund 5000 Bewerbungen gehen dort pro Jahr ein. Davon darf nur die Hälfte der Bewerber, also 2500, am Online-Game-Test teilnehmen und lediglich 500, also nur 10%, werden ins Assessment Center eingeladen.
Ein Nachtteil für die Bewerber ist der Zeitdruck. Für das Lösen der Aufgaben haben die Spieler deutlich weniger Zeit als im Assessment Center, da die Unternehmen verhindern möchten, dass die Bewerber beim Lösen der Aufgaben Suchmaschinen verwenden. Außerdem kann man seine „inhaltlichen Schwächen“ nicht etwa durch den persönlichen Eindruck wie etwa im klassischen Bewerbungsgespräch wegkaschieren. Die reine Leistung gilt als Maßstab dafür, ob man in die Firma zu weiteren Gesprächen eingeladen wird oder nicht.


Welche Vorteile haben Bewerber?

Viele Arbeitnehmer fürchten die in den letzten Jahren eingeführten Assessment Centers. Genauso gibt es zahlreiche kompetente Fachkräfte, die bei persönlichen Gesprächen ins Stottern geraten oder ein Black-Out bekommen – diese erhoffen sich Firmen durch die Online-Games zu erreichen. Denn um am „Recruitainment“ teilzunehmen, muss der Bewerber nicht einmal seinen privaten Schreibtisch verlassen. Hersteller und Programmierer der Online-Tests sehen gerade in Deutschland einen großen Markt für solche Spiele, da hierzulade Fachkräftemangel herrscht.
 

 

Buchempfehlung
Kupka, K., Martens, A., Diercks, J. (2011). Recrutainment - wie Unternehmen auf spielerische Weise Bewerber gewinnen wollen. Wirtschaftspsychologie 2/2011.