Interview mit dem Überlebenden Christian Raffler

Interview Costa Concordia Christian

Wie geht es Dir heute – zwei Jahre nach dem Unglück? Musst Du noch oft daran denken?
Ich würde sagen, das Unglück wird in meinem weiteren Leben immer eine gewisse Rolle spielen. Es war einfach ein Ereignis, das man nicht so einfach vergisst. Das liegt auch daran, dass mit der Kreuzfahrt und der Havarie für mich sowohl positive als auch negative Erlebnisse zusammenhängen. Ich verfolge den Prozess gegen den Kapitän hauptsächlich über Presseberichte – wenn es sich ergibt, auch über das Fernsehen. Hin und wieder träume ich noch von dem Unglück, aber meist nur wenn ich wieder an die Havarie denken musste oder wenn ich mir Videos im Internet angesehen habe. Seit der Havarie war ich bereits auf mehreren Schiffen - auf Fähren, Segelbooten und Ausflugsschiffen. Es war immer auch ein komisches Gefühl, unabhängig davon, welche Größe das einzelne Schiff hatte. Aber auch das werde ich noch überwinden!

Wie hast Du den Zeitpunkt der Kollision erlebt? Wie fühlte sich das an? War Dir gleich klar, dass etwas passiert sein muss?
Wir waren zum Zeitpunkt der Kollision gerade in unserer Kabine. Ich beschreibe das Gefühl immer mit einem Erdbeben oder mit dem Aufsetzen eines Flugzeuges auf der Landebahn. Kurz darauf war uns dann klar, dass etwas Schlimmeres passiert sein muss. Die Beleuchtung fiel ja auch fast direkt nach dem Aufprall zum ersten Mal komplett aus. Und das Schiff lag dann auch sehr schnell schief – uns war schon klar, dass so ein Ozeanriese nicht ohne Grund in eine solche Schräglage gerät.

Gibt es einen Moment in der Unglücksnacht, an den Du Dich heute noch besonders erinnerst?
Es gibt sogar sehr viele einzelne Momente. Ich erinnere mich gut daran, wie wir Pläne gemacht haben für den Abend, wir wollten feiern gehen, es war ja unser letzter Abend an Bord. An den Moment der Kollision erinnere ich mich sehr gut, an das Erlöschen der Beleuchtung auf unserem Deck 8. Ich kann mich gut an die panischen Schreie auf den Gängen erinnern, an das leere Restaurant oder die Vergnügungsdecks – die waren wie leer gefegt.  Ich weiß noch, wie Kinder im Kinderclub ängstlich auf ihre Eltern gewartet haben. Ich kann mich erinnern, wie ältere und behinderte Menschen um einen Platz im Rettungsboot bangten. Unsere Ankunft und die Zeit in der Nacht auf Giglio, das weiß ich alles noch sehr genau – nie vergessen werde ich die Überfahrt in der überfüllten Fähre nach Porto St. Stefano. Dann gab es einen nervigen Medienempfang in Savona. Meine Ankunft zuhause, auch das weiß ich noch sehr genau. Ich habe sehr viele Momente im Kopf und manche haben einen positiven, andere haben einen rein negativen Beigeschmack.

Was wirfst Du dem Kapitän vor?
Es gibt einiges, was ich ihm und dem Rest der Besatzung vorwerfe, aber meiner Meinung nach sollten diese Vorwürfe vor und vom Gericht geklärt werden.

Wirst Du jemals wieder eine Kreuzfahrt machen?
Ich werde definitiv wieder eine Kreuzfahrt machen. Ich denke, das wird mir auch bei der endgültigen Verarbeitung helfen. Wann und wohin, das kann ich im Moment leider noch nicht sagen. Ob es allerdings ein Schiff der „Costa“ sein wird, ist für mich fraglich.

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