Die Legende vom Fratzenschneider

Leise hört man das Zischen des Gases...

...dass die alte Lampe im Tiergarten befeuert. Schwach erhellt ihr Licht den Weg. Eine ruhige Nacht in Berlin, 1920. Gerade ist eine Vorstellung im Wintergarten zu Ende gegangen und die junge Kellnerin Louise verlässt eilig den Hintereingang des Theaters. Die 20-jährige arbeitete seit zwei Jahren im Varieté und hat es wie jeden Abend nun eilig, zurück nach Moabit zu kommen, zurück zu ihrem Verlobten Hermann.

 

Ein Eichhörnchen verweilt kurz im Schein der Lampe, sammelt etwas und verschwindet, als es Schritte hört, die knirschend durch das Dunkel der Nacht hallen.

Louise geht eilig durch den Park. Ihr ist ein bisschen kalt und sie zieht die Jacke etwas enger um sich. Es ist Herbst und unter ihren Füssen knirschen die Blätter, die sie zertritt.

Louise bleibt stehen – hat sie das etwas gehört im Dunkeln der Nacht? Als sie ein Eichhörnchen sieht das an einer Lampe vorbeihuscht, beruhigt sie sich.

Schon seit einigen Wochen macht ein seltsamer Verbrecher Schlagzeilen in Berlin. Man weiß nicht viel, nur, dass in den vergangene 18 Wochen vier Frauen spurlos verschwunden sind. Die Polizei ist ratlos, da weder Leichen gefunden wurden, noch eine Entführung gemeldet wurde oder Forderungen aufkamen. Nichts.

Louise eilt weiter durch die Nacht.

Als sie auf den großen Weg kommt, sieht sie auf einer Bank unter einer Laterne eine Frau sitzen. Eingehüllt in einen dunklen Mantel, den Kopf nach vorne gebeugt, sitzt sie dort und rührt sich nicht.

Man fand von den Frauen zumeist nur Assesoires wie Taschen oder Hüte. Aber nie ein wirkliches Zeichen, was passiert war. Viele gingen auch einfach nur aus, dass die Frauen in unglücklichen Beziehungen steckten und einfach mal verschwinden wollten. Emanzipation griff um sich – das schien plausibel…

Louise erschaudert – um diese Zeit sitzt jemand im Park?

Louise verlangsamt ihren Schritt und nähert sich der Bank. Eine leichte Böe weht Blätter über den Weg, einige bleiben am Bein der Person auf der Bank hängen – sie bewegt sich aber weiterhin nicht.

Als Louise vor der Bank steht, spricht sie die Frau an.

Und sieht nicht, dass aus dem Dunkel hinter ihr ein Mann kommt, gekleidet in einen langen Mantel, die Kapuze tief in sein Gesicht gezogen.

Er nähert sich der jungen Frau, die herumschnellt, als sie das Geräusch hört und erschrickt. Die dunkle Gestalt greift nach ihr und Lousie versucht, ihn abzuwehren, stolpert rückwärts und stösst gegen die Frau auf der Bank, die dabei umkippt. Louise schreckt herum und sieht das Gesicht der jungen Frau im Schein der Laterne.

Als man die Frauen fand, wurde klar, dass sie nicht einfach weggelaufen waren. Sie alle waren noch am Leben – aber die mehr schlecht als recht. Um nicht zu sagen, dass man sich auch bei manchen fragte, ob der Tod für sie nicht gerechter gewesen wäre.

Die Frau, die da vor Louise lag, hatte kein Gesicht mehr. Sie atmete, hatte die Augen geöffnet, aber die Haut, die ihr Gesicht bedecken sollte, war entfernt worden.

Der Mann, der die jungen Frauen entführte, bekam im Volksmund den Namen „Der Fratzenschneider“.

18 Frauen wurden von ihm entstellt, bevor man ihn fand und lebendig einmauerte.

In den Jahren seitdem wurden immer wieder seine Taten kopiert – unklar, ob und wer es war.

Louise war sein siebtes Opfer...

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