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Wirtschaftsrückgang um vier Prozent

Deutsche Wirtschaft erwartet Krise in Russland

Für deutsche Unternehmen wird die kommende Zeit im "Hoffnungsmarkt" Russland hart.

20.03.2016 09:26 Uhr
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© dpa

Die deutschen Unternehmer stellen sich wegen der tiefen Wirtschaftskrise in Russland auf eine lange Durststrecke in dem einstigen Hoffnungsmarkt ein. «Wo sind die Branchen, die richtig explodieren und über die Rohstoffwirtschaft hinaus Wachstum erzeugen können? Diese Frage ist nicht beantwortet», sagte Michael Harms, Chef der Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau, der Deutschen Presse-Agentur. «Wir werden uns von den großen Wachstumsraten, die wir langehatten, mit Sicherheit mittelfristig verabschieden müssen.»

Unter dem Druck des Ölpreisverfalls und westlicher Sanktionen wegen der Ukraine-Krise ist Russlands Wirtschaftskraft 2015 um fast vier Prozent eingebrochen. Die Inflation lag 2015 bei 13 Prozent, zudem klagen die Russen über schrumpfende Reallöhne. Die Landeswährung Rubel hat zum Euro seit Sommer 2014 um 65 Prozent an Wert verloren.

Deutsche Exporte gehen zurück

Auch der Handel mit Deutschland - nach China der wichtigste Geschäftspartner Russlands - leidet unter der Krise. So schrumpften die deutschen Exporte in den größten Flächenstaat der Erde 2015 im Jahresvergleich um rund 25 Prozent auf etwa 18 Milliarden Euro. Der Gesamthandelsumsatz sank nach Angaben der russischen Behörden von fast 53 Milliarden Euro (2014) auf rund 41 Milliarden (2015).

In der deutschen Wirtschaft macht das Wort vom «Überwintern» die Runde. Investitionen würden zurückgefahren, Stellen abgebaut, sagte Harms. Einer jährlichen AHK-Umfrage zum Geschäftsklima zufolge sehen 94 Prozent der Unternehmer die Lage negativ. Zwar gäben die Deutschen den russischen Markt nicht auf. Aber: «Das ist die schlechteste Stimmung, die wir je hatten in unseren Umfragen», meinte Harms.

Seit achteinhalb Jahren ist Harms das Gesicht der deutschen Kaufmannschaft in Moskau. Zum April wechselt der 51-jährige Russland-Experte als Geschäftsführer zum Ostausschuss der deutschen Wirtschaft nach Berlin. Dort dürfte den gebürtigen Dresdener auch das heikle Thema der EU-Sanktionen gegen Russland auf Trab halten.

Probleme sind weitreichend

Harms warnte davor, die wirtschaftspolitische Debatte über Russland auf die Sanktionen zu reduzieren. Die Strafmaßnahmen seien nur ein kleiner Teil der Probleme, die die schwierige Wirtschaftslage verursacht hätten, erklärte er. «Welche gemeinsamen Zukunftsthemen haben wir denn - auch ungeachtet der Sanktionen? Darauf will ich mich in der Diskussion konzentrieren», kündigte er an.

Der scheidende AHK-Chef warb dafür, die Strafmaßnahmen schrittweise abzubauen, um Vertrauen zu bilden. Doch auch davon erwarte er sich keine raschen Verbesserungen, sagte Harms. «Russland wird sich nicht über Nacht in ein Paradies verwandeln.»

Harte Reformen müssen kommen

Seinem designierten Nachfolger in der AHK, dem Leiter des Moskauer «Spiegel»-Büros, Matthias Schepp, empfiehlt Harms, die Bedürfnisse der Unternehmen im Blick zu halten. Die deutschen Firmen litten in der Krise vor allem an Importsubstitution und Protektionismus. Schepps für Ende März erwartete Wahl gilt als Formalie.

Schmerzhafte Strukturreformen hält Harms für den Schlüssel zum Wandel in Russland. Experten wie Ex-Finanzminister Alexej Kudrin fordern seit langem etwa Privatisierungen und eine Verringerung des aufgeblähten Energie-Anteils an der Wirtschaft. Davor scheue sich die Regierung, möglicherweise aus Angst vor Unzufriedenheit in der Bevölkerung, meinte Harms. «Sie scheut sich aus meiner Sicht schon viel zu lange.»

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