Christoph Maria Herbst im Interview

Stromberg - Allgemein

"Ich wollte nie der Professor Brinkmann der Comedy werden"

Deutschlands prominentester Schreibtischtäter ist zurück!
In der vierten Staffel zieht es „Stromberg“ nicht ganz freiwillig aufs Land und bei der „Capitol“ beginnt das große Stühlerücken. Im Interview mit ProSieben.de spricht Christoph Maria Herbst über Strombergs Vorstellung vom Landleben, über sein Selbstverständnis und sein Verhältnis zur Boulevard-Presse.


Herr Herbst, Sie haben in einem Interview die rhetorische Frage gestellt, warum „Stromberg“ eigentlich nicht Politiker werden sollte - wäre er kürzlich bei der Bundestagswahl bei den Gewinnern oder den Verlierern gewesen?

Christoph Maria Herbst:
Stromberg hätte sich das so zurecht gelegt, dass er am Ende auf jeden Fall zu den Gewinnern gehört hätte. Er ist mit seinem eigenen Fähnchen, das er in den Wind hält, viel zu flexibel, als sich am Ende eine Niederlage eingestehen zu können. Grundsätzlich hätte er wohl eine Affinität zur FDP, weil er sich nach eigener Einschätzung zu den Besserverdienern zählt.


Dazu gehört Christoph Maria Herbst sicher auch...


Herbs
t: Es gibt zwar ein Wahlgeheimnis, man muss aus seiner politischen Ausrichtung aber auch keine große Geheimniskrämerei machen. Allerdings frage ich mich „Wen interessiert das?“. Lassen Sie uns also lieber über Strombergs Befindlichkeiten sprechen.

Gut, sprechen wir über Strombergs beinahe triumphale Rückkehr ins Bewusstsein der Zuschauer - ein Triumph, der allerdings nur einen kurzen Augenblick währt...


Herbst: Gleich in der ersten Folge sucht sich Stromberg das größte denkbare Fettnäpfchen aus. Gerade noch wähnt er sich als Gesamtleiter, da begeht er den Fehler seines Lebens und muss erkennen „Wie gewonnen, so zerronnen“. Und findet sich im nächsten Augenblick mitten im Kuhfladen wieder. Sprich: Er wird in ein Dorf auf dem Land versetzt, in dem es eine winzige Dependance gibt, die von der „Capitol“ selbst nicht einmal als Filiale, sondern lediglich als „kleine Außenstelle“ beschrieben wird.


Wie war der Dreh im Kuhfladen?

Herbst: Das war eine ganz besondere Freude, weil wir Tag für Tag mit dem ganzen Tross aufs Land ziehen mussten, wo sich Hase und Igel vielleicht gute Nacht sagen, aber eigentlich nicht mal tot überm Zaun hängen möchten. Kurzum: Eine wunderbare Location, wo Stromberg den überwiegenden Teil der vierten Staffel fristen muss.


Stromberg spricht in der ihm eigenen Diktion geschmackssicher wie immer von „Inzesthausen, wo Mutter, Tante und Lieblingskuh dieselbe Person sind“...

Herbst: Der Clou ist: Gerade noch hat Stromberg Jennifer davor gewarnt, bloß nicht wegen billigerer Mieten aufs Land zu ziehen; er könne sich das für sich jedenfalls auf gar keinen Fall vorstellen. Und schon ein paar Minuten später bekommt er die Nachricht von seiner Versetzung. Aber natürlich gelingt es ihm später trotzdem, einem bäuerlichen Kunden weis zu machen, dass er aus freien Stücken das Landleben gewählt hat. Da ist der Lebenslügner Stromberg endlich wieder ganz in seinem Element.


Apropos „Lebenslüge“: Stromberg versteht es geradezu exzellent, sich die Dinge zurecht zu drehen; ist er aber über die Bauernschläue hinaus auch intelligent?


Herbst: Wir wissen: Stromberg war tatsächlich vorgeschlagen für einen einflussreichen Posten. Das aber wirft in erster Linie die Frage auf, ob die Entscheider bei der „Capitol“ selbst mit Intelligenz geschlagen sind. Eine gewisse Raffinesse ist Stromberg zwar gewiss nicht abzusprechen, dass er aber für einen Führungsjob denkbar ungeeignet ist, das hat er oft genug sehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt.


Sie selbst haben vor Ihrer Künstlerkarriere eine Ausbildung zum Bank-Kaufmann absolviert; sind Sie damals einem Stromberg begegnet?


Herbst: Oh ja, sogar en masse! Und der eine oder andere Kollege von damals dürfte sich charakterlich oder äußerlich wohl auch in Stromberg wieder erkennen. Halbglatze und Klobrillen-Bart kommen nicht von ungefähr!


Kann eine Rolle wie „Stromberg“ mit zunehmender Spieldauer vom Segen zur Bürde oder gar zur „Stromberg-Falle“ werden, wie es die „FAZ“ genannt hat?

Herbst: Von Falle kann sicher keine Rede sein, und wenn, dann höchstens von einer sehr kuscheligen, die mit Brokat ausgeschlagen ist und in der ich mich sehr gut eingerichtet habe. Wenn man Serie macht in Deutschland, dann weiß man bereits vorher, dass das Fluch und Segen zugleich sein kann. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass der Segen die absolute Mehrheit innehat. Was nicht heißt, dass sich irgendwann diese Mehrheitsverhältnisse nicht auch umkehren könnten. Dann aber würde mich mein Bauchgefühl warnen und ich würde die innere Reißleine ziehen.


Nehmen die Menschen auf der Straße wahr, dass nicht „Stromberg“ ihnen begegnet, sondern der Schauspieler Christoph Maria Herbst, der vom Theater über Fernsehen und Kino bis zu Synchronisation und Hörbuch sehr vielfältig arbeitet?

Herbst: Das kommt immer auf den Menschen an, dem man gerade begegnet. Einem geradezu militanten „Stromberg“-Fan mit Scheuklappen kann ich es nicht verübeln, wenn er mich mit „Hallo, Bernd!“ anspricht. Inzwischen aber habe ich mich – nicht zuletzt dank „Stromberg“ - viel breitbeiniger und auch widersprüchlicher positionieren können, als noch vor ein paar Jahren. Der eine oder andere assoziiert mich nicht mehr gleich mit „Stromberg“. Man spricht mich nun z. B. auch auf meine Hörbücher an oder auf den Kinofilm „Willkommen bei den 'Schtis“ , für den ich eine Rolle synchronisiert habe. Das war immer mein Ziel. Ich wollte stets auch andere Facetten ausprobieren und ganz sicher nie der Professor Brinkmann der Comedy werden.


Umso mehr muss es Sie ärgern, wenn man Sie bisweilen fälschlicherweise immer noch unter ‚Comedian’ ablegt?

Herbst: Begriffe sind Schall und Rauch. Ich verstehe zwar, dass jeder Topf einen Deckel und jede Schublade ein Etikett braucht. Nicht zuletzt deshalb habe ich mit diesem Begriff längst meinen Frieden gemacht, obwohl mir bis heute niemand sagen konnte, was ein Comedian genau ist. Und nur weil ich 2001 einige Sketche mit Anke Engelke gespielt habe, wäre ich selbst nie auf den Gedanken gekommen, mich als Comedian zu bezeichnen. Letztlich ist mir das aber allemal lieber, als Blödelbarde oder Ulknudel genannt zu werden. Am liebsten höre ich immer noch ‚Schauspieler’, denn das ist mein Beruf. Aber auch mit ‚Komiker’ oder ‚Komödiant’ kann ich gut leben.
 

Ist das die unterschiedliche Gewichtsklasse zwischen einem Comedian hier und einem Komödianten dort: Mario Barth wirbt für „Bild“, Christoph Maria Herbst hat sich dagegen mal auf „BILDblog.de“ gegen „Bild“ engagiert?

Herbst: Gute Frage! Sie wollen auf eine gesellschaftspolitische Aussage hinaus und stellen beinahe schon die Charakterfrage. Das ist Glatteis, über das ich nicht rutschen will. Fest steht: Mario Barth ist ein Stand-Up-Comedian, ich bin keiner. Fest steht aber auch: Es gibt Politiker, von denen ich mir nie hätte vorstellen können, dass sie – wenn auch mittelbar, etwa mit einer täglichen Glosse – Reklame für „Bild“ machen. Da wundert einen nichts mehr, alles ist denkbar, alles ist möglich. Bei mir aber ist das nicht so, bei mir ist nicht alles denkbar. Allerdings glaube ich, dass mich ein Boulevard-Blatt wie „Bild“ ohnehin nicht gerne als Botschafter hätte.


In der Tat finden Sie trotz Ihrer Popularität im Boulevard kaum statt; wie macht man das?

Herbst: Ich denke, ich bin für den Boulevard einfach nicht interessant genug. Damit kann ich mehr als nur gut leben.

 

Interview: Andreas Kötter

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