Der große Toleranztest 2012 - Ulrich Crüwell im Interview
© ProSieben / Claudius Pflug
Der große Toleranztest 2012 - Ulrich Crüwell im Interview
Wie gehen wir in Deutschland mit Menschen um, die „anders“ sind? Ulrich Crüwell geht dieser Frage nach. Für "Den großen Toleranz-Test" (19. Februar 2012, 19.10 Uhr) besucht der Host u.a. eine militante Frutarierin, ein objektophilen Mann, der ein Atomkraftwerk liebt, einen bekennenden Nudisten und einen Tourette-Kranken. Jeder einzelne von ihnen zeigt Ulrich Crüwell seine ganz persönliche Erfahrungswelt.
Für „Den großen Toleranz-Test“ sind Sie zu verschiedenen Menschen in ganz Deutschland gereist. Was für eine Art Doku ist dabei entstanden?
U. C.: „Diese Doku ist eine Reise, die uns zu außergewöhnlichen Menschen Deutschlands führt. Menschen, bei denen sich einige vielleicht fragen: Gibt es die wirklich? Sollten jemals Marsmenschen auf unserem Planeten landen, würde ich Ihnen raten, ihre Rundreise in Deutschland zu starten. Abgedrehter geht es kaum noch. Und hier würden sie auch gar nicht so sehr auffallen.“
Was ist ihrer Ansicht nach das größte Tabu-Thema unserer Gesellschaft?
U.C.: „Ich denke, dass es immer noch die ,klassischen‘ Tabus sind. Übers Sterben reden wir nicht so gerne. Über seelische Krankheiten auch nicht. Und Homosexualität ist in einigen Berufszweigen immer noch ein Tabu. Im Profifußball zum Beispiel. Anstrengend wird es für die Betroffenen, wenn sie sich verstellen müssen.
Was kann jeder Einzelne tun, um eine tolerantere, aufgeschlossenere Gesellschaft zu schaffen?
U.C.: „In den Spiegel schauen. Jeder von uns hat eine kleine Macke, eine peinliche Schrulligkeit. Und das ist auch gut so. Perfekt ist langweilig.“
Welcher Mensch, den sie besucht haben, hat Sie am meisten überrascht?
U.C.: „Sandro, der Objektophile, der sich von den Türmen des untergegangenen World Trade Centers sexuell angezogen fühlt und sich gerade in ein Atomkraftwerk verknallt hat. Bei ihm hatte ich ein bisschen Angst, dass es schwierig werden könnte. Doch dann war Sandro erfrischend humorvoll. Zum Thema Treue sagte er, dass er sich manchmal spontan in andere Gebäude verliebe, schließlich sei er kein ,Kostverächter‘. Ein One-Night-Stand mit einem anderen Hochhaus ist also drin. In Sachen ,Dingliebe‘ hat mich der Besuch entklemmt.“
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Wie reagieren Menschen aus Sandros direktem Umfeld auf sein Anderssein?
U.C.: „Sehr überrascht hat mich seine Großmutter, bei der er auch lebt. Sie hat überhaupt kein Problem mit ihrem Enkel. Die Dame hat die Twin Towers als ihre ,Schwiegertürme‘ akzeptiert und will nur, dass der Junge glücklich ist. Ein tolle Oma.“
Welchen Menschen bewundern Sie aufgrund seines toleranten Verhaltens?
U.C.: (überlegt) „Meine Frau, weil sie meine gelegentliche Unordnung akzeptiert. Mutig und gut fand ich den Satz von Bundespräsident Wulff, dass der Islam zu Deutschland gehört.“
In einem Beitrag probieren Sie das „Nackt sein“ selber aus? Können Sie sich vorstellen, den ganzen Tag über nackt zu sein?
U.C.: „Als Grundschüler war ich mal drei Wochen am Stück nackt. In den Sommerferien durfte ich mit meinem Freund und seiner Familie nach Korsika in den Urlaub fahren. Was ich nicht wusste oder nicht verstanden hatte, dass das Ziel ein FKK-Campingplatz war. Eine ziemliche Überraschung. Aber damals habe ich mich schnell dran gewöhnt. Heute wäre das nichts mehr für mich. Nudist bin ich nur noch im Badezimmer“.
In welcher Situation im „Toleranz-Test“ sind Sie an ihre persönliche Grenze gestoßen?
U.C.: „Der Trip zu den Veganern war eine Grenzerfahrung. Die essen keine Tiere und tragen keine Lederschuhe. In ihren Augen dürfen Tiere nicht benutzt werden. Das ist nachvollziehbar. Aber dass ihr wenige Monate altes Baby kein Kuscheltier haben soll, überfordert mich. Ich dachte bislang, dass Teddybären leben, um von Kindern geliebt zu werden.“
Was haben Sie persönlich aus dem „Toleranz-Test“ gelernt?
U.C.: „Lockerheit. Wir haben ja außergewöhnliche Menschen besucht mit manchmal ziemlich skurrilen Eigenheiten. Beeindruckend fand ich, wie offen und wie lässig sie damit umgehen. Das hat abgefärbt.“