- Bildquelle: Universal/Electrola © Universal/Electrola

Es beginnt mit dem steten Rhythmus einer Faust, die auf einen Tisch schlägt. Ein junger Mann, Mitte zwanzig sitzt schwarz-weiß und hochkant-gefilmt im Bild, auf Höhe der Schulter sieht man das Logo der App TikTok. Er trägt einen Kapuzenpullover und eine schwarze Mütze. Dann beginnt der schottische Postbote Nathan Evans aus Glasgow zu singen, während der Text eingeblendet ist, mit einer jener kräftigen, im Pub geschulten Stimmen, wie sie viele Schotten haben: „There once was a ship that put to sea / And the name of that ship was the Billy o’ Tea / The winds blew hard, her bow dipped down, / Blow, me bully boys, blow!“ Das Lied erinnert an ein klassisches Shanty, dessen Ursprung in Neuseeland zwischen 1860 und 1870 vermutet wird. Shantys sind rhythmische Lieder, mit denen sich Seemänner die harte Arbeit auf See ein wenig erleichterten. Der Refrain des von Evans gesungen Shantys geht dann so:  „Soon may the Wellerman come / to bring us sugar and tea and rum. / One day, when the tonguing’ is done, / We’ll take our leave and go.“ Mit dieser Zeile wird das Shanty recht genau verortet, denn als „Wellerman“ bezeichnete man jene Proviant-Schiffe der Gebrüder Weller, die im Hafen von Otago eine Walfangstation betrieben und ihre auf See jagenden Crews auf diesem Weg mit Nahrung und Rum versorgten, um sie bei Laune zu halten. Der Refrain, bzw. das Wort „tonguing‘“ darin, gibt außerdem einen Hinweis darauf, dass es sich nicht um ein reines Shanty handelt, sondern „Wellerman“ auch als „cutting-in song“ gesungen wurde – also beim Schlachten der Wale geschmettert wurde. 

Trotz der morbiden Vergangenheit wurde „Wellerman“ zum weltweiten TikTok-Phänomen, als tausende in der Pandemie festsitzende Hobby-Musikerinnen und -Musiker per Duett-Funktion mitsangen, daraus Chöre zusammenmixten, EDM-Remixe anfertigten, alternative Versionen schrieben undsoweiterundsofort. Inzwischen gibt es sogar kindergerechte Textversionen und welche, die erklären, dass Wale töten und Tiere essen eh nicht mehr zeitgemäß sein sollte.

Bei all dem Hype brauchte es schließlich noch eine Version, die ein wenig mehr Wumms hat als Nathan Evans‘ Bedroom-Cover. Die dabei aber trotzdem mit festen Seemannsstiefeln auf robusten Schiffsplanken steht, während der Wind mit voller Wucht in die Segel bläst. Auftritt: Santiano. Denn wenn es eine deutsche Band gibt, die schon vor langer Zeit den Reiz der Shantys für sich entdeckt und von den Häfen in die Stadien Europas gebracht hat, dann ja wohl Timsen Hinrichsen und seine Crew. Gemeinsam mit Evans überführen sie „Wellerman“ in ihren Shanty-Rock-Sound, lassen ihre kehligen Stimmen donnern, während die klagende Geige die Sehnsucht der Seemänner spüren lässt. Ein „match made in heaven“ wie die Schotten sagen würden – oder eher „made at sea“.

Das offizielle Video