Advanced Chemistry - Bildquelle: Universal Music© Universal Music

Das deutsche Hip-Hop-Alphabet folgt einer seltsamen Logik. Nach A und C kommt B. Oder anders gesagt: AC sind der Grund, dass es B überhaupt gibt.
Für alle, die keinen blassen Schimmer haben, wovon hier die Rede ist, mal eben die Kurzfassung. Heidelberg. Ende der achtziger Jahre. Eine Crew namens Advanced Chemistry. Rap war damals noch gleichbedeutend mit Englisch – bis einer der MCs von Advanced Chemistry in der Muttersprache zu reimen begann. Der MC hieß Torch und war das personifizierte Erweckungserlebnis für eine ganze Generation. Zu dieser Generation gehörten auch zwei kleine Scheißer namens Jan und Dennis. Sie nahmen die Fackel auf, gründeten ihre eigene Band und machten Rap auf Deutsch zur definitiven Popmusik unserer Zeit…
Es war einmal. Und es ist immer noch. Die kleinen Scheißer von damals sind heute ausgewachsene Stars. Und sie haben soeben ihr viertes Album fertiggestellt, das auch deswegen “Advanced Chemistry” heißt.
Wie geht man es an? Wie nimmt man seine erste Platte nach 13 (!) Jahren auf, wenn man ein ganzes Genre geprägt und darin mehr erreicht hat, als dafür überhaupt je vorgesehen war? Wenn man die Hall of Fame von innen und seine Szene von außen kennt, weil zwischenzeitlich andere Kleinigkeiten wie Familiegründen, kreative Kontemplation und Soloprojekte mit Platinüberzug anstanden? Wenn da draußen Leute warten, die dieser Musik nicht weniger als ihre verdammte Jugend verdanken, und dahinter bereits Massen von YouTube-Experten und andere Wwwahnsinnigen mit den Hufen scharren? Die Beginner haben das getan, was vermeintlich nahe liegt und dennoch so verdammt schwer sein kann. Sie haben den riesigen Sack mit den Erwartungen über Bord geworfen, sich kurz gestreckt und einfach mal gestylet. Das Ergebnis ist pure, dringliche, zeitlos dope Rapmusik.
Die erste Single “Ahnma” ist ein perfektes Beispiel für diesen Ansatz. Sobald die Sirenen des einlaufenden Dampfers aus den Boxen wehen, fühlt man sich auf beinahe unwirkliche Art zuhause. Und spätestens wenn nach dem kurzen Ehre-wem-Ehre-gebührt-Intro des eingangs erwähnten Torch die Bassline reinschwappt, weiß man, dass auch im Sommer 2016 alles gut wird: “Der Testsieger rappt wieder!”

Im dazugehörigen Schwarz-Weiß-Video, stilecht gedreht am Hamburger Hafen, ist ein ganzes Allstar-Team aus dem erweiterten Familienkreis zu sehen: Dynamite Deluxe, Deichkind, D-Flame, Uwe Seeler, alle da. Die Beginner, das war immer mehr als nur DJ Mad, Denyo und Eizi Eiz. Die Beginner waren stets auch das Epizentrum einer Bewegung: ein Leit- und ein Sinnbild ihrer Umgebung. Da passt es ins Bild, dass auf “Advanced Chemistry” genau zwei Arten von Gästen zu hören sind: langjährige Weggefährten wie Samy Deluxe oder Dendemann; und die heißesten Feuerspucker der Jetztzeit: Megaloh, Haftbefehl und Gzuz. Der repräsentiert auf “Ahnma”, im Widerspiel mit Gentlemans hymnischer Hook, die Gegenwart der ewigen Heimatstadt Hamburg. Es ist reiner Zufall, aber dennoch eine feine Volte des Schicksals: Just an dem Tag, an dem “Ahnma” erschien, stieg Gzuz auf Platz 1 der deutschen Albumcharts ein – 13 Jahre, nachdem die Beginner mit “Blast Action Heroes” Deutschraps erste Nummer Eins klarmachten. “Each one teach one” heißt ein alter Leitsatz der Hip-Hop-Kultur. Heute passiert das eben in solchen Dimensionen, auch dank der Beginner.
Dieses spezielle Stück Musikgeschichte rekapitulieren die drei auf der zweiten Single “Es war einmal”. Der Song beginnt mit den ersten Auftritten im Jugendhaus und endet bei der Rückkehr mit besagter Nummer Eins. Dazwischen: Die musikalische Findungsphase rund um das Debüt “Flashnizm”, der monströse Hype von 1999, der legendäre Nicht-Auftritt bei “The Dome”, der demonstrative und quasi-therapeutische Rückzug in den Underground. Es ist alles vielfach aufgeschrieben worden. Aber wenn es die Beginner selbst noch einmal erzählen, über einen geschnipsten Breakbeat und aus der Perspektive einer Zeit, in der deutscher Hip-Hop erfolgreicher (und dauerhafter erfolgreich) ist als je zuvor, erwischt es einen noch mal mit ganzer Wucht. Was für eine Reise, gefühlte Internetjahrhunderte her und doch so präsent, als wäre einem “Liebes Lied” erst letzte Woche in die Timeline gespielt worden. “Advanced Chemistry” hat nichts Museales, es ist ganz im Moment und auf eine sehr unaufgeregte Weise vollkommen.
In den zwölf Stücken des Albums verdichtet sich, was die Beginner immer ausgezeichnet hat, ihre individuellen Geschichten und ihre einzigartige Chemie als Band. Da sind die Einflüsse von Public Enemy bis Lil Wayne, von Dr. Dre und Rick Rubin bis Neptunes und Just Blaze. Da sind Denyos brillante Wortschöpfungen und seine punktgenau punchenden Einzeiler gegen Einzeller. Da sind die harmonischen Haken und unverschämt einprägsamen Hooks von Eizi Eiz. Da sind die kongenialen Cuts von Professor Mad. Da ist der wasserdichte Wumms von Co-Produzent Kaspar “Tropf” Wiens und der Touch von FIJI KRIS aus Berlin (Symbiz, KitschKrieg), der dem Beginner-Sound mit seinen Wurzeln in der globalen Soundsystem-Schrägstrich-SoundCloud-Kultur eine weitere Note hinzugefügt hat. Da sind die Bässe aus der Karibik und da ist der nordische Schnack, der erneut Eingang finden wird in das Alltagsvokabular von Elbe bis Twister: Was los Digger, ahnma!
Die Themen der Platte sind so vielfältig wie ihre musikalischen Einflüsse. “Spam” beschäftigt sich mit den Abgründen der schönen neuen digitalen Welt. “Thomas Anders” ist der stolz gereckte Mittelfinger gegen die durchnormierte Langeweile der Selbstoptimierungsstreber und Spießbürgerkings. Und zum Abschluss des Albums beleuchten die Beginner mit dem ihnen eigenen schwarzen Hanseatenhumor die Greuel einer jeder Reise: Woanders is’ auch scheiße, wo bitte geht’s hier wieder “Nach Hause”?!?
Dazwischen lassen sie alle Mädels, Muddis und sonstigen tollen Frauen dieser Erde hochleben (“So schön”), kurieren über einem fiebrigen Zeitlupenbeat den Suff des Jahrhunderts aus (“Kater”), tanzen Wiener Krawallzer und verteilen Sound-Schellen an jeden, der’s verdient hat: von Monsanto bis Slam-Poets in den falschen Schuhen. Und wenn sich dann noch der selbsterklärte “vierte Beginner” Samy Deluxe zum gemeinsamen Meucheln von wack MCs einfindet, biegt sich die Festivalbühne förmlich vor dem inneren Auge.
“Advanced Chemistry” ist der Beweis, dass Rap reifen und trotzdem knallen kann. Es ist außerdem der Beweis, dass sich Geduld in ganz seltenen Ausnahmefällen doch lohnt. “Detox”? Im Giftschrank. “Chinese Democracy”? Nie gehört. “Advanced Chemistry”? Schön, dass sie wieder da ist, die derbste Band der Welt.

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