Calum Scott & Leona Lewis

Nachdem seine minimalistische Interpretation von „Dancing On My Own“ schließlich satte 550 Millionen Streams generieren und ihm obendrein eine Nominierung für den BRIT Award in der Kategorie „Best Single“ bescheren sollte, steht Calum Scott nun also mit seinem ersten Studioalbum in den Startlöchern: „Only Human“. Aufgenommen mit so renommierten Produzenten wie z.B. Fraser T. Smith (Adele, Ellie Goulding), Jayson DeZuzio (Skylar Grey, Imagine Dragons) und Oscar Görres (Taylor Swift, Britney Spears), zeichnen sich die Songs von „Only Human“ vor allem durch jenen sanften und dabei doch extrem souveränen Gesang aus, den der Brite zuletzt auch live auf Tour präsentiert hat – u.a. gemeinsam mit Emeli Sandé. Schon diese ersten Eigenkompositionen aus der Feder von Calum Scott lassen eine ganz besondere Gabe als Songwriter erkennen: Er schafft es irgendwie, indem er auf absolute Offenheit und Verletzlichkeit setzt, seinen Zuhörern ein Gefühl von Hoffnung und Zuversicht zu geben...

Schon die Vorab-Single „You Are The Reason“ bringt Scotts Ansatz sehr gut auf den Punkt, denn bereits hier verwandelt er Schmerzhaftes in Schönes: Was mit Gedanken über Ängste und deren Auslöser begann, entwickelte sich zu diesem dezent optimistischen Track, der letztlich als ein ausgelassenes, feierliches Statement funktioniert. „Ich nahm das Stück irgendwann einfach auseinander und schaute mir alle Passagen etwas genauer an – und so wurde aus der Zeile ‘Without a reason’ dann z.B. ‘You are the reason’“, berichtet Scott. „So wurde aus einem Stück über Angstzustände schließlich ein Song mit einer ganz anderen Message: Dass nämlich die Liebe, die man für die Menschen um einen herum spürt, sehr viel stärker ist als alles andere.“

Auch im weiteren Verlauf von „Only Human“ stehen seine Ausnahmestimme und die persönlichen Inhalte ganz klar im Mittelpunkt seines eleganten Pop-Entwurfs: Im Fall der schmerzhaften Klavierballade „Hotel Room“ dreht sich sein intelligentes Storytelling um eine Liebe, die nicht erwidert wird. „Da geht’s darum, einen Typen kennenzulernen und sich so sehr zu verknallen – um dann allerdings zu erfahren, dass er gar nicht schwul ist, was ich gar nicht fassen konnte, so verwirrt war ich danach“, meint Scott. „Als das passiert war, gab ich mir natürlich selbst die Schuld: schließlich hatte ich mein Herz zu schnell geöffnet, es zu schnell verschenkt. So à la ‘Warum musstest du ihn überhaupt mögen? Und warum kann ich nicht einfach weiterziehen und ihn wieder streichen aus meinem Kopf?’“ Eine ähnlich ruhige und eindringliche Nummer ist „Only You“, in deren Verlauf die eigene Vereinsamung während der Jugend zunächst Thema ist über den dezenten Beats (Auszug: „So they bullied me with silence/Just for being who I am“), bis sich Scott damit vor einem geliebten Freund verneigt, der ihm damals aus dieser Situation herausgeholfen hat.

Obwohl er auf „Only Human“ immer wieder Gefühle wie Schmerz und Liebeskummer seziert und thematisiert, hält das Debüt auch sehr viel euphorischere Momente als Gegenpol bereit: Das triumphal klingende „What I Miss Most“ wäre so ein Beispiel, mit dem er sich überschwänglich vor seiner Heimatstadt verneigt. Und dann kehrt er doch gewissermaßen zurück zu seinen Cover-Anfängen, denn es gibt noch eine ausgefeilte Neuinterpretation neben dem bereits erwähnten „Dancing On My Own“ (ebenfalls auf dem Album vertreten) – eine krass arrangierte, grandios feingliedrige Coverversion von Bob Dylans „Not Dark Yet“.

Aufgewachsen im nordenglischen Kingston upon Hull, glänzte der junge Calum Scott als angehender Sänger vor allem im Auto seiner Mutter, wo er lautstark deren Lieblingssongs von Ikonen wie Shiley Bassey oder Queen mitsang. Obwohl er danach schon als Kind hinterm Schlagzeug landete – und er seine Schwester dafür bewunderte, dass sie sich so intensiv dem Singen und Tanzen widmete – schlug er nach dem Schulabschluss einen klassischen Karriereweg ein; an eine Karriere als Musiker dachte er damals nicht einmal. „Doch dann, nachdem ich so vier Jahre in meinem Job gearbeitet hatte, da war ich’s einfach so unglaublich satt, immer nur Kopien zu machen oder Tee“, erinnert er sich. „Ich wusste einfach, dass diese Art von Leben noch nicht das sein konnte, wofür ich geboren wurde.“

Seine Liebe zum Singen war ungebrochen, und so machte er sich gelegentlich am Audio-Equipment seiner Schwester Jade zu schaffen, wenn er ganz alleine zu Hause war. „Einmal war ich gerade dabei, weil ich dachte, sie sei nicht daheim, aber dann hörte meine Schwester mich singen...“, erzählt er. „Und anstatt mich persönlich darauf anzusprechen, meldete sich mich einfach ohne mein Wissen bei einem Gesangswettbewerb an!“ Übermannt vom Lampenfieber, war Calum Scott wie gelähmt beim bloßen Gedanken daran, vor fremden Leuten singen zu müssen. „Ich weiß noch, wie ich mich beim Wettbewerb dann in den Toiletten versteckt hielt und nach einem Fluchtweg gesucht habe. Nur war das Fenster zu klein, um dadurch abzuhauen. Und als ich dann dran war und auf die Bühne sollte, bat ich schnell noch um einen Mikroständer – ich zitterte einfach so krass, dass ich Angst hatte, das Kabel könnte wie ein Lasso auf die Leute im Publikum einschlagen.“

Trotz der akuten Panik hat er den Auftritt überlebt, in dessen Rahmen Calum Scott „Last Request“ von Paolo Nutini zum Besten gab. „Schließlich tauchte ich einfach in meine eigene Welt ein und versuchte nur noch, die Gefühle zu kanalisieren, um die es dem Protagonisten dieses Songs geht“, erinnert er sich weiter. „Danach zitterte ich zwar immer noch, aber ehrlich gesagt wollte ich gar nicht mehr von der Bühne runter. Ich hatte eine neue Leidenschaft gefunden, ein ganz neues Gefühl war das, und seither habe ich nur eine Mission: zu singen.“ (Als Zeichen seiner Dankbarkeit schrieb Calum Scott schließlich den Song „Won’t Let You Down“ für seine Schwester Jade, der auch auf dem kommenden „Only Human“-Album vertreten sein wird.)

2015 präsentierte Scott dann seine ergreifende Interpretation von Robyns Electropop-Song „Dancing On My Own“ (2010) bei „Britain’s Got Talent“, wo er es bis ins Halbfinale schaffte. Auf eigene Faust im Jahr drauf veröffentlicht, ging sein Cover in 11 Ländern an die Spitze der iTunes-Charts und entpuppte sich Ende 2016 sogar als meistverkaufte UK-Single des Jahres (von einem britischen Solokünstler). „Ich konnte mich einfach so gut identifizieren mit dem Text: homosexuell zu sein und so lange nicht zu wissen, wie ich damit umgehen sollte“, meint er heute über „Dancing On My Own“. „Ich hatte das schon so oft mitbekommen, wie jemand eine Beziehung eingegangen war – und ich wünschte mir es so sehr für mich selbst...“ Während dieser ersten Cover-Song-Phase trat er schließlich auch bei diversen großen US-Shows auf, u.a. „Late Night with Seth Meyers“, „The Ellen DeGeneres Show“ und „Good Morning America“, um danach auch seine erste Headliner-Tour durch die Staaten auszuverkaufen. Parallel dazu schrieb er bereits an denjenigen Songs, die nun auf „Only Human“ erscheinen.

Was die Titelwahl seines Erstlings angeht – „Only Human“ –, bezieht sich Calum Scott damit auf die Lektionen, die ihm das Schreiben eigener Songs beschert hat. „Viele von diesen Songs basieren letztlich darauf, dass ich ein Zwiegespräch mit mir selbst über meine Gefühle führe – oder ich bin ganz aufgewühlt, weil es mir unmöglich scheint, diese Emotionen auf irgendeine Weise zu kontrollieren. Und weil das Schreiben letztlich für mich wie eine Therapie funktioniert hat, weil ich die Sachen rauslassen konnte, geht es mir nun darum, dass diese Stücke auch anderen Menschen helfen sollen“, sagt er abschließend. „Für mich bedeutet ‘Only Human’: sich mit den eigenen Gefühlen zu arrangieren. Kein Problem mehr damit zu haben und jegliche Schamgefühle abzuschütteln. Ich hoffe, dass diese Texte und diese Songs dazu beitragen können, dass auch andere Leute es schaffen, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie sind. Denn allein dadurch würde es schon etwas weniger Angst auf der Welt geben – und sehr viel mehr Raum für die Liebe.“

Die emotionale Single You Are The Reason