- Bildquelle: Michael Breyer© Michael Breyer

"Derbe" ist inspiriert von über zwei Jahrzehnten Rap und den Sounds von Morgen. Denn das Ende vom Lied ist bekanntlich nur der Anfang vom nächsten... 

Wer über Denyo spricht, kommt an Geschichte nicht vorbei. Mit seiner Band (Absolute) Beginner definierte er über ein Jahrzehnt hin- weg den Sound des deutschen Hip-Hop. Die Stilexperimente von "Flashnizm", der Bums von "Bambule", der Neoklassizismus von "Blast Action Heroes" prägen das Genre bis heute. Dessen Grenzen aber waren dem gebürtigen Hamburger stets zu eng, seine ver- meintlichen Regeln nur eine Aufforderung, sie zu brechen. So erfand sich Denyo immer wieder neu. Er veröffentlichte drei Solo-alben, darunter zuletzt 2009 die Singer-Songwriter-Platte "Suchen & Finden" unter seinem bürgerlichen Namen Dennis Lisk. Er wurde DJ, Kurator, Mentor.

Nun lässt er Denyo wieder aufleben – den MC, der Rap auf Deutsch einst in eine neue (Style-)Liga katapultierte. Sein neues Album "Derbe" ist Snapshot, Aufarbeitung und Ausblick zugleich. Sie zeigt den gereiften Familienvater, der sich seit über 20 Jahren im dauer- aufgeregten Paralleluniversum Musikindustrie bewegt und dabei alles erlebt hat, von Platinplatten und Stadionshows bis hin zu leisen Momenten der Introspektion. Sie zeigt aber auch den nimmermüden Musiknerd, dessen größtes Glück darin besteht, nach Soundcloud- Preziosen zu graben, Beats zu basteln und obsessiv an Worten zu feilen, bis sie genau das sagen, was sie ihm bedeuten.

Die zehn Stücke von "Derbe" sind das Ergebnis von drei Jahren intensiver Auseinandersetzung mit Sounds und Texten. Die Beatge- rüste und Songkonzepte entstanden in Denyos Wohnzimmerstudio in seiner Wahlheimat Berlin – teils während der Arbeit am fast schon mythischen vierten Beginner-Album, teils durch die alltägliche Suche nach frischen Tracks, wie er sie Woche für Woche in seiner Radio- sendung "Top Of The Blogs" auf N-JOY präsentiert. Diese Skizzen produzierte er gemeinsam mit den Ghetto-Bass-Spezialisten von Symbiz aus und verfeinerte sie schließlich minutiös bis zu ihrer jetzigen Form.

Dabei ist ihm Erstaunliches gelungen: Mit "Derbe" nimmt Denyo das Gestern mit ins Heute, um sich selbstbewusst ins Morgen zu stürzen. Er hat Hamburg im Herzen, die Welt im Blick und beide Beine auf dem Berliner Boden. Der Albumtitel ist dabei mehr als eine Referenz an den Schnack der Stadt, die ihn großgezogen hat. Er ist auch die denkbar prägnanteste Punchline über eine fundamentale Wahrheit des Pop: Ein derber Song ist ein derber Song ist ein derber Song. Und Denyo versteht ein bisschen was von derben Songs.

Der (gar nicht so) heimliche Schlüsseltrack "Elbtunnelblick" etwa changiert zwischen einem tiefenentspannten, wohlig vertrauten Soul-Sample und einem hyperaktiven Hitech-House-Beat. In diesem Hochspannungsfeld reflektiert Denyo die zurückliegenden Jahre – und kickstartet damit die nächste Runde seiner Rap-Karriere: "Helm auf, Vollgas, Elbtunnelblick". Doch "Elbtunnelblick" bedeutet auch: Erst der absolute Fokus öffnet den Blick aufs große Ganze. Und wirklich zuhause ist nur, wer schon mal auf der anderen Seite war.

Diese Perspektive öffnet selbst den persönlichsten Songs der Platte eine zweite Ebene der Allgemeingültigkeit. So ist "Urlaub im Grünen" nur vordergründig eine bildreiche Kiffer-Hymne; es ist auch eine Parabel auf den alltäglichen Wahnsinn im WLAND und die Sehnsucht nach einem kurzen Moment der Mobilfunkstille. "Hübsche Frauen" dagegen beleuchtet augenzwinkernd die uns allen schmerzlich bekannten Kausalzusammenhänge zwischen Kontostand und Kleider- schrank. Mit “Papa” erklärt Denyo an der Seite von Deutschraps Übervater Torch seinen Kindern (und insgeheim sich selbst) seinen Job. Auf "Kein Bock" nimmt er mit geschultem Blick – sowie seinen MC-Champions-League-Kollegen Jan Delay und Sido – die Rituale der Häppchenjäger und Dummschwätzer von Berlin-Mitte auf die Schippe. Und "#DERBE" schließlich ist eine Ode an das Feiern und die Realitätsflucht im Zeitalter der zwanghaften Selbstoptimierung: ein riesengroßes Stück Kleinerdrei zwischen Nullen und Einsen.

All das fließt schließlich zusammen, wenn sich Denyo auf "Gegenwind" seine eigene Schnellstraße in die Zukunft baut – breit wie der Dubstep-inspirierte Beat, der wuchtig unter dem schwerelosen Refrain wummert. "Ich pflaster' mir 'ne Startbahn aus deinen Steinen / Und dann heb' ich ab und sammel' Meilen", heißt es dort. Denn: "Je mehr Gegenwind, desto mehr Auftrieb." Denyo hat nie einen Hehl aus seinen Emotionen gemacht; auch aus Rückschlägen und Zweifel hat er stets neue Inspiration bezogen. Mit "Derbe" schließt sich dieser Kreis: "Zehntausend Meter über dieser blauen Erde tagge ich meinen Namen in weißer Schrift in die Atmosphäre."

“Denyo” steht dort nun, und dieser Denyo lebt. In vollen Zügen. 

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