- Bildquelle: Ulrike Rindermann © Ulrike Rindermann

Wer sich mit der Geschichte des Souls auch nur ein klein wenig auskennt, weiß: Es ist ein musikalischer Ritterschlag, wenn man sein Album beim US-Label Motown veröffentlichen darf. Denn dieses 1959 gegründete Label aus Detroit steht für einen ganz bestimmten Sound, für Qualität und für die ganz großen Namen wie Smokey Robinson, Stevie Wonder, The Supremes, Marvin Gaye, The Temptations und The Jackson 5. Deshalb darf man allein diese Tatsache hier noch einmal betonen: Joy Denalane ist die erste deutsche Sängerin, der diese Ehre zu teil wird.

Überraschend kommt das jedoch nicht. Denn eigentlich weiß man ja um Joy Denalanes musikalische Qualitäten – schon seit sie 1999 an der Seite von Max Herre und seinem Freundeskreis durch „Mit dir“ auf die großen Bühnen trat und eine Weile fast täglich im deutschen Musikfernsehen lief.

„Let Yourself Be Loved“, das im September 2020 erschien, ist nun ihr großes, englischsprachiges Soul-Statement. Es ist eine Verneigung vor den oben genannten Namen, zu denen man unbedingt noch Aretha Franklin zählen sollte. „Ich wollte ein ganz klassisches Soul-Album machen“, sagt Joy Denalane. „Stilistisch wollte ich mich in der Phase von Ende der 60er-Jahre bis ungefähr 1973 bewegen.“ Allerdings hat sie es mit ihrer Band geschafft, diesem Sound einen sehr modernen Anstrich zu geben. Statt nach Retro-Nostalgie, klingen diese Lieder hier dank Joy Denalanes Stimmeinsatz dringlich und mitreißend. Trotzdem schwingt diese große Soul-Tradition mit, die Joy vor allem durch ihren Vater vermittelt bekam. „Mein Vater besaß Hunderte von Platten“, sagt Joy. „Unser Wohnzimmer wurde von seiner Sammlung dominiert.“ In den Interviews zu ihrem Album erinnert sich Joy zudem an vertrauliche Autofahrten, bei denen ihr Vater und sie manchmal noch eine Weile im Wagen vor ihrem Wohnhaus sitzen blieben, um ein Stück auf dem Soul-Mix-Tape gemeinsam bis zum Ende zu hören.  

Kurz vor der Veröffentlichung von „Let Yourself Be Loved“ spielte Joy Denalane einige der neuen Songs in einer gefilmten Live-Session im Berliner Club Metropol neu ein. Ein geschichtsträchtiger Ort in jenem Stadtteil, in dem Joy Denalane geboren wurde: Schöneberg. Das Metropol im Theater am Nollendorfplatz war in den späten 70er- und 80er-Jahren eine der bekanntesten Nachtclub-Adressen Westberlins. Seit Frühjahr 2019 wird der Club wieder unter diesem Namen für Konzerte und Partys genutzt.

Es wärmt einem das Herz zu sehen, wie Joy Denalane hier mit ihrem Feature-Gast BJ The Chicago Kid, einer kompakten Band und Backgroundsängerinnen über das Parkett wirbelt und sich in „I Believe“ hineinwirft. Eine Live-Performance, die für ein paar Minuten den Glauben erweckt, dass wir in ein paar Monaten, hoffentlich, wieder mehr Live-Musik sehen und hören können als das gerade möglich ist.

Das offizielle Video