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Knapp zwei Monate nach der Absetzung der Separatisten-Regierung in Katalonien hat sich bei der Neuwahl des Regionalparlaments eine Rekordbeteiligung abgezeichnet. Bis 18.00 Uhr hätten trotz des Werktages bereits 68,3 Prozent der 5,5 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, erklärte ein Regierungssprecher am Donnerstag. Schon vor Öffnung der 2680 Wahllokale hatten sich am Morgen vielerorts lange Schlangen gebildet. Der Ausgang der Abstimmung war ungewiss. Umfragen sagten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Separatisten und ihren Gegnern voraus.

Beobachter rechneten damit, dass mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben würden, denn die Wahllokale sollten erst um 20.00 Uhr schließen. Bei der vorangegangenen Regionalwahl in der nordostspanischen Region, die von den Separatisten zum «Plebiszit über die Unabhängigkeit» erklärt worden war, waren 77 Prozent der Wahlberechtigten an die Urnen gegangen.

Erste Prognosen

Bei der Neuwahl in der spanischen Konfliktregion Katalonien haben die Parteien des separatistischen Lagers nach einer Medienprognose gemeinsam möglicherweise erneut eine knappe absolute Mehrheit der Sitze im Parlament von Barcelona errungen. Das geht aus einer Prognose der angesehenen Godo-Mediengruppe (La Vanguardia) hervor, die nach Schließung der Wahllokale um 20.00 Uhr veröffentlicht wurde und auf eine repräsentative Befragung von 3200 Wählern basiert. Die drei für die Unabhängigkeit Kataloniens eintretenden Gruppierungen kommen demnach auf bis zu 71 Sitze. Für die absolute  Mehrheit sind mindestens 68 Sitze nötig.

Ganz vorne liegen demnach die linksnationalistische Partei ERC des separatistischen Spitzenkandidaten Oriol Junqueras mit 34 bis 36 Sitzen sowie die liberale Partei Ciudadanos von Unabhängigkeits-Gegnerin Inés Arrimadas mit 34 bis 37 Sitzen. Auf dem dritten Platz landet nach der Prognose mit 28 bis 29 Sitzen die separatistische Liste JuntsxCat (Gemeinsam für Katalonien) des Ende Oktober abgesetzten Regionalpräsidenten Carles Puigdemont, der erneut als Spitzenkandidat antrat.

Die absolute Mehrheit wurde demnach wie erwartet von allen Parteien deutlich verpasst. Es werden schwierige Koalitions-Verhandlungen erwartet, da es auch innerhalb der beiden Lager - der Separatisten und der sogenannten «verfassungstreuen» Parteien - zum Teil große Meinungsverschiedenheiten gibt.

Wahl für Unabhängigkeit entscheidend

Für Katalonien ist die Wahl extrem wichtig und richtungsweisend: Sollten die separatistischen Parteien erneut auf eine absolute Mehrheit der Sitze kommen, würden sie ihre Unabhängigkeitsbestrebungen und den Konfrontationskurs zur Zentralregierung in Madrid vermutlich fortsetzen.

Die Zentralregierung hatte nach einem Unabhängigkeitsbeschluss des Parlaments in Barcelona Ende Oktober die Separatisten entmachtet und die Kontrolle in der Region übernommen. Die Zwangsverwaltung soll in dem Moment enden, in dem eine neue Regionalregierung ihr Amt antritt. Dies könnte aber im Falle von langwierigen und schwierigen Koalitionsverhandlungen Wochen oder sogar Monate dauern.

Kandidaten im Gefängnis

Die Wahl gilt als höchst ungewöhnlich, da einige Kandidaten unter dem Vorwurf der Rebellion im Gefängnis sitzen und Ex-Regionalpräsident Carles Puigdemont sich nach Brüssel abgesetzt hat, um einer Festnahme zu entgehen. Mit Spannung wird erwartet, wie Puigdemont auf das Wahlergebnis reagieren wird. Kehrt er nach Katalonien zurück, droht ihm die sofortige Festnahme. Der 54-Jährige hatte aber zuletzt angekündigt, im Falle eines Sieges in die Heimat kommen zu wollen und eine Inhaftierung zu riskieren.

Ein Sieg seiner separatistischen Liste JuntsxCat (Gemeinsam für Katalonien) gilt aber als unwahrscheinlich. Favorit ist die linksnationalistische Partei ERC. Deren Spitzenkandidat Oriol Junqueras, der Ex-Vize Puigdemonts, befindet sich in der Nähe von Madrid in Untersuchungshaft. Am Donnerstag postete er unter anderem auf Twitter: «Liebe Freunde! Die Haft schwächt uns nicht. Im Gegenteil. Sie macht uns stärker...»

Chancen werden auch der Spitzenkandidatin der liberalen Partei «Ciudadanos», Inés Arrimadas, eingeräumt - einer eifrigen Verfechterin des Verbleibs der Region in Spanien. Sie gilt als Hoffnungsträgerin der so genannten «schweigenden Mehrheit», die gegen die Unabhängigkeit ist, aber lange stillgehalten hatte. «Heute werden wir die Früchte unserer Arbeit ernten», erklärte Arrimadas nach der Stimmabgabe. «Wir haben große Hoffnungen.»