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Die Vereinsbosse tagten bis tief in die Nacht, die Profis am nächsten Vormittag. Nach der erneut desolaten Vorstellung der Mannschaft beim 3:3 (0:3) gegen das Bundesliga-Schlusslicht SC Paderborn herrschte bei Borussia Dortmund auf allen Ebenen großer Gesprächsbedarf. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob eine weitere Zusammenarbeit mit Fußball-Lehrer Lucien Favre noch Sinn macht. Das vorläufige Ergebnis: Zumindest bis zum Champions-League-
Spiel am Mittwoch beim FC Barcelona soll der Schweizer im Amt bleiben. Am Samstagmittag leitete er jedenfalls noch das Training.

Eine erste Krisenrunde, an der neben Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc auch Club-Justiziar Robin Steden, der Anwalt und Watzke-Vertraute Thilo Igwecks sowie Watzkes Sohn André nach dem Abpfiff im Stadion teilgenommen haben sollen, kam laut "Bild" und "Sportbild" zu dem Entschluss, auf eine sofortige Trennung zu verzichten. Später bestätigte Zorc Favres Verbleib den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Im Beisein von Favre, aber ohne einen Vertreter der Vereinsführung ließ die Mannschaft am Morgen nach dem Spiel den peinlichen Auftritt gegen Paderborn Revue passieren. Deshalb begann das Training mit zweistündiger Verspätung. Sportdirektor Zorc traf erst mit Beginn der Einheit ein.

Trotz der Anwesenheit von Favre stehen die Zeichen auf Trennung. Denn der Versuch der Mannschaft, sich für die Schmach im Ligagipfel zwei Wochen zuvor beim FC Bayern (0:4) zu rehabilitieren, schlug mächtig fehl. Vor allem die erste Halbzeit mit Gegentoren durch Streli Mamba (5./37.) und Gerrit Holtmann (43.) glich einem Offenbarungseid, der in der jüngsten BVB-Geschichte seinesgleichen sucht. "Man hat sich richtig geschämt. So dürfen wir nie, nie wieder auftreten. Das war absolute Scheiße", bekannte Kapitän Marco Reus.

"Diese Pfiffe gab es heute absolut zu recht"

Selbst die Tore von Jadon Sancho (47.), Axel Witsel (84.) und Marco Reus (90.+2) zum glücklichen Remis konnten die Fans nicht besänftigen. Mit lauten Pfiffen und vereinzelten "Favre-raus"-Rufen bekundeten sie ihren Unmut. "Diese Pfiffe gab es heute absolut zu recht", kommentierte Abwehrchef Mats Hummels, "das war von uns in fast allen Belangen einfach viel zu wenig." Und auch in den sozialen Medien kippt die Stimmung gegen Favre.

Die Gründe für die anhaltende Talfahrt des selbsterklärten Titelaspiranten sieht Hummels jedoch weniger bei Favre als vielmehr bei der Mannschaft. "Ich würde mal ganz deutlich sagen, dass das nichts mit der Trainerposition zu tun hat, wenn wir einfach ohne Druck die Bälle herschenken." Ähnlich äußerte sich Nationalspieler Reus: "Der Trainer stellt uns immer gut ein, aber wir bekommen es nicht auf den Platz. Jeder muss sich an die eigene Nase fassen. Darüber müssen wir reden, nicht über unseren Trainer."

Fraglich ist, ob diese Fürsprache zum Verbleib von Favre beiträgt. Der 62-Jährige wirkte ähnlich niedergeschlagen wie die Vereinsbosse und seine Profis. "Wir werden das zusammen analysieren, das ist sehr, sehr nötig. Das kann nicht so weitergehen", bekannte er. Seinen Glauben an einen Verbleib beim BVB hat er jedoch noch nicht aufgegeben: "Das einzig Gute war, dass wir nach dem 0:3 eine Reaktion gezeigt haben. Ich versuche weiter, positiv zu denken."

Auf die Frage, ob er sich von seinem Team im Stich gelassen gefühlt habe, antwortete er: "Nein, nein, ich stehe immer hinter meiner Mannschaft. Aber natürlich sind wir alle enttäuscht. Diese Leistung ist schwer zu erklären."

Mehr und mehr gehen dem Coach die Argumente aus. Trotz der üppigen Sommer-Investitionen in den Kader von 130 Millionen Euro entwickelt sich sein Team im Vergleich zur vergangenen Vizemeister-Saison eher zurück. Zudem genießt er auch in Fan-Kreisen keinen Rückhalt mehr. Die wenigen Anhänger, die sich am Samstag vor dem verschlossenen Trainingsgelände ein Bild von der Lage machen wollten, waren einer Meinung. Die wachsende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit kann nur ohne Favre wieder geschlossen werden.