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Die Empörung nach dem Verzicht auf einen kollektiven Bann Russlands von den Olympischen Spielen wird schärfer. Der deutsche Diskus-Olympiasieger Robert Harting attackierte vor allem Thomas Bach, den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees. "Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems. Ich schäme mich für ihn", schimpfte Harting. Nach der Leichtathletik ziehen derweil weitere Fachverbände Konsequenzen aus dem verheerenden Report über Staatsdoping im Riesenreich - bislang wird aber eher vereinzelt russischen Athleten der Olympia-Start verwehrt.

Das IOC hatte das russische Team trotz dokumentierten Staatsdopings unter anderem bei den Winterspielen von Sotschi 2014 nicht komplett von Rio ausgeschlossen, sondern die Entscheidung an die Fachverbände delegiert - und das weniger als zwei Wochen vor Eröffnung der Spiele.

Teams dürfen teilweise antreten

In Sportarten wie Tennis, Judo, Schießen oder Ringen dürfen voraussichtlich alle qualifizierten Russen antreten, in der Leichtathletik wurde indes bereits zuvor die gesamte russische Mannschaft ausgeschlossen. Am Dienstag versagte der Kanu-Weltverband (ICF) fünf Russen die Sommerspiele-Teilnahme, unter ihnen Olympiasieger Alexander Djatschenko.

Dessen Name war in dem Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) von Ermittler Richard McLaren im Zusammenhang mit verschwundenen Dopingproben aufgetaucht. Im Report werden Russland Doping-Vergehen vorgeworfen, die von Staatsseite um Minister Witali Mutko gelenkt worden sein sollen. Auch Elena Anjuschina, Natalja Podolskaja, Andrej Kraitor und der Olympia-Dritte Alexej Korowaschkow wurden gesperrt.

Auch drei Ruderer wurden für Brasilien gestrichen: Iwan Balandin aus dem Achter wurde im McLaren-Bericht als einer von zehn Athleten genannt, dessen Dopingprobe durch das Analyselabor in Moskau und das Sportministerium manipuliert worden sei. Zudem schloss der Weltverband FISA Anastasia Karabelschtschikowa und Iwan Podschiwalow aus. Beide waren nach positiven Dopingproben 2007/2008 gesperrt.

Leichtathleten komplett gesperrt

Die Leichtathleten waren vom Weltverband IAAF schon vor der heftig kritisierten IOC-Entscheidung komplett gesperrt worden. Am Montag zog der Schwimm-Verband FINA nach und schloss sieben Sportler aus, darunter auch Paul Biedermanns 200-Meter-Freistil Rivale Nikita Lobinzew und Wladimir Morosow. Beide hatten 2012 in London Bronze mit der russischen 4 x 100 Meter Freistil-Staffel gewonnen. Vier dieser sieben Schwimmer hatten die Russen zuvor selbst zurückgezogen.

Andere Verbände sind noch in den Einzelfallprüfungen, die ihnen das IOC auferlegt hatte. Der Ringer-Weltverband forderte mehr Beweise zu den verdächtigten Sportlern. Alle potenziellen russischen Starter seien bis zu viermal durch Labors mit WADA-Akkreditierung außerhalb Russlands getestet worden, sagte Verbandschef Nenad Lalovic. Sperren sind nicht zu erwarten, sitzen in der Exekutive des Weltverbands doch gleich zwei einflussreiche russische Funktionäre.

Robert Harting: "Neue Enttäuschungs-Dimension"

Der wichtigste Sport-Funktionär der Welt steht indes weiter im Fokus der Kritik. "Ich habe schon oft meine Enttäuschung über Thomas Bach geäußert. Aber das ist jetzt eine neue Enttäuschungs-Dimension", sagte der meinungsstarke Robert Harting. Den Verdacht, dass bei der IOC-Entscheidung mächtige Strippenzieher eine Rolle gespielt haben sollen, äußert auch der Berliner, der etwa Kremlchef Wladimir Putin erwähnt.

Dass Whistleblowerin Julia Stepanowa, die mit ihren Aussagen zur Aufdeckung des Skandals beigetragen hatte, nicht in Rio laufen darf, sei "nicht rechtens", klagte Harting. "Sie hat so viel Schaden für die Leichtathletik-Welt abgewendet. Ihr Start wäre ein Schlag ins Gesicht von Herrn Putin gewesen. Deshalb findet das nicht statt."

Die Leichtathletin hat beim IOC Einspruch gegen die Entscheidung eingelegt, sie nicht unter neutraler Flagge starten zu lassen. Einen möglichen, finalen Gang vor den Sportgerichtshof CAS schloss Ehemann Witali Stepanow indes im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP aus. Dafür fehle dem Paar, das einen kleinen Sohn hat, aus Russland flüchten musste und inzwischen in den USA lebt, schlicht das Geld.