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Gleich nach dem Einchecken ins idyllisch gelegene Wellness-Hotel l'Arrivée im Dortmunder Süden rief Joachim Löw den personellen Notstand aus. Eine Rückkehr von Mats Hummels in den Kreis der deutschen Fußball-Nationalmannschaft schloss der Bundestrainer aber sofort aus. Zwar rang sich Löw bei einigen Selfies mit wartenden Autogrammjägern noch ein Lächeln ab, dann aber wurde der 59-Jährige ernst. "Das tut uns natürlich weh", sagte Löw zu einer Ausfallmisere, wie er sie in über 13 Jahren Amtszeit höchst selten erlebt hat.

Als Notmaßnahme beorderte Löw am Montag Mittelfeldspieler Sebastian Rudy von 1899 Hoffenheim, der im November 2018 seit bisher letztes von 27 Länderspielen absolviert hatte, und Innenverteidiger Robin Koch in den DFB-Elitekreis. Der 23 Jahre alte Freiburger Koch wurde erstmals berufen und gehört zur Fraktion der Spieler, die im Sommer mit der U21 Vizeeuropameister geworden sind.

Eine Wohlfühlwoche erwartet Löw und sein Rumpf-Aufgebot sicherlich nicht. "Ich habe es mir ein bisschen anders vorgestellt", gestand der Weltmeister-Coach von 2014. Zehn definitive Absagen für das Testspiel am Mittwoch (20.45 Uhr/RTL) in Dortmund gegen Argentinien und das EM-Qualifikationsspiel vier Tage später in Tallinn gegen Estland musste Löw bereits bis zur Ankunft in Dortmund verkraften. Nach Real-Madrid-Star Toni Kroos und dem Kölner Jonas Hector verlängerte Matthias Ginter (Schulterluxation) die Absageliste.

Hummels-Rückkehr keine Option

Dann verkündete Löw die nächsten Problemfälle. Stürmer Timo Werner von RB Leipzig leidet an einem grippalen Infekt, Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan von Manchester City hat sich eine Muskelverletzung zugezogen. Ihre Verfügbarkeit für den Länderspiel-Doppelpack ist fraglich. "Es häuft sich. Ich war seit gestern nur am Telefon und habe schlechte Nachrichten bekommen", stöhnte Löw.

Ein DFB-Comeback von Dortmund-Rückkehrer Hummels, der nur einen kurzen Weg zum DFB-Quartier gehabt hätte, ist für Löw keine Option. Auch wenn die aktuellen Nationalspieler Marco Reus und Julian Brandt für ihren BVB-Kollegen warben. "Natürlich ist Mats aufgrund seiner Leistung immer herzlich willkommen und würde jede Mannschaft stärker machen. Aber ich bin leider nicht in der Position, das zu entscheiden", sagte Borussen-Kapitän Reus. "Ich finde, er spielt gut, er spielt sehr gut", ergänzte Brandt.

Löw bleibt auch in der Not bei seiner Linie: "Ich habe vor einigen Wochen gesagt, dass wir erstmal unseren Weg mit den jungen Spielern gehen. Es gibt jetzt keine Veranlassung, den Mats zu nominieren." Vielmehr will er mit jungen, hungrigen Nachrückern wie Koch den Umbruch nun noch drastischer als geplant fortführen. Wegen Verletzungen pausieren derzeit auch Leroy Sané, Antonio Rüdiger, Leon Goretzka, Kevin Trapp, Nico Schulz, Julian Draxler und Thilo Kehrer.

"Ich finde es sehr schade", sagte Löw. Denn normalerweise sei es schon mit Blick auf die EM-Endrunde 2020 das Ziel gewesen, dass sich die seit dem WM-Debakel 2018 erneuerte Mannschaft richtig einspielen kann. "Jetzt müssen wir immer wieder von vorne beginnen. Das ist natürlich keine gute Voraussetzung. Wir machen das Beste daraus. Ich möchte auch nicht lamentieren."

Neulinge rücken noch mehr in Blickpunkt

Nach der Ausfallserie rücken die erstmals ins A-Team eingeladenen Neulinge Koch, Suat Serdar (Schalke 04) und Nadiem Amiri (Bayer Leverkusen) noch mehr in den Blickpunkt. "Ich war sehr nervös und bin es immer noch", verriet der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler Serdar. Unter Trainer David Wagner erlebte der Jungprofi mit türkischen Wurzeln in Gelsenkirchen einen Aufschwung. Der U21-Vizeeuropameister traf in fünf Bundesligaspielen in dieser Saison schon dreimal.

Nun machte Löw den Neulingen - auch der Berliner Niklas Stark und der Freiburger Luca Waldschmidt warten noch auf ihr A-Elf-Debüt - sogar Hoffnungen auf einen sofortigen Einsatz: "Es ist durchaus denkbar." Serdar und Amiri hätten "ja auch schon international in ihren Vereinen und in der U21 gezeigt, dass sie dazu in der Lage sind".

Reus, mit 30 Jahren ältester Feldspieler im Kader, verdeutlichte die Problematik, die Löw bewältigen muss. "Es ist nicht hilfreich, wenn viele gute Spieler, die auch spielen würden, absagen. Jetzt müssen andere in die Bresche springen." Ohnehin sei die Zeit, um sich auf die Partie gegen die auch ohne den gesperrten Lionel Messi starken Argentinier vorzubereiten, kurz: "Es ist schwierig."

Löw will seine Erwartungshaltung trotzdem nicht korrigieren. "Gegen Estland werden wir gewinnen, unabhängig davon, mit welcher Mannschaft. Da gibt es keine andere Zielsetzung", betonte der Bundestrainer. "Gegen Argentinien spielt das Ergebnis nicht die allerwichtigste Rolle." Die Partie sei vor allem eine "Weiterbildungsgeschichte für unsere jungen Spieler", sagte Löw.