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Giorgio Chiellini grinste, als er in die hintere Tür des Busses zum Flughafen einstieg. Trainer Roberto Mancini grüßte gut gelaunt die Kamerateams, die in der Sonne warteten. Zumindest nach außen hin entspannt machte sich die Squadra Azzurra am Samstagvormittag auf zur großen Titelmission Richtung London. Im nervenaufreibenden Finale der Fußball-EM vor mehr als 60 000 Zuschauern an diesem Sonntag (21.00 Uhr/ZDF und Magenta TV) wartet England - und die Three Lions sind heiß, eine ewig lange Leidenszeit zu beenden.

"Du träumst von diesem Moment"

"Wir alle haben so lang gewartet", sagte Stürmerstar Harry Kane, der noch lange nicht geboren war, als England vor 55 Jahren zum bislang letzten Mal einen großen Titel gewinnen konnte. "Diese Gelegenheit muss man mit beiden Händen ergreifen." Ob er sich schon vorgestellt habe, wie es wäre, den silbernen Pokal vor den frenetisch jubelnden Fans in den Londoner Abendhimmel zu stemmen? "Natürlich denkst du als Spieler an diesen Moment, du träumst von diesem Moment", sagte der England-Kapitän.

Doch es muss nicht so kommen. Die Italiener gehen leicht favorisiert in das Endspiel, die Auswahl von Trainer Roberto Mancini spielte bislang ein furioses Turnier. "Im Finale zu sein, ist ein schönes Ziel. Aber das reicht uns nicht", sagte Mancini im Interview mit der Europäischen Fußball-Union UEFA. "Ich bin stolz auf das, was die Jungs geschafft haben. Das war nicht leicht. Wir haben vom ersten Tag daran geglaubt." Der 56-Jährige hatte die Azzurri nach der verpassten WM 2018 übernommen und neu aufgestellt.

Der Mythos, Italien spiele destruktiv und unansehnlich, fiel spätestens bei dieser EM. In der Defensive lässt das Oldie-Duo Chiellini (36) und Bonucci (34) kaum gegnerische Chancen zu, in der Offensive übertrafen der frühere Dortmunder Ciro Immobile, Lorenzo Insigne, Federico Chiesa und Co. sämtliche Erwartungen. Die Engländer halten mit einer ebenso starken Verteidigung dagegen, die bei der EM nur ein Gegentor kassiert hat. Und vorne wirbeln Kane und Raheem Sterling.

"Wir sind es, die sie unter Druck setzen müssen. Wenn wir es schaffen und in Führung gehen", sagte Mancini auf die Frage, ob die Erwartungen der Fans im Stadion auch ein Nachteil für den Gastgeber sein könnten. "Fast das ganze Stadion wird England unterstützen. Aber nach eineinhalb Jahren ohne Fans ist das gut so." Dazu verteilte der 56-Jährige das übliche Lob an den Gegner. England sei "eine großartige Mannschaft, physisch und technisch stark, eine Mannschaft, die kämpft".

Ein Duell der Superlative

Sein Team müsse mit dem richtigen Druck spielen und versuchen, Spaß zu haben, sagte der erfahrene Trainer. "Nur so kann man ein Finale gewinnen". Wenn einer Mannschaft zugetraut wird, in der aufgeheizten und wegen der Corona-Pandemie fragwürdigen Wembley-Atmosphäre zu bestehen, dann den Italienern.

Die Fans werden am Sonntagabend für beide Teams ein Faktor sein - vor dem Anpfiff des englischen Halbfinales gegen Dänemark hatten einige Zuschauer allerdings auch gezeigt, was in den vergangenen Pandemie-Monaten nicht gefehlt hatte. Während der gegnerischen Nationalhymne waren laute Buhrufe und Pfiffe in dem riesigen Stadion ertönt.

"Wenn ihr das Glück hattet, ein Ticket für das Finale zu bekommen, bitte, bitte buht nicht bei der italienischen Hymne", twitterte England Fußball-Idol Gary Lineker, der beim WM-Triumph 1966 immerhin schon auf der Welt war. Das sei "verdammt unhöflich" und "respektlos". Die italienischen Fans werden deutlich in der Unterzahl sein. Für das Finale einreisen dürfen nur 1000 Italiener, der Verband bekam zusätzlich 6500 Karten für in Großbritannien lebende Fans zugesprochen.

"Das ist das bislang größte Spiel in meiner Karriere, wahrscheinlich sogar das größte Spiel all unserer Karrieren", sagte Kane. "Ich denke, das wird ein 50/50-Spiel. Natürlich glauben wir daran, dass wir das Spiel gewinnen können. Aber wir wissen auch, dass es sehr hart wird. Sie haben einige großartige Spieler mit großer Erfahrung."

Englands Trainer Gareth Southgate hob das Endspiel auf eine höhere Ebene. Der Ex-Nationalspieler, dessen Fehlversuch im Elfmeterschießen des EM-Halbfinales 1996 gegen Deutschland nationale Trauer ausgelöst hatte, erinnerte an die vielen Dinge, auf die England "stolz" sein könnte. Das Land scheint zumindest für dieses eine Spiel vereint. "Ihr macht uns so stolz", titelte am Samstag die Zeitung "Telegraph". "Bringt es nach Hause - für das Land."