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Die Corona-Pandemie stürzt die Wirtschaft großer Industrieländer in die tiefste Krise der Nachkriegszeit. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland brach im zweiten Quartal zweistellig ein. Ähnlich war das Bild in den USA. Regierungen stemmen sich mit gigantischen Konjunkturpaketen gegen die Krise. Zudem wurden viele Einschränkungen, die das Wirtschaftsleben in weiten Teilen im Frühjahr lahmgelegt hatten, seit Mitte Mai gelockert. Ökonomen rechnen daher mit einer Erholung sowohl in Deutschland als auch in den USA. Anders als in den USA ist der deutsche Arbeitsmarkt vor allem wegen der Kurzarbeit bislang vergleichsweise gut durch die Krise gekommen.

Das Bruttoinlandsprodukt in Europas größter Volkswirtschaft brach im zweiten Vierteljahr im Vergleich zum Vorquartal um 10,1 Prozent ein, wie aus einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Es war der stärkste Rückgang seit Beginn der vierteljährlichen BIP-Berechnungen im Jahr 1970. Bereits zum Jahresanfang war die Wirtschaftsleistung gesunken. Deutschland steckt in einer tiefen Rezession. Dekabank-Volkswirt Andreas Scheuerle sprach von einer "Jahrhundertrezession".

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sieht einen ersten Silberstreif am Horizont. "Wir haben im Juli deutliche Anzeichen, dass die konjunkturelle Lage anzieht, dass viele Unternehmen die Talsohle durchschritten haben", sagte der CDU-Politiker. Es werde aber mindestens bis in den Herbst hinein dauern, "bis wir in der ganzen Breite der Wirtschaft wieder zu Wachstum kommen". Zugleich appellierte Altmaier an die Menschen, die Infektionszahlen gering zu halten, "dabei müssen alle mitwirken".

Wirtschaftliche Unsicherheit durch steigende Infektionszahlen

Auch Ökonomen bereiten erste Anzeichen für wieder steigende Infektionszahlen in Deutschland Sorgen. "Damit bleibt auch die wirtschaftliche Unsicherheit hoch, und das ist Gift für die Konjunktur", sagte der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Stefan Kooths.

Die Folgen der Krise für den Arbeitsmarkt halten sich bislang in Grenzen. "Der massive Einsatz von Kurzarbeit hat stärkere Anstiege der Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsverluste verhindert", sagte Bundesagentur-Vorstand Daniel Terzenbach. Die Zahl der Arbeitslosen stieg von Juni auf Juli nur in saisonüblicher Höhe. Im Juli waren 2,91 Millionen Menschen ohne Job, 57 000 mehr als im Juni und 635 000 mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote legte binnen Monatsfrist um 0,1 Prozentpunkte auf 6,3 Prozent zu.

Vor den Sommerferien stellen üblicherweise weniger Betriebe neue Beschäftigte ein und Ausbildungsverhältnisse enden. Terzenbach betonte aber auch, der Arbeitsmarkt werde noch lange mit den Folgen der Pandemie und den Maßnahmen zur Eindämmung zu kämpfen haben.

In den Vereinigten Staaten lag die Arbeitslosenquote im Juni bei 11,1 Prozent. Vor der Pandemie hatte sie noch 3,5 Prozent betragen. Die Wirtschaftsleistung in der größten Volkswirtschaft der Welt brach im zweiten Quartal aufs Jahr hochgerechnet einer ersten Schätzung zufolge um 32,9 Prozent ein. Das war der stärkste Rückgang in einem Vierteljahr seit Beginn der Aufzeichnungen.

In den USA werden die BIP-Daten eines Quartals hypothetisch auf das ganze Jahr hochgerechnet. Diese Berechnungsweise ist bei größeren Ausschlägen wie im zweiten Quartal allerdings missverständlich. Nach der in Europa gebräuchlichen Berichtsweise im Quartalsvergleich entspräche der Rückgang umgerechnet einem Minus von fast 10 Prozent.

Schwere Wirtschaftskrise in den USA

Im ersten Vierteljahr war die US-Wirtschaft aufs Jahr hochgerechnet bereits um 5 Prozent geschrumpft. Die Zuspitzung der Corona-Pandemie seit Mitte März stürzte die USA dann in eine schwere Wirtschaftskrise. In der zweiten Maihälfte und im Juni gab es bereits wieder Zeichen einer Erholung. Seit Ende Juni hat die Zahl der Neuinfektionen aber wieder dramatisch zugenommen, was zu neuerlichen Einschränkungen des Wirtschaftslebens geführt hat und das Wachstum erneut ausbremsen dürfte.

Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft wäre das keine gute Nachricht. Die USA sind einer der wichtigsten Einzelmärkte für Waren «Made in Germany». Neben dem Export waren im zweiten Quartal auch die Konsumausgaben der Verbraucher und die Investitionen der Unternehmen zum Beispiel in Geräte und Maschinen eingebrochen.

Volkswirte gehen davon aus, dass in Deutschland mit dem Konjunktureinbruch im zweiten Quartal der Tiefpunkt erreicht ist. "Dies ändert aber nichts daran, dass die deutsche Wirtschaft noch lange brauchen wird, um ihr Vorkrisenniveau wieder zu erreichen", argumentierte beispielsweise Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Um die Konjunktur zu stützen, hat die Bundesregierung für die Jahre 2020 und 2021 ein insgesamt 130 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket aufgelegt. Unter anderem wurde die Mehrwertsteuer vom 1. Juli an für ein halbes Jahr gesenkt: von 19 auf 16 Prozent beziehungsweise 7 auf 5 Prozent. Das soll den Konsum als wichtige Stütze der Konjunktur ankurbeln.

Nach Auffassung der GfK-Konsumforscher zeigen sich bereits erste Effekte. Die Neigung der Verbraucher zu größeren Anschaffungen sei gestiegen. Zudem scheinen Handel und Dienstleister die Mehrwertsteuersenkung teilweise an die Verbraucher weiterzugeben. Darauf deutet Ökonomen zufolge die Entwicklung der Inflationsrate hin, die im Juli erstmals seit gut vier Jahren wieder unter die Null-Linie rutschte. Die Verbraucherpreise verringerten sich im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,1 Prozent.