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Tourette und Koprolalie

Tourette: Warum Schimpfwörter?

Zuckungen, Grimassen und Ausrufe wie „Arsch“ oder „Pimmel“: das ist wohl das Bild, was fast jeder im Kopf hat, der an Tourette denkt. Warum Schimpfwörter oft der Ausdruck der Erkrankung sind und woher die zwanghaften Äußerungen kommen? In diesem Artikel erfährst du mehr. 

Koprolalie: Fäkalsprache und Beleidigungen

Für die zwanghafte Verwendung von Schimpfwörtern und Fäkalausdrücken gibt es einen Namen: Koprolalie. Das Wort setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern „kopros“, Kot oder Mist, und „lalia“, das für Sprache steht.

Kennzeichnend für die Koprolalie ist, dass die Wörter ohne Sinnzusammenhang in die Sätze gestreut werden. Dabei ändert sich auch der Tonfall und die Höhe der Stimme. Der Betroffene hat keine Kontrolle darüber, welche Wörter da auf einmal hervorplatzen und meint diese auch nicht persönlich. Warum genau es sich hier oft ausschließlich um beleidigende oder sexuelle Wörter handelt, konnten die Mediziner bis jetzt jedoch noch nicht feststellen.

Neben der Koprolalie, die sich ausschließlich auf die Sprache bezieht, gibt es auch noch andere Erscheinungen von fäkalen Zwangsstörungen. Dazu zählt zum Beispiel die Kopropraxie, bei der zwanghaft anstößige Gesten (das Zeigen des Stinkefingers oder die Nachahmung von Masturbation in der Öffentlichkeit) ausgeführt werden.

Auch wenn Koprolalie hauptsächlich in Zusammenhang mit Tourette gebracht wird, taucht das Phänomen nur bei etwa einem Drittel der Patienten auf. Darüber hinaus ist die Störung nicht zwangsweise eine Erscheinung des Tourette-Syndroms, sondern kann auch durch andere Krankheiten wie zum Beispiel einer Hirnhautentzündung oder einem Tumor hervorgerufen werden.

Soziale Isolation durch Koprolalie

Hasserfüllte Beleidigungen und wüste Ausdrücke, das hört niemand gern. Und schon gar nicht, wenn es plötzlich und ohne Vorwarnung geschieht. Aus diesem Grund stoßen Tourette-Betroffene oft auch auf wenig Verständnis aus dem sozialen Umfeld. Das kann dazu führen, dass sie sich immer mehr zurückziehen und sich isolieren. Neben dem seelischen Schaden, den sie durch die Isolation davontragen, kann es auch zu körperlichen Angriffen von anderen kommen. Zum Beispiel, wenn sich ihr Gegenüber von den Wortausbrüchen so stark angegriffen fühlt, dass es zu Handgreiflichkeiten kommt.

Tourette & Schimpfwörter: Das können Betroffene tun

Auch wenn die Medizin immer mehr Fortschritte macht, ganz können Tourette-Patienten ihre Tics nicht gänzlich unterdrücken. Zwar gibt es Medikamente, die dabei helfen können, die Schimpftiraden einzudämmen, es gibt allerdings auch noch andere Wege, mit der Zwangsstörung umzugehen.

  • Das Umfeld informieren: Wenn alle Leute in der Umgebung eingeweiht sind, ist es einfacher, Verständnis für die Verbalattacken zu zeigen. Wichtig ist es auch, dass die Umgebung weiß, dass die Schimpfwörter nicht ihnen persönlich gelten.
  • Stress vermeiden: Ungewohnte und stressige Situationen scheinen die Anhäufung der Wortausbrüche zu verstärken. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, dass sich Betroffene genügend Raum zum Entspannen nehmen und versuchen so viel Stress wie möglich zu vermeiden.
  • Alternative Handlungen trainieren: Mit viel Geduld können Tourette-Patienten lernen, eine Ausgleichshandlung auszuführen, sobald sich ein Ausbruch ankündigt. Dafür trainieren sie am besten mit ihrem Therapeuten oder Arzt.
  • Selbsthilfegruppen besuchen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann gegen die Isolation helfen. So entstehen neue Freundschaften und es gibt Unterstützung von Menschen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Zusätzlich können die Betroffenen hier gegenseitig ihr Selbstvertrauen stärken und damit auch in der Öffentlichkeit sichererer auftreten.
  • Über die Schimpfwörter hinwegsehen: Schimpfen, eigene Beleidigungen formulieren oder böse werden hilft den Betroffenen nicht weiter, da sie selbst von der Situation peinlich berührt sind. Am besten hilft es, die Zwischenrufe zu ignorieren oder gemeinsam über die Situation zu lachen.

Warum Tourette und Schimpfwörter gemeinsam auftreten, lässt sich also noch nicht sagen, aber wenn du dich etwas mit dem Thema auseinandersetzt, fällt es dir sicherlich leichter, Verständnis für die Zwangsstörung aufzubringen und den Betroffenen damit zu helfen.

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