Uncovered - mit Thilo Mischke

Darum boomt Urlaub an Kriegsschauplätzen

Dark Tourism: Das steckt hinter dem gefährlichen Reisetrend

Kriegsschauplätze, Konzentrationslager oder Krisenregionen – Dark Tourism führt Reisende an die dunkelsten Orte auf der ganzen Welt. Was steckt hinter der Lust am Morbiden? Und warum sind Menschen sogar bereit, ihr Leben dafür zu riskieren? Das wollte auch Reporter Thilo Mischke wissen: In der zweiten Folge von "Uncovered" (Montag, 31. Juli, 21:10 Uhr) reist er nach Somalia und begleitet einen Familienvater bei seinem Urlaub der etwas anderen Art.

In Zeiten, in denen der Selfie-Wahn noch nicht einmal vor Holocaust-Denkmälern Halt macht, erfährt auch der sogenannte Dark Tourism (zu Deutsch: Dunkler Tourismus) neuen Aufwind. Früher als Katastrophentourismus bekannt, führt der Trend Urlauber an Orte, die mit unermesslichem menschlichen Leid, mit Tod, Folter und Gewalt in Verbindung gebracht werden. Meist sind die Ziele in der Vergangenheit Schauplatz von Krieg oder Naturkatastrophen gewesen.

Ein Beispiel ist Oradour-sur-Glane, ein kleiner Ort in Frankreich, der von der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg inklusive seiner Bewohner beinahe komplett vernichtet wurde und bis heute als Mahnmal nahezu unverändert erhalten ist. Ein anderes Beispiel sind die Ruinen von Pompeji – die italienische Kleinstadt, deren damalige Bewohner beim legendären Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. ums Leben kamen. Die durch das Asche-Gemisch konservierten Leichen zeugen auch fast 2.000 Jahre später noch von dem Moment, in dem der Vulkan unzählige Menschenleben auslöschte. Heute gehen viele Menschen aber noch einen Schritt weiter: Bei spezialisierten Anbietern buchen sie Reisen in aktuelle Konflikt- und Krisenregionen und setzen damit bewusst wiederholt ihr Leben aufs Spiel. Abenteuerurlaub all inclusive. 

Dark Tourists nehmen sogar den Tod in Kauf – was steckt dahinter?

Während die Mehrheit der Urlauber unter Palmen in der Sonne brutzelt, zieht es Dark Tourists besonders oft an Orte, die in den letzten 100 Jahren zu Denkmälern des Schreckens geworden sind. Warum das so ist, ist seit einigen Jahren Gegenstand der Wissenschaft. Klar ist, dass Dark Tourism kein neues Phänomen ist. Bereits im Altertum zeigten sich Menschen fasziniert von morbiden Szenarien. So nahmen sie beispielsweise lange Wege in Kauf, um öffentlichen Hinrichtungen oder grausamen Gladiatorenspielen beizuwohnen.

Eine These ist, dass Menschen sich auf diese Weise die eigene Unversehrtheit vor Augen führen. Das Wissen, auf der sicheren Seite und weit davon entfernt zu sein, einen ähnlichen Schmerz ertragen zu müssen, löst eine Art Hochgefühl aus.

Dark Tourism ist in vielen Fälllen aber mehr als die Suche nach dem nächsten Kick: Der Thanatourismus, wie Dark Tourism auch genannt wird, ist ein Versuch, das Unbegreifliche zu verstehen – und Schreckensmomente der Geschichte, die sich in das kollektive Gedächtnis gebrannt haben, zu verarbeiten. In einer Gesellschaft, in der die Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Tod keinen Platz mehr hat, suchen Menschen nach anderen Möglichkeiten, sich diesen Themen zu nähern. Soweit die Anfänge des Dark Tourism aber auch zurückliegen und wie tief sie verankert sein mögen, relativ neu und oberflächlich ist die kommerzielle Vermarktung der Faszination des Grauens.

Gefährlicher Extremtourismus: Wer bietet Dark Tourism Reisen an?

Zum Standardangebot von Travelagenturen wie Untamed Borders gehören zum Beispiel Reisen in so krisenerschütterte Regionen wie Somalia und Afghanistan. Länder, für die das Auswärtige Amt aktuell ganz klar eine Reisewarnung ausspricht. Im Falle Somalias heißt es auf der Website unter anderem: "Hinweisen zufolge laufen insbesondere ausländische Fachkräfte und Reisende Gefahr, Opfer von Attentaten, Überfällen, Entführungen und anderen terroristisch motivierten Gewaltverbrechen zu werden." Selbst Mitarbeiter der Vereinten Nationen oder der Europäischen Union werden darum ersucht, unverzichtbare Reisen ausschließlich im Rahmen eines international ausgearbeiteten Sicherheitskonzeptes anzutreten.

Die Kunden von Untamed Borders entscheiden sich aber nicht trotz, sondern gerade wegen der Gefährdungslage für einen Aufenthalt in diesen gefährlichen Regionen. Nach eigener Aussage wollen die Gründer Kausar Hussain und James Willcox den Reisenden eine authentische Erfahrung und Zugang zu der Schönheit von Ländern ermöglichen, über die man sonst nur Schreckensnachrichten hört. Ihre Mission sei es, Menschen zusammenzubringen und den lokalen Handel sowie die Gastronomie und Hotellerie zu unterstützen und so zur Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort beizutragen. Die persönlichen Kontakte und Freundschaften der Veranstalter zu den involvierten Einheimischen sollen für die nötige Sicherheit sorgen. 

Dark Tourism: Respekt gehört ins Handgepäck

Reiner Hedonismus, die Suche nach dem nächsten emotionalen Kick oder die tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Leid Anderer – die wahre Motivation hinter Dark Tourism kennen wohl nur die Reisenden selbst. Die Erweiterung des eigenen Horizonts spricht auf jeden Fall dafür, geschichtsträchtige Orte wie die Pariser oder die Wiener Katakomben, das Konzentrationslager Ausschwitz oder den "Tunnel of War" in Sarajevo einmal im Leben zu besuchen – wenn einen der Entspannungsurlaub oder Dienstreisen ohnehin in die Nähe führen.

Eine Fahrt durch ein von Rebellengruppen besetztes Land ist schon schwieriger zu rechtfertigen, vor allem weil man damit nicht nur das eigene Risiko in Kauf nimmt, sondern auch, dass der eigene Staat im Falle eines Falles zum Eingreifen gezwungen wird. So oder so: Immer im Gepäck sollte man auf jeden Fall eine gehörige Portion Respekt haben – ob vor real existierenden Gefahren oder vor vergangenem Leid.

Folge Thilo Mischke

ProSieben auf Facebook