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Antibiotika-Resistenz: So entstehen die gefährlichen Superkeime

  • Aktualisiert: 22.12.2023
  • 08:45 Uhr
  • Galileo

Immer mehr Bakterien sind resistent gegen Antibiotika. Das macht die Behandlung von Infektionen komplizierter. Warum Superkeime überhaupt entstehen, wie du dich schützen kannst und welche neuen Erkenntnisse es gibt - hier erfährst du es.

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Antibiotikaresistenz: Das Wichtigste zum Thema

  • Antibiotika töten krankmachende Bakterien im Körper direkt ab oder hemmen ihre Vermehrung so stark, sodass dein Immunsystem die Infektion selbst in den Griff bekommt.

  • Antibiotika bekommst du etwa bei einer Blasenentzündung, Wundinfektion ebenso bei einer lebensgefährlichen Lungenentzündung oder Blutvergiftung. Auch größere Operationen wären ohne sie nicht möglich. 

  • Problem: Immer mehr Antibiotika verlieren ihre Wirkung, weil Bakterien dagegen Abwehrmechanismen (Resistenzen) entwickeln. Häufig ist ein Keim sogar gegen mehrere Wirkstoffe gewappnet: Er ist multiresistent.

  • Die neueste Hoffnung im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen sind Bakteriophagen - Viren, mit denen bakterielle Infektionen bekämpft werden können.

Studie beweist: Resistente Keime zählen zu den häufigsten Todesursachen weltweit

Konkrete Zahlen lieferte ein Forschungsteam im Fachmagazin "The Lancet". 1,2 Millionen Todesfälle rund um den Globus sind nach Einschätzung der Wissenschaftler:innen auf Antibiotika-resistente Krankheitserreger zurückzuführen. Dadurch gehören diese Infektionen zu den häufigsten Todesursachen weltweit.

Aus Krankenhaus-Datenbanken, Überwachungssystemen und der Fachliteratur hatte das Team Daten für das Jahr 2019 zusammengetragen und analysiert. Dabei wurden insgesamt 23 Bakterien und 88 Kombinationen von Antibiotika und Bakterien betrachtet - unter anderem auch der gefährliche Krankenhauskeim Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus - kurz MRSA. Allein dieser Erreger verursachte schätzungsweise rund 100.000 Todesfälle weltweit.

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Gefahrenzone Nr. 1: das Krankenhaus

🤝 Ist dein Immunsystem gut, hält es die resistenten Bakterien meist in Schach und du wirst nicht krank. Dennoch kannst du die Keime ausscheiden und auf andere übertragen.

👵 Befallen sie Menschen mit einem schwachen Immunsystem, wie etwa alte Menschen oder Säuglinge, kann das für sie lebensgefährlich sein.

🚨 Besonders gefährdet sind schwerkranke, geschwächte Krankenhaus-Patienten:innen und jene mit Operationswunden, in die die Keime einfach eindringen können.

🏥 Jedes Jahr bekommen Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge 400.000 bis 600.000 Patienten:innen in Deutschland eine Krankenhaus-Infektion. Bei rund 35.000 sind resistente Superkeime wie MRSA dafür verantwortlich.

Insgesamt infizieren sich jedes Jahr laut RKI über 54.000 Deutsche mit multiresistenten Keimen.

Der Kampf gegen die Krankenhauskeime

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Wie Bakterien Antibiotika abwehren

Bakterien entwickeln verschiedene Abwehr-Mechanismen gegen Antibiotika. Sie verändern beispielsweise ihre Hülle, sodass Antibiotika sie nicht mehr erkennen oder nicht durchdringen können. Andere pumpen das Antibiotikum einfach wieder raus oder produzieren Enzyme, die es spalten.

Diese Abwehrmechanismen erlangen die Bakterien durch zufällige Mutation, also willkürliche Veränderungen in der DNA oder durch die Aufnahme von Resistenz-Genen - meist in Form von Plasmiden. Einige Bakterien besitzen zusätzlich zur normalen DNA noch Plasmide. Das sind kleine DNA-Ringe. Hier liegt die Bauanleitung für die Abwehr-Mechanismen gegen Antibiotika.

Die Plasmide werden bei der Zweiteilung weitergegeben, aber auch auf andere Bakterien über eine Art Brücke übertragen. Das klappt sogar zwischen verschiedenen Arten. Aus einem harmlosen Bakterium wird so ein gefährliches. Im Video ganz oben siehst du, wie das genau abläuft.

Wenn du Antibiotika einnimmst, werden außerdem die nicht resistenten Bakterien abgetötet. Die Resistenten haben so keine Konkurrenten mehr und vermehren sich rasend schnell.

Teste dein Wissen über Bakterien und Antibiotika

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Die Ursachen der Antibiotika-Resistenzen

💊 Es wurden und werden zu viele Antibiotika leichtfertig verschrieben oder gar eigenmächtig genommen - oft sogar, wenn sie gar nicht wirken, etwa bei Grippe oder Erkältung. Hier verursachen fast immer Viren die Krankheit. Auch bei milden Corona-Verläufen rät die WHO gänzlich von einer Antibiotika-Gabe ab.

👉 Lösung: ein gezielter Antibiotika-Einsatz - und zwar nur bei bakteriellen Infektionen. Statt Breitband-Antibiotika, die gegen verschiedene Bakterien wirken, sollten spezifische Antibiotika verschrieben werden. Sie verursachen weniger Resistenzen und helfen genauso gut, wenn der Erreger bekannt ist.

📆 Antibiotika werden oft falsch dosiert und zu kurz oder zu lang geschluckt. Dadurch können sich die Erreger an den Wirkstoff anpassen.

👉 Lösung: korrekte Einnahme. Wie lange und wie oft die Einnahme erfolgen soll, entscheidet heute immer die Ärztin oder der Arzt abhängig von der Infektion und dem Präparat.

Halte dich an die Anordnung. Dreimal täglich bedeutet alle acht, zweimal täglich alle zwölf und einmal täglich alle 24 Stunden. Nimm die Tablette mit Wasser und wie besprochen vor, zu oder nach dem Essen. Setzte die Mittel nicht ohne Rücksprache ab.

🏥 Kliniken sind der Haupt-Übertragungsort von resistenten Keimen. Hier tummeln sich zahlreiche Varianten. Die haben bei den geschwächten Patienten:innen leichtes Spiel.

👉 Lösung: Verbreitung stoppen. Das Krankenhaus-Personal muss sich gut die Hände desinfizieren. Beim Putz-Team ist Gründlichkeit angesagt. Neue Patienten:innen sollten auf resistente Keime untersucht und Risiko-Kandidat:innen isoliert werden. Jede Klinik sollte ein Antibiotic Stewardship-Team besitzen. Dieses besteht aus Ärzten:innen, die eine Fortbildung zum Thema Antibiotika-Resistenzen gemacht haben.

🐷 Nutzvieh bekommt massenhaft Antibiotika, um Krankheiten vorzubeugen und das Wachstum zu fördern. Mit dem Schnitzel gelangen die Keime auch auf deinen Teller. In der Tiermast werden oft sogar Reserve-Antibiotika verwendet. Diese sind eigentlich für Menschen gedacht, die mit multiresistenten Keimen infiziert sind und um ihr Leben kämpfen.

👉 Lösung: weniger Antibiotika in der Tiermast und keine Gabe von Reserveantibiotika.

🌊Über Gülle, Stall- und Krankenhaus-Abwasser gelangen die resistenten Erreger in die Umwelt, vermehren sich dort und geben ihre Resistenzen an bisher harmlose Bakterien weiter.

👉 Lösung: Antibiotika und Superkeime dürfen nicht in die Umwelt gelangen. Bessere Kläranlagen und weniger Gülle auf den Feldern, wären ein Anfang. Übrig gebliebene Tabletten solltest du nicht ins Klo werfen.

❗Die einzige Rettung lautet also: Ein geringerer und gezielterer Antibiotika-Einsatz und neue Antibiotika, gegen die die Bakterien noch nicht resistent sind. Die Suche läuft auf Hochtouren - und zwar nicht nur im Labor, sondern draußen in der Natur. Mehr dazu unten.

Neue Antibiotika-Quellen: Bakterien, Pilze und Tiere

Forschende weltweit suchen nach neuen Antibiotika. Einige wollen alte Wirkstoffe chemisch verändern, die meisten aber halten in der Natur Ausschau danach.
Forschende weltweit suchen nach neuen Antibiotika. Einige wollen alte Wirkstoffe chemisch verändern, die meisten aber halten in der Natur Ausschau danach.© picture alliance/dpa/Jürgen Schmidl
Der Großteil der bisherigen Antibiotika stammt ursprünglich aus Boden-Bakterien. 99 Prozent der Bakterien sind unerforscht. Unter ihnen wird es noch einige Antibiotika geben, man muss sie nur finden. (Schimmel-)Pilze sind ebenfalls eine gute Quelle. Das erste und bekannteste Antibiotikum Penicillin basiert auf ihnen.
Der Großteil der bisherigen Antibiotika stammt ursprünglich aus Boden-Bakterien. 99 Prozent der Bakterien sind unerforscht. Unter ihnen wird es noch einige Antibiotika geben, man muss sie nur finden. (Schimmel-)Pilze sind ebenfalls eine gute Quelle. Das erste und bekannteste Antibiotikum Penicillin basiert auf ihnen.© Getty Images
Doch auch in Pflanzen, Insekten, Reptilien und anderen Tieren könnten die neuen Wunderwaffen stecken. Bei Faultieren etwa tummeln sich im Fell etliche Bakterien und Pilze, die aktuell als Antibiotika getestet werden.
Doch auch in Pflanzen, Insekten, Reptilien und anderen Tieren könnten die neuen Wunderwaffen stecken. Bei Faultieren etwa tummeln sich im Fell etliche Bakterien und Pilze, die aktuell als Antibiotika getestet werden.© Getty Images
Im Speichel von Komodowaranen tummeln sich etliche krankmachende Bakterien, doch die Tiere werden nicht krank. Biolog:innen untersuchen, welche Stoffe sie so robust machen.
Im Speichel von Komodowaranen tummeln sich etliche krankmachende Bakterien, doch die Tiere werden nicht krank. Biolog:innen untersuchen, welche Stoffe sie so robust machen.© Getty Images
Alligatoren gibt es schon sehr lange auf der Erde. Mitunter wegen ihres guten Immunsystems. Forscher:innen analysieren deswegen ihr Blut.
Alligatoren gibt es schon sehr lange auf der Erde. Mitunter wegen ihres guten Immunsystems. Forscher:innen analysieren deswegen ihr Blut.© Getty Images
Das Immunsystem von Insekten ist ebenfalls sehr gut. Der asiatische Marienkäfer etwa besitzt kleine Eiweiße und den Wirkstoff Harmonin, die Krankheitserreger effizient abwehren.
Das Immunsystem von Insekten ist ebenfalls sehr gut. Der asiatische Marienkäfer etwa besitzt kleine Eiweiße und den Wirkstoff Harmonin, die Krankheitserreger effizient abwehren.© Getty Images
Bei Bienen, Rattenschwanz-Larven, Totengräbern, Baum- und Milchkraut-Wanzen haben Biolog:innen ebenfalls mögliche Antibiotika gefunden.
Bei Bienen, Rattenschwanz-Larven, Totengräbern, Baum- und Milchkraut-Wanzen haben Biolog:innen ebenfalls mögliche Antibiotika gefunden.© Getty Images
Forschende weltweit suchen nach neuen Antibiotika. Einige wollen alte Wirkstoffe chemisch verändern, die meisten aber halten in der Natur Ausschau danach.
Der Großteil der bisherigen Antibiotika stammt ursprünglich aus Boden-Bakterien. 99 Prozent der Bakterien sind unerforscht. Unter ihnen wird es noch einige Antibiotika geben, man muss sie nur finden. (Schimmel-)Pilze sind ebenfalls eine gute Quelle. Das erste und bekannteste Antibiotikum Penicillin basiert auf ihnen.
Doch auch in Pflanzen, Insekten, Reptilien und anderen Tieren könnten die neuen Wunderwaffen stecken. Bei Faultieren etwa tummeln sich im Fell etliche Bakterien und Pilze, die aktuell als Antibiotika getestet werden.
Im Speichel von Komodowaranen tummeln sich etliche krankmachende Bakterien, doch die Tiere werden nicht krank. Biolog:innen untersuchen, welche Stoffe sie so robust machen.
Alligatoren gibt es schon sehr lange auf der Erde. Mitunter wegen ihres guten Immunsystems. Forscher:innen analysieren deswegen ihr Blut.
Das Immunsystem von Insekten ist ebenfalls sehr gut. Der asiatische Marienkäfer etwa besitzt kleine Eiweiße und den Wirkstoff Harmonin, die Krankheitserreger effizient abwehren.
Bei Bienen, Rattenschwanz-Larven, Totengräbern, Baum- und Milchkraut-Wanzen haben Biolog:innen ebenfalls mögliche Antibiotika gefunden.
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Viren als Mittel gegen multiresistente Keime? So könnten Bakteriophagen helfen

Forschende hoffen darauf, im Kampf gegen Bakterien auf die Phagen-Therapie setzen zu können. Dabei werden bestimmte Viren - genannt Bakteriophagen - genutzt, um Infektionen zu bekämpfen.

Diese Virenart infiziert und tötet gezielt Bakterien. Das Praktische: Wo Bakterien sind, sind auch Bakteriophagen - und sie sind für unseren Organismus ungefährlich. Ein erwachsener Mensch etwa besteht aus rund 30 Billionen Körperzellen, 40 Billionen Bakterien und 300 Billionen Phagen.

Während Antibiotika wie eine Massenvernichtungswaffe gegen Bakterien vorgehen, befallen Phagen nur eine Bakterienart oder nur einen bestimmten Stamm. Das bedeutet jedoch auch, dass für jede Bakterienart ein passender Phage gefunden werden muss.

Das 3D-Modell zeigt Phagen, die ein Bakterium angreifen. Die Viren docken auf Rezeptoren der Bakterien-Zelle an, deren Strukturen wie Schlüssel und Schloss genau zueinander passen müssen. In der Zelle setzen die Viren dann ein Vermehrungs-Programm in Gang und bringen die Bakterien-Zelle so zum Platzen.
Das 3D-Modell zeigt Phagen, die ein Bakterium angreifen. Die Viren docken auf Rezeptoren der Bakterien-Zelle an, deren Strukturen wie Schlüssel und Schloss genau zueinander passen müssen. In der Zelle setzen die Viren dann ein Vermehrungs-Programm in Gang und bringen die Bakterien-Zelle so zum Platzen.© IMAGO / Westend61

Lösung aus dem Abwasser?

Passende Phagen können oft sogar im Abwasser gefunden werden. Experimente in den USA haben bereits gezeigt, dass eine individuell zugeschnittene Therapie mit Phagen innerhalb von zehn Tagen erstellt werden könnte. Dabei gab es erste Erfolge bei Infektionen der Lunge: Während Antibiotika versagten, konnten die Patient:innen mithilfe von Phagen behandelt werden.

Auch in Deutschland gibt es nun Bestrebungen, die Forschung mit Phagen voranzutreiben. So wird seit 2017 an einer Therapie mit inhalierbaren Phagen gegen den Krankenhaus-Keim Pseudomonas aeruginosa geforscht. Dieser Keim befällt oft die Lunge von Mukoviszidose-Patienten.

Schon im Spätsommer 2022 könnte eine klinische Erststudie starten, wobei an einer kleinen Zahl gesunder Menschen die Verträglichkeit der Phagen-Therapie getestet werden soll.

Mukoviszidose ist eine angeborene Stoffwechsel-Erkrankung, bei der zäher Schleim in den Zellen entsteht und lebenswichtige Organe - vor allem die Lunge - nach und nach verstopft. Eine Infektion mit multiresistenten Keimen könnte für Patient:innen lebensgefährlich werden.
Mukoviszidose ist eine angeborene Stoffwechsel-Erkrankung, bei der zäher Schleim in den Zellen entsteht und lebenswichtige Organe - vor allem die Lunge - nach und nach verstopft. Eine Infektion mit multiresistenten Keimen könnte für Patient:innen lebensgefährlich werden.© picture alliance/AP Photo | Richard Drew

So kannst du dich vor Superkeimen schützen!

💧 Wasche dir regelmäßig und gründlich mit Seife die Hände.

⛹️‍♀️ Stärke dein Immunsystem: Treibe Sport, ernähre dich gesund, schlafe ausreichend, reduziere deinen Stress, verzichte auf Alkohol und Tabak.

🥩 Erhitze Fleisch bei 70 Grad mindestens für zwei Minuten, spüle das benutze Messer/Schneidebrett mit heißem Wasser und Spülmittel ab. Kaufe Bio-Fleisch - die Tiere bekommen nur wenig Antibiotikum.

👨‍⚕️ Geh bei einer Infektion frühzeitig zu deiner Ärztin oder deinem Arzt und nimm das Antibiotikum immer genau nach Anweisung ein - auch wenn es dir schon besser geht oder Tabletten übrig bleiben.

👋 Halte beim Krankenbesuch Abstand - vor allem in der Klinik. Desinfiziere dir danach (und für die anderen auch vorher) die Hände.

🏥 Wenn du im Krankenhaus liegst, frage das medizinische Personal, ob sie sich die Hände gewaschen und desinfiziert haben. Lasse offene Wunden nie ohne Handschuhe anfassen.

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Häufige Fragen zum Thema Antibiotika-Resistenz

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