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Was ist im Gefängnis erlaubt? So sieht das Leben im Knast aus

  • Veröffentlicht: 10.04.2023
  • 14:45 Uhr
  • Sven Hasselberg

Internet für Häftlinge? Offener Vollzug? Arbeiten im Knast? Freigang oder Einzelzelle? Hier erfährst du mehr über das Leben im Gefängnis, was erlaubt und was verboten ist. Im Clip: WG statt Gefängnis, ein Experiment

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Das Wichtigste zum Thema Gefängnisse

  • Justizvollzugsanstalten, oft einfach Gefängnisse genannt, sind in Deutschland Ländersache. Deshalb gibt es große Unterschiede, was den Alltag, die Möglichkeiten und die Einrichtungen betrifft. 2022 gab es bundesweit 172.

  • In Deutschland dient die Haft nicht allein der Strafe, der Abschreckung oder dem Schutz der Gesellschaft, sondern auch der Resozialisierung.

  • Deshalb gibt es eine Reihe von Angeboten wie Sport, Kunst, Ausbildungen und Arbeit bis hin zum Sex-Besuch von Partner:innen. Unten erfährst Du mehr über das Leben im Knast.

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Gefängnisse in Deutschland: Alltag im Knast

Knast, Kittchen, schwedische Gardinen – es gibt viele Bezeichnungen für das Gefängnis. Spricht man über Einrichtungen, die dem Strafrecht dienen, heißen sie korrekterweise Justizvollzugsanstalten (JVA). Seit 2006 sind die Bundesländer dafür verantwortlich.

Deshalb gibt es Unterschiede im Strafvollzug und einzelne Länder starten unabhängig Pilotprojekte für Strafgefangene. Auch Jugendstrafvollzug unterscheidet sich von dem für Erwachsene. Tagesabläufe variieren ebenfalls.

Werktage beginnen in einer JVA meist früh. Die Strafgefangenen werden so zwischen 6 und 7 Uhr geweckt. Die Beamt:innen kontrollieren auf Vollzähligkeit, und ob alle gesund und am Leben sind. Nach dem Frühstück beginnt der Arbeits- oder Schulalltag. Wer keine Arbeit hat, bleibt in der Zelle, die auch Haftraum genannt wird. Es gibt Freistunden für Sport, Hofgang oder Ähnliches. Unterteilt wird der Tag dann vom Mittagessen. Arbeitsende ist meist gegen 17 oder 18 Uhr. Danach gibt es Abendessen und es ist auch möglich, an verschiedenen Therapie-, Seelsorge oder Freizeitangeboten wie Kunst AGs teilzunehmen. Telefonate mit Angehörigen fallen in diese Zeit. Der sogenannte Nachteinschluss variiert, kann jedoch schon so gegen 19.30 Uhr stattfinden. Die beiden Listen unten erklären Dir das Leben im Gefängnis noch mal genauer. Einige der Angebote stehen aber nicht immer allen zur Verfügung. Das kommt auf die Einrichtung und auch die individuelle Haft und das Verhalten der Einzelnen an.

Gefängnisse und Strafgefangene: Wer sitzt wo

So viele Gefängnisse und Häftlinge gibt es in Deutschland in den einzelnen Bundesländern.
So viele Gefängnisse und Häftlinge gibt es in Deutschland in den einzelnen Bundesländern.
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Gefängnisroutine: So leben Häftlinge

📚 Schule/Ausbildung: Auch im Erwachsenen-Vollzug können Strafgefangene einen Schulabschluss nachholen oder sich mit Sprachkursen oder ganzen Studien weiterbilden. Das kann in der JVA oder aber per Fernunterricht geschehen. Berufsausbildungen können ebenfalls absolviert werden, meist in angeschlossenen Werkstätten.

👩‍🍳 Arbeit: Gefangene können im Gefängnis einer Arbeit nachgehen, zum Beispiel in der Wäscherei, der Küche, dem Garten oder der Verwaltung. Einige JVAs haben Werkstätten wie Schreinereien oder Schlossereien und nehmen Auftrage von außerhalb an. Für ihre Arbeit erhalten die Häftlinge einen Lohn. Er liegt bundesweit zwischen ein und drei Euro pro Stunde.

🏀 Sport und Freizeit: Sportmöglichkeiten halten Häftlinge nicht nur fit und beschäftigt, sondern dienen auch zum Abbau von Aggressionen. Es gibt auch Kunst-Kurse, vom Töpfern oder Malen bis hin zum Theater oder einem Chor. Das hilft den Insass:innen oft, sich auch mit sich selbst zu beschäftigen, ihr Leben zu reflektieren. Außerdem gibt es eine Bücherei. Je nachdem ist Fernsehen in den Zellen erlaubt.

🤝 Besuch: Jedes Gefängnis hat feste Besuchszeiten. Besuche müssen angemeldet sein. Alle Gäste müssen einen Ausweis zeigen. Besuche sind zeitlich limitiert und je nach Haft und Fall dürfen Insass:innen auch nur eine bestimmte Anzahl pro Monat erhalten. Meist findet der Besuch in speziellen Räumlichkeiten, den Besucherzentren, statt. Alle Besuchenden werden kontrolliert und müssen zum Beispiel ihr Handy abgeben.

🗝 Umschluss: Manchmal ist es möglich, dass Strafgefangene sich in ihrer Freizeit gegenseitig in ihren Zellen besuchen. Sie werden dann sozusagen aus ihrer Zelle in eine andere "umgeschlossen". Auch mehrere Strafgefangene können sich so treffen.

🌤 Hofgang: Der findet in der Freizeit statt und dient dazu, dass die Strafgefangenen auch mal an die frische Luft können. Je nach Einrichtung ist dann auch Sport auf Sportplätzen möglich oder die Insass:innen können sich einfach treffen, sich unterhalten.

🏗 Freigang/Offener Vollzug: Häftlinge mit Freigang können außerhalb des Gefängnisses ohne Aufsicht arbeiten und kehren nach Feierabend wieder in die JVA zurück. Es gibt auch Ausführung und Ausgang. Hier dürfen Häftlinge zwar raus, werden aber bewacht oder zumindest begleitet. Offener Vollzug bedeutet, dass Strafgefangene je nachdem sogar die Wochenenden bei ihren Familien verbringen dürfen.

🍫 Einkaufen im Knast: Da die Häftlinge Arbeiten oder aber ein Taschengeld erhalten können, wenn Sie nicht arbeiten, dürfen sie dieses auch ausgeben. Deshalb bieten JVAs Einkaufsmöglichkeit an. Hier können zum Beispiel Süßigkeiten, Zigaretten, Kaffee, spezielle Hygieneartikel oder Schreibwaren und Zeitschriften gekauft werden.

🗂 Sozialdienst: Für Neuankömmlinge sind die Sozialdienste eine Unterstützung, sollten sie noch Dinge zu regeln haben. Sie helfen zum Beispiel beim Kündigen der Wohnung oder Ähnlichem. Auch bei der Vorbereitung auf die Entlassung helfen die Fachleute. Während der Haft betreuen sie die Gefangene mit Einzelgesprächen oder Gruppenarbeiten intensiv.

Internet in der Zelle: Die damalige Justizsenatorin von Berlin, Lena Kreck, stellte 2022 das Internet für Häftlinge vor. Bei dem Pilotprojekt wurden zuerst nur 70 Zellen mit Computern ausgestattet, was der Resozialisierung dienen soll. Weitere JVAs sollen folgen. Kritiker:innen bemängelten das Projekt als unnötigen Luxus.
Internet in der Zelle: Die damalige Justizsenatorin von Berlin, Lena Kreck, stellte 2022 das Internet für Häftlinge vor. Bei dem Pilotprojekt wurden zuerst nur 70 Zellen mit Computern ausgestattet, was der Resozialisierung dienen soll. Weitere JVAs sollen folgen. Kritiker:innen bemängelten das Projekt als unnötigen Luxus. © picture alliance/dpa | Jörg Carstensen

Modellprojekte im Gefängnis

👩‍💻 Internetzugang in Berlin: Das Land Berlin startete 2022 einen Modellversuch, bei dem Strafgefangene auch in ihren Zellen im Internet surfen können. Das erleichtert zum Beispiel das Lernen und soll auf das Leben nach der Haft vorbereiten. Allerdings haben sie nicht unbeschränkten Zugang. Öffentliche Chats oder Soziale Netzwerke sind nicht zugänglich.

🗣 Gefangene helfen Jugendlichen: In Hamburg, Bremen, Niedersachen, Berlin oder NRW vermitteln ehemalige, aber auch aktuell Inhaftierte Jugendlichen die Folgen von Gewalt und Strafe. Dazu zählen Besuche der Schüler:innen in der JVA, Online-Präventionsunterricht aber auch pädagogisches Boxen, Suchtprävention, Deeskalationstraining oder Kurse zum Thema Mobbing.

👨‍👦‍👦 Eltern-Kind-Projekte: Es gibt verschiedene Projekte, die Langzeitbesuche von Kindern bei ihren Eltern ermöglichen. Wie alt Jugendliche sein müssen, um einen Elternteil allein besuchen zu dürfen, ist unterschiedlich. In Baden-Württemberg gibt es seit 2010 ein spezielles Eltern-Kind-Projekt. Hier steht das Wohl des Kindes im Mittelpunkt. Es hilft Gefangenen und ihren Kindern während und nach der Haft eine bessere Bindung zueinander aufzubauen.

🎭 Knastkulturwoche: In Nordrhein-Westfalen gab es 2022 schon zum dritten Mal die "Knastkulturwoche". Lesungen, Ausstellungen, Theateraufführungen, Radioprojekte:

👩‍❤️‍💋‍👨 Sex-Besuche: In einigen JVAs dürfen Gefangene bei guter Führung ihre Partner:innen für Intimbesuche empfangen. Dies findet in speziellen Räumen, die auch "Liebeszellen" genannt werden, unbewacht statt. Auch diese Besuche sind was Anzahl und Dauer betrifft, limitiert. Ob es nur Eheleuten gestattet ist, oder auch anderen Partner:innen, hängt von der JVA ab.

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Gefängnisse in der Kritik: Probleme im Strafvollzug

Früher wurde das Gefängnis rein als Strafanstalt angesehen. Zuchthäuser waren sogar darauf ausgelegt, dass die Gefangenen besonders harte Schwerstarbeit leisten mussten. Außerdem galt das als Abschreckung für den Rest der Bevölkerung, damit diese gar nicht erst straffällig werden sollte.

Heute sind die Justizvollzugsanstalten auch Orte der Resozialisierung. Die Strafgefangenen sollen sich wieder in die Gesellschaft eingliedern und besitzen gewisse Rechte.

Deshalb gibt es immer wieder Organisationen, Vereine oder Politiker:innen, die Kritik am System üben. Dazu gehören immer wieder die Überbelegung, aber auch die baulichen Zustände in Gefängnissen, die zum Beispiel zu Platz- oder Hygieneproblemen führen.

Gewalt und Verbrechen innerhalb der Anstalten sind ein großes Problem. Nicht selten kommen Insass:innen erst im Vollzug mit Drogen in Kontakt und werden süchtig. Auch mit politischer oder religiöser Radikalisierung geraten einige der Häftlinge erst im Gefängnis in Berührung. Es besteht also die Gefahr, dass sie im Gefängnis nicht resozialisiert, sondern "noch krimineller" werden.

Auch die Suizidrate ist hoch. Hier variieren die Zahlen je nach Jahr und Berechnung. Sie sollen zwischen sieben bis zehnmal höher als außerhalb der Justizvollzugsanstalten liegen. Manchmal wird sie mit acht Selbsttötungen auf 10.000 Insass:innen angegeben, manchmal mit 100 auf 100.000.

Häufige Fragen zu Gefängnissen

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