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Gendermedizin

Männer und Frauen sind anders krank: Weißt du, was hinter Gendermedizin steckt?

  • Veröffentlicht: 19.10.2023
  • 05:00 Uhr
  • Chris Tomas

Jung, männlich, weiß: So sieht der Patient in vielen medizinischen Lehrbüchern aus. An ihm werden Krankheiten erforscht, an ihn werden Medikamente angepasst. Frauen kommen dagegen oft zu kurz. Das will die Gendermedizin ändern – warum und wie erklären wir dir hier.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Seit einigen Jahren gibt es einen Trend in der Medizin: Behandlungen sollen möglichst individuell auf Betroffene zugeschnitten werden, damit sie bessere Erfolge und weniger Nebenwirkungen haben.

  • Ein Teilbereich dieser "personalisierten Medizin" ist die geschlechtersensible Medizin, kurz Gendermedizin. Sie konzentriert sich auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern – ein Aspekt, der lange zu wenig beachtet wurde.

  • Heute weiß man zum Beispiel, dass Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern, dass Krankheiten nicht immer gleich verlaufen und dass Vorurteile Therapien erschweren können.

Warum Gendermedizin wichtig ist

Der Standardpatient in medizinischen Lehrbüchern war lange Zeit männlich, weiß, 1,80 Meter groß und 70 bis 80 Kilo schwer. Er diente als Norm, an ihm wurden Symptome erklärt und Behandlungen beschrieben. Bis vor wenigen Jahren dachte man, die Daten ließen sich auf Frauen einfach übertragen – ein Fehlschluss.

Doch noch immer wissen viele Menschen, auch viele Ärzte und Ärztinnen, zu wenig über Geschlechterunterschiede in der Medizin. Darunter leiden beide Seiten. Zwei Beispiele:

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Frauen im Nachteil: Herzinfarkt

Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute. Umso gefährlicher ist es, dass Frauen im Durchschnitt eine Stunde später ins Krankenhaus kommen. Das Problem: Sie haben andere Beschwerden. Während bei Männern ein Engegefühl und Schmerzen in der Brust auf einen Infarkt hinweisen – also die bekannten Warnsignale – äußert er sich bei Frauen eher durch diffuses Unwohlsein, Übelkeit, Kurzatmigkeit, Rückenschmerzen oder Müdigkeit. Symptome also, die eher nach Magenverstimmung klingen als nach Herzproblem. Deshalb sterben Frauen häufiger an einem Herzinfarkt als Männer – obwohl sie eigentlich seltener daran erkranken.

Männer im Nachteil: Depressionen

Traurigkeit, ein Gefühl von Wertlosigkeit und innerer Leere, Schlafstörungen: Das sind typische Anzeichen einer Depression – bei Frauen. Bei Männern kann die Krankheit ein ganz anderes Gesicht haben. Beispielsweise zeigt sie sich durch aggressives Verhalten, Alkohol- und Drogenmissbrauch oder körperlichen Beschwerden. Deshalb werden Depressionen bei Frauen eher diagnostiziert. Männer hingegen nehmen sich häufiger das Leben: Mehr als drei Viertel aller Suizidopfer sind laut Statistischem Bundesamt männlich.

So kann ein Herzinfarkt aussehen - bei Männern. Nur etwa jede achte Frau hat solche Brustschmerzen.
So kann ein Herzinfarkt aussehen - bei Männern. Nur etwa jede achte Frau hat solche Brustschmerzen.© imago images/yacobchuk
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Diese Krankheiten haben Frauen häufiger

Die Grafik zeigt, welche Krankheiten häufiger bei Frauen als bei Männern auftreten
Die Grafik zeigt, welche Krankheiten häufiger bei Frauen als bei Männern auftreten© Galileo
  • Knochen und Gelenk-Erkrankungen wie Arthrose, Osteoporose oder rheumatoide Arthritis. Der Grund: Nach den Wechseljahren produziert der weibliche Körper weniger Östrogen, das sonst dafür sorgt, dass neue Knochenmasse aufgebaut wird.
  • Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angsterkrankungen und Essstörungen. Die Gründe sind noch unklar. Hormone könnten eine Rolle spielen, aber auch Geschlechterrollen und soziale Faktoren.
  • Blutarmut, da Frauen aufgrund ihrer Periode mehr Blut verlieren.
  • Inkontinenz, da Geburten den Beckenboden schwächen.
  • Alzheimer, da Frauen im Schnitt älter werden als Männer.
  • Migräne trifft Frauen dreimal häufiger als Männer. Laut einer aktuellen Studie zeigt könnte das Protein CGRP daran schuld sein: Es löst eine Entzündungsreaktion im Gehirn aus – und Frauen haben während ihrer Tage einen erhöhten Spiegel.
  • Reizdarm-Syndrom. Die Gründe sind noch unklar, was man aber weiß: Bei Männern wandert die Nahrung deutlich schneller durch die Verdauungsorgane als bei Frauen.
  • Fibromyalgie. Möglicherweise spielen Traumata eine Rolle bei der Entstehung der Schmerzkrankheit. In Studien berichteten Frauen mit Fibromyalgie öfter von Misshandlungen oder sexuellem Missbrauch als Kind.

Diese Krankheiten haben Männer häufiger

Die Grafik zeigt, welche Krankheiten häufiger bei Männern als bei Frauen auftreten
Die Grafik zeigt, welche Krankheiten häufiger bei Männern als bei Frauen auftreten© Galileo
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen (außer Herzschwäche). Dafür ist vor allem ihr Lebensstil verantwortlich.
  • Parkinson trifft Männer fast doppelt so häufig wie Frauen. Möglicherweise spielen dabei die Geschlechtshormone eine Rolle.
  • Gicht bekommen Männer fast fünfmal häufiger als Frauen, außerdem erkranken sie in jüngerem Alter. Frauen sind bis zu den Wechseljahren durch das Hormon Östrogen geschützt, das die Harnsäure-Ausscheidung verbessert.
  • Nierensteine bilden sich bei Männern ebenfalls häufiger als bei Frauen.
  • Diabetes: Männer haben eine niedrigere Insulinempfindlichkeit als Frauen.
  • Fettleber, weil Fett bei Männern eher am Bauch ansetzt.
  • Lungenentzündung trifft zwar beide Geschlechter, Männer erkranken daran jedoch oft schwerer.
  • HIV stellt besonders für schwule und bisexuelle Männer eine Gefahr dar. In Deutschland sind nur 15 Prozent der HIV-Betroffenen Frauen. Anders sehen die Zahlen jedoch in anderen Ländern aus: Weltweit sind über die Hälfte aller Menschen mit HIV Frauen.
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Welche Medikamente wirken bei Frauen und Männern anders?

Auch Medikamente haben bei Männern und Frauen nicht immer dieselbe Wirkung. Dafür sind viele verschiedene Faktoren verantwortlich, etwa die Gene, Hormone oder ein unterschiedlicher Stoffwechsel. Weil Frauen zum Beispiel im Durchschnitt kleiner sind und weniger wiegen, verteilen sich Medikamente bei ihnen anders im Körper. Zudem ist ihre Leber anders mit Enzymen ausgestattet. Das heißt, manche Mittel werden bei ihnen schneller abgebaut und wirken kürzer, andere wiederum brauchen sehr viel länger. Und auch der weibliche Zyklus beeinflusst die Wirkung.

Beispiele: Bei diesen Mitteln gibt Unterschiede

  • Bei Schmerzen: Das Schmerzmittel Ibuprofen hilft Frauen bei Schmerzen nicht so gut wie Männern. Ein Grund dafür könnte sein, dass Frauen von Natur aus eine niedrigere Schmerztoleranz haben und Schmerzen stärker spüren als Männer.
  • Bei Depressionen werden oft Serotonin-Wiederaufnahmehemmer verschrieben. Auch sie wirken nicht gleich: Frauen reagieren beispielsweise stärker auf Sertralin; Citalopram wiederum führt bei ihnen eher zu Herzrhythmusstörungen.
  • Bei Schlafstörungen: Frauen bauen das Schlafmittel Zolpidem viel langsamer ab als Männer. Sie sollten daher nur eine halbe Tablette nehmen, sonst ist ihr Reaktionsvermögen noch am nächsten Tag beeinträchtigt.
  • Bei Bluthochdruck: Blutdrucksenker wie der Betablocker Metoprolol und ACE-Hemmer haben bei Frauen mehr Nebenwirkungen als bei Männern.
  • Bei Haarausfall: Das häufig verordnete Mittel Minoxidil muss bei Frauen niedriger dosiert werden als bei Männern – sonst sprießen die Haare plötzlich auch im Gesicht.
Im Bereich der Gendermedizin ist noch immer viel Forschung notwendig.
Im Bereich der Gendermedizin ist noch immer viel Forschung notwendig.© IMAGO/Zoonar

Darum kommen Frauen in der Medizin zu kurz

Für Frauen ist die Ungleichbehandlung in der Medizin besonders dramatisch. Weil Männer häufiger als das "Maß der Dinge" angesehen werden, bekommen viele nicht die Behandlung, die sie eigentlich bräuchten. Das sind Gründe dafür:

1. Unzureichende Studien: Die meisten klinischen Studien werden an Männern durchgeführt. Da bei Frauen unter anderem der Zyklus und Hormonschwankungen berücksichtigt werden müssen, sind Studien aufwendiger und teurer, wenn man sie miteinbezieht. Erst recht nicht möchte man an einer potenziell Schwangeren ein unbekanntes Medikament testen. Selbst Labormäuse für Versuche sind daher überwiegend männlich. Die Folge: Frauen können Arzneimittel verschrieben bekommen, die gar nie an Frauen getestet wurden. Das Fehlen dieser Daten heißt Gender Data Gap. Es tut sich aber auch etwas: Neue Studien für die Zulassung von Medikamenten müssen Ergebnisse für Frauen und Männer getrennt ausweisen.

2. Mangelndes Forschungsinteresse: Frauenbeschwerden werden oft als weniger wichtig angesehen. So ergab ein Forschungsüberblick im Jahr 2016, das es fünfmal mehr Studien zum Thema Erektionsstörungen gibt als zum prämenstruellen Syndrom (PMS). Dabei habe etwa drei Viertel aller Frauen körperliche Probleme, bevor sie ihre Tage bekommen.

3. Fehlende Unterstützung: In den Chefsesseln der Krankenhäuser in Deutschland sitzen laut der Studie "Medical Women on Top" überwiegend Männer. Gerade einmal 13 Prozent der Klinikdirektor:innen sind Frauen.

Galileo von 2018-10-29
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Gendermedizin: Ein weites Feld

Auch Vorurteile müssen in der gesellschaftliche Gendermedizin berücksichtigt werden. Frauen gelten zum Beispiel häufig als empfindlicher. Die Folge: Ihre Beschwerden werden oft nicht ernstgenommen und stattdessen der Psyche zugeschrieben. Männer wiederum sind im Nachteil, wenn sie "typisch weibliche" Krankheiten bekommen wie etwa Brustkrebs.

Gendermedizin beschäftigt sich aber nicht nur mit den biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Auch psychologische, soziale und kulturelle Faktoren spielen eine Rolle.

So verhalten sich Frauen laut Robert Koch-Institut gesundheitsbewusster, rauchen seltener und trinken weniger Alkohol. Außerdem ernähren sie sich gesünder. Männer treiben hingegen mehr Sport.

Geschlechterunterschiede mitdenken: 5 Tipps

  1. Denk bei ärztlichen Terminen daran, dass viele Behandelnde das Thema Gendermedizin noch nicht auf dem Schirm haben. Frag gezielt nach.
  2. Wenn du die Wahl hast, lass dich von einem Arzt oder einer Ärztin deines Geschlechts behandeln. Er oder sie versteht dich meist besser.
  3. Du bekommst neues Medikament verschrieben? Frag nach, ob es an Männern und Frauen getestet wurde und ob die Dosis an dein Geschlecht angepasst werden kann.
  4. Nimm Signale deines Körpers erst und lass dich von Ärzten des anderen Geschlechts nicht abwimmeln. Wenn du kein gutes Gefühl bei jemandem hast, hol dir lieber eine Zweitmeinung ein.
  5. Für Frauen gibt es in vielen Städten Frauengesundheitszentren. Sie bieten zum Beispiel telefonische Beratung zu geschlechtsspezifischen Gesundheitsthemen an, organisieren Veranstaltungen und vieles mehr.

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