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Polio: Kehrt die Kinderlähmung auch in Deutschland zurück?

  • Veröffentlicht: 28.10.2023
  • 06:30 Uhr
  • Alena Brandt

Polio galt in vielen Ländern als ausgerottet. Vereinzelt wird das Virus aber immer wieder nachgewiesen. 2022 rief der US-Bundesstaat New York sogar den Katastrophenfall aus. Warum könnte Polio zurückkommen - und wie ist die Lage in Deutschland? Im Clip: So wirken Viren im Körper.

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Das Wichtigste zum Thema Polio

  • Polio ist die Abkürzung für Poliomyelitis. In Deutschland ist die Krankheit auch als Kinderlähmung bekannt. Allerdings können sich auch Erwachsene infizieren.

  • In den 1950er-Jahren gab es eine große Polio-Welle in Deutschland. Die Erreger waren so weit verbreitet, dass sich viele Menschen bereits im Kindesalter ansteckten.

  • Dann gab es große Impf-Aktionen zunächst mit Lebend-Impfstoffen als Schluck-Impfungen. In den meisten Industrieländern gilt Polio als ausgerottet.

  • In Deutschland sind rund 90 Prozent der Babys dreifach gegen Polio geimpft, zeigen Zahlen des Robert Koch-Instituts. Eine Impf-Rate von 95 Prozent sei laut den Expert:innen erstrebenswert.

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Rückkehr der Polio-Viren

🇺🇸 USA: 2022 rief der Bundesstaat New York den Katastrophenfall aus. Polio-Viren wurden wiederholt im Abwasser nachgewiesen.

🇮🇱 Israel: Polio-Viren wurden wiederholt im Abwasser entdeckt. 2023 erkrankten bis März vier Kinder an Polio.

🇬🇧 Großbritannien: Polio-Viren wurden zuletzt 2022 wiederholt im Abwasser im Raum London nachgewiesen.

🗺️ Weltweit: 2022 gab es weltweit 391 Polio-Fälle. 2021 wurden der WHO 698 Polio-Fälle übermittelt. Zum Vergleich: 2020 waren es 1.116 Fälle - davon auch einige in der europäischen Region.

Ansteckung mit Polio: Wie werden die Viren übertragen?

Polio überträgt sich durch Schmierinfektionen: über Tröpfchen, durch Berührungen und verunreinigtes Wasser. Es ist ein Entero-Virus, das Infizierte über den Stuhl ausscheiden. Das Virus greift das zentrale Nervensystem an und kann in Gehirn und Rückenmark eindringen.

Polio-Infektionen verlaufen meistens harmlos und oft sogar ohne Symptome. Es gibt aber auch schwere Folgen wie Lähmungen und Hirnhautentzündungen. Eine Therapie gibt es nicht.

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Wie kommt es zu dem Comeback der Polio-Viren?

Die Polio-Viren in den USA, Israel und Großbritannien sind keine Polio-Viren des Wildtyps. Die derzeit nachgewiesenen Erreger haben sich aus Lebend-Impfstoffen entwickelt.

Der Fachbegriff lautet: Vaccine Derived Poliovirus, kurz VDPV. Sie kommen vor allem in Ländern vor, die noch abgeschwächte Lebend-Impfstoffe nutzen. Die Gefahr: VDPV-Polio-Viren können sich zu krankheitserregenden Varianten verändern, die sich beispielsweise im Abwasser finden.

Was tückisch ist: Polio-Viren können lange Zeit unbemerkt bleiben, da schätzungsweise nur eine von 200 infizierten Personen (Manifestationsrate 0,5) eine Erkrankung mit Lähmungserscheinungen entwickelt.

Die Wildtypen des Poliovirus gelten in den Industrieländern als ausgerottet. Nachgewiesene Polio-Fälle gab es in den letzten Jahren vereinzelt etwa in Afghanistan und Pakistan. Allerdings kann das Virus natürlich exportiert werden.

Wie ist die Lage in Deutschland?

  •  Den letzten nachgewiesenen Fall mit Polio-Wildviren in Deutschland gab es Anfang der 1990er-Jahre. Die Wildviren gelten als ausgerottet.
  • In Deutschland werden seit 1998 inaktivierte Polio-Impfstoffe (IPV) empfohlen - und keine Lebend-Impfstoffe. Daher ist das Risiko einer Erkrankung gering, aber nicht ausgeschlossen.
  • Die Impfstoffe gegen Polio schützen laut Robert Koch-Institut (RKI) zuverlässig gegen eine Erkrankung.
  • "Auch hier ist es möglich, dass es erneut zu Fällen kommen kann. Deshalb ist und bleibt es wichtig, auf den Impfschutz gegen Polio zu achten, einen möglichen Fall so rasch wie möglich zu identifizieren und eine weitere Ausbreitung zu verhindern", sagt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher auf Galileo-Anfrage.
  • Bisher gibt es keine flächendeckenden Abwasserprüfungen auf Polio-Viren. Dabei wäre es eine gute Methode, zirkulierende Krankheitserreger zu überwachen. Am Robert Koch-Institut gibt es dazu aber ein Pilotprojekt.
  • Laut RKI sind Impfungen zur Schließung von Impf-Lücken die effektivste Maßnahme zur Verhinderung von Polio-Ausbrüchen.
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Impfpass checken: Impfstoff gegen Kinderlähmung (Poliomyelitis)

Für die Grundimmunisierung sind drei Impfstoffdosen vorgesehen, die bei Säuglingen ab dem Alter von zwei Monaten verabreicht werden.

Die Impfung gegen Kinderlähmung ist empfohlen für:

  • Säuglinge ab dem 2., 4., 11. Monat
  • Adoleszenten (9 bis 16 Jahre) - einmalige Auffrischungsimpfung

Du kannst ganz einfach checken, ob du gegen Polio geimpft bist - schau in deinem Impfbuch nach. Dabei musst du weit zurückgehen: Meistens werden in Deutschland schon Säuglinge grundimmunisiert. Auffrischungs-Impfungen sind lediglich für Personen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko in Ländern mit weiterhin auftretender Kinderlähmung notwendig. Gut zu wissen: Die Impfung kann jederzeit nachgeholt werden - zwei oder drei Injektionen im Abstand von mindestens vier Wochen bis zu sechs Monaten. Nimm im Zweifel dein Impfbuch mit zu deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt und frage nach, ob du ausreichend geschützt bist.

Im Impfpass kann man checken, ob man als Säugling gegen Polio geimpft wurde.
Im Impfpass kann man checken, ob man als Säugling gegen Polio geimpft wurde.© Getty Images

So sehen Polioviren aus

Polio-Viren können sich im Darm vermehren und ins Abwasser gelangen.
Polio-Viren können sich im Darm vermehren und ins Abwasser gelangen.© Picture Alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited
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