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Kolumne

Eine Begegnung - in einem Flüchtlingscamp in Ruanda

  • Veröffentlicht: 21.08.2023
  • 13:38 Uhr
  • Barbara Scherle
In Ruanda lernte Barbara Scherle den 78-jährigen Nengeri Mpumuruo kennen.
In Ruanda lernte Barbara Scherle den 78-jährigen Nengeri Mpumuruo kennen.© Yvan Simbi

Es ist nur die Geschichte eines Augenblicks. Es ist die Geschichte von Nengeri Mpumuruo. Es ist die Geschichte von Leid, von Verfolgung, von einem Leben zwischen Albtraum und Hoffnung. Es ist ein Vormittag im Flüchtlingslager Mugombwa im Süden von Ruanda an der Grenze zu Burundi und Kongo.

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11.628 Menschen leben hier. 11.628 Schicksale mit ihren ganz eigenen Geschichten.

Nengeri Mpumuruo ist 78 Jahre alt, als ich ihm kurz begegne. Ein Moment, der sich ereignet wie eine Avocado, die von einem Baum fällt. So etwas passiert schon mal, so knapp unterm Äquator, und Nengeri sitzt unter einem solchen Baum, als er mich anlächelt, die deutsche Journalistin, die im Tross einer Besuchsgruppe aus Deutschland von Plan International das Camp sehen darf - und geführt wird in eine kahle, kühle Halle, um dort dem Teen Club zu lauschen.

Die jungen Männer sind zwischen 14 und 19 Jahren, haben sich rausgeputzt und zeigen gleich, was sie im Rahmen des Projekts von Plan Ruanda gelernt und erfahren haben. Es geht um Gleichstellung, es geht darum, wie sie Konflikte im Camp besser lösen können, und es geht um ihre Träume für ein Leben irgendwann jenseits des Lagers. Es ist ein Termin für uns, für uns Besucher.

Ein Leben im Dazwischen

Ich gehe zurück zu diesem alten, eleganten Mann mit dem großen, zerschlissenen, braunen Hut in seinem hellblau verblichenen Anzug und seinen großen, strahlenden, blauen Augen, die gefühlt den Himmel spiegeln und den Körper halten und stützen über seinem eleganten Holz-Stock. 78 Jahre Leben. Davon mehr als zehn Jahre hier an diesem Ort, der nur ein Dazwischen ist – zwischen einem vergangenen Leben und einer Hoffnung auf ein neues Leben. Es wird dieser Augenblick der Reise womöglich sein, der mich begreifen lässt, warum es nicht richtig ist, dieses Irgendwo zu akzeptieren.

Nengeri hat früher im Kongo gelebt, mit Familie, als Farmer, in einem Haus, mit seiner Frau und seinen fünf Kindern. Nengeri ist Tutsi - und als Tutsi im Kongo musste er gehen, fliehen. Nach Ruanda. Ausgerechnet dorthin, wo vor 29 Jahren Tutsi gejagt wurden und in nur 100 Tagen Hutus versuchten, die stolze Ethnie der Rinderzüchter auszulöschen. Geschätzt 800.000 bis eine Million Tutsi wurden im Frühjahr 1994 von der Hutu-Mehrheit gekillt. So die verkürzte Geschichte. Noch heute zeugen von diesem Wahnsinn Gedenkstätten, Museen und riesige Friedhöfe. Bei vielen Gesprächen ist der Genozid präsent, denn es fehlen Angehörige – ermordet in diesen Tagen. Der Schmerz in den Seelen ist zu spüren und auf den Straßen auch zu sehen, in den Gesichtern der Älteren, gezeichnet mit Narben.

Eindrücke vom Besuch im Flüchtlingscamp Mugombwa

Vor Ort lernt sie den 78-jährigen Nengeri Mpumuruo kennen.
Vor Ort lernt sie den 78-jährigen Nengeri Mpumuruo kennen.© Yvan Simbi
Früher lebte Nengeri im Kongo, erzählt er. Doch er musste fliehen.
Früher lebte Nengeri im Kongo, erzählt er. Doch er musste fliehen.© Yvan Simbi
Barbara Scherle darf Nengeri in seine Hütte im Flüchtlingslager begleiten.
Barbara Scherle darf Nengeri in seine Hütte im Flüchtlingslager begleiten.© Yvan Simbi
Vor Ort lernt sie den 78-jährigen Nengeri Mpumuruo kennen.
Früher lebte Nengeri im Kongo, erzählt er. Doch er musste fliehen.
Barbara Scherle darf Nengeri in seine Hütte im Flüchtlingslager begleiten.

Ruanda, wird von Präsident Paul Kagame seit dem Jahr 2000 autokratisch geführt. Es ist ein Land, das versucht zu versöhnen: Täter und Opfer. Hass und Liebe. Trauma und Träume. Eine Aufgabe, die unmöglich erscheint. Vielleicht sich sogar äußert im Alltäglichen. Ich habe noch nie ein solches Land in Afrika gesehen, so schön, so weit und eng, so verstörend reinlich, so versessen auf Ordnungswille, verhängt von der Regierung, ausgeführt mit penibler Präzision. Es gibt nicht nur keine Hunde in Ruanda, es gibt auch keinen Müll in diesem Land, das für kurze Zeit Ende des 19. Jahrhunderts deutsche Kolonie war. Sind diese Akribie und penible Ordnungsliebe womöglich Relikte einer deutschen Zwanghaftigkeit? Es ist eine Frage, die mich begleitet, auch bis zu diesem Augenblick mit Nengeri – am schattigen Platz unter dem Avocadobaum.

Hier im Flüchtlingslager gelten andere Regeln und es ist ein anderer Alltag als draußen. Nengeri möchte mir diesen Alltag zeigen: Ich darf ihn begleiten in seine kleine Hütte, in seine Art Zuhause. Ich überzeuge die Übersetzerin, den Sicherheitsmann und einen Mitarbeiter des UNHCR, das diese Camps betreut, verwaltet, am Leben hält - und dann gehen wir. Hinein in diesen Strudel, in dieses Leben. Eng und voll und durchzogen von Abwasserkanälen. Von Elend und Bedürfnissen getränkt, in die schwülwarme, rot flirrende Luft.

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Sie nennen es Zuflucht - er nicht

Nengeri greift in die Seitentasche seines durchlöcherten Jacketts, bleibt stehen und führt den Schlüssel mit zittriger Hand in ein schweres Vorhangschloss an einer hellblau gestrichenen Holztür - ein kahler, stickiger Raum mit zerfressenen Schaumstoffmatratzen öffnet sich. Schambehaftet wird ein Vorhang zugezogen zu einer zweiten Kammer. Neun Menschen schlafen hier, leben kann man es nicht nennen. Es gibt nicht einmal ein Zudeck für den alten, stolzen Mann. Er setzt sich auf einen herbeigebrachten Hocker und atmet in dieses Nichts, in dieses Zuhause, das sie Zuflucht nennen. Er nicht.

Wenn ich an ihn denke, sitzt er da, in seinem Anzug, nun mit kleinen und müden Augen. So stolz und so allein, auf diesem Hocker und im Stich gelassen von seinem Leben, das er sich erträumte. Ich frage ihn beim Abschied, was er sich wünscht. Er wünsche sich ein besseres Leben für seine Enkel, die alle im Lager geboren wurden. Ein besseres Leben und nicht dieses Leben. Es sei ein Leben eines Flüchtlings, und das sei kein gutes Leben. Ich bin tief bewegt. Wir schweigen kurz und verabschieden uns mit einem langen, innigen Handschlag, denn er müsse ausruhen.

Nengeri bedankt sich und ich bedanke mich für diese Begegnung. Aber Worte findet nur er, und ich lasse sie mir übersetzen. Er sagt wohl: Danke, Sie haben mich gesehen, und es gab diesen einen, kurzen Moment der Würde für uns. Ich konnte gut verstehen, was er meinte.

Barbara Scherle ist Chefin vom Dienst im Hauptstadtstudio von :newstime und besuchte bei einer Reise nach Ruanda Projekte von Plan International.

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