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Weltweites Phänomen

Rätselhafter Corona-Effekt: Mehr Fälle verfrühter Pubertät

  • Veröffentlicht: 21.02.2024
  • 13:30 Uhr
  • Franziska Will
Jugendliche  kommen immer früher in die Pubertät. (Symbolbild)
Jugendliche  kommen immer früher in die Pubertät. (Symbolbild)© picture alliance / dpa

Die Pubertät trifft Kinder heutzutage deutlich früher als noch vor Jahren. Besonders deutlich war dieser Effekt in der Pandemie zu erkennen. In diesem Zeitraum stieg die Zahl verfrühter Pubertierender noch einmal deutlich an. 

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Über eine im Durchschnitt immer früher einsetzende Pubertät berichten Mediziner schon seit Jahrzehnten. Doch die Corona-Pandemie hat diesen Effekt noch einmal deutlich verstärkt. Bettina Gohlke von der Universitätsklinik Bonn betonte: 
"Es wurden 20 bis 30 Prozent mehr Fälle verfrühter Pubertät erfasst". Dabei sei das Phänomen nicht nur in Deutschland aufgefallen, sondern weltweit. Entsprechende Daten gebe es aus Europa ebenso wie aus den USA und China.

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Als verfrühte Pubertät wird die Entwicklung äußerer Sexualmerkmale bei Jungen vor dem vollendeten neunten und bei Mädchen vor dem vollendeten achten Lebensjahr bezeichnet. Bei den Mädchen entwickelt sich bereits unter anderem die Brust - eine Vermutung zum Corona-Effekt war deshalb, dass die frühere Entwicklung den Eltern eher auffiel, weil sie im Zuge von Schulschließungen und Homeoffice mehr Zeit mit ihren Kindern verbrachten.

Ursachen könnten psychische Belastung und Ernährung sein

Möglich sei auch ein Zusammenhang mit höherer psychosozialer Belastung, erklärt die Medizinerin Gohlke. Frühere Studien hätten ergeben, dass Kinder in solchen Situationen körperlich früher reifen.

Diskutiert werde zudem ein Gewichtseffekt: Viele Kinder haben in der Pandemie mehr gegessen, beziehungsweise bewegten sich merklich weniger - und Übergewicht gilt als einer der wichtigsten Faktoren für eine früh einsetzende Pubertät. Im Fettgewebe entsteht dann vermehrt der Botenstoff Leptin, der die Pubertät vorantreibt. Je dicker ein Kind, desto früher entwickelt es sich also zum Erwachsenen.

"Aber auch, wenn das Gewicht herausgerechnet wurde, blieb ein Plus an Fällen von Pubertas praecox", sagt Gohlke. "Vermutlich handelt es sich um einen multifaktoriellen Effekt." Unklar sei bisher, ob er sich mit dem Abklingen der Pandemie wieder verflüchtige.

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Sozial schwache Familien anfälliger 

Das Einsetzen der Pubertät hänge immer mit dem Lebensstandard in der Gesellschaft zusammen erklärte Günter Stalla, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Weiter betonte er, dass aktuell eine verfrühte Pubertät daher Kinder aus sozial schwächeren Familien anteilig häufiger treffe, weil sie öfter übergewichtig seien. 

Gesundheit hängt von sozialem Status und Bildung ab, das zeigt sich auch hier.

Günter Stalla,  Endokrinologe

Heute mehr Hormone als früher 

Einen weiteren Einfluss hat nach Annahme vieler Experten neben Übergewicht auch, dass Kinder heutzutage einem ganzen Cocktail hormonell wirkender Substanzen ausgesetzt sind. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Einfluss hat", erklärte Bettina Gohlke. Doch das Problem sei der Mangel an Studien. 

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Folgen einer verfrühten Pubertät

Vorzeitig pubertierende Kinder schießen zunächst rascher in die Höhe – doch es gibt bei ihnen einen gegenläufigen Prozess, der zur Folge hat, dass sie im Mittel letztlich kleiner bleiben als später in die Pubertät startende. Die Sexualhormone, die das Wachstum zunächst beschleunigen, sorgen auch dafür, dass es verfrüht endet, indem die Wachstumsfugen geschlossen werden.

Neben solchen körperlichen Folgen kann es psychische geben, wie der Endokrinologe Stephan Petersenn betonte. Und das nicht nur deshalb, weil Kinder sich zum Beispiel für Brustwachstum oder Behaarung schämten: Mit einsetzender Pubertät veränderten sich auch die Art zu denken und die Gefühlswelt, was zu Problemen im Freundeskreis führen könne, erklärte der Endokrinologe weiter. „Man reift früher zu erwachsenem Denken heran.“

Diskutiert werden auch mögliche Langzeitfolgen wie ein höheres Risiko für bestimmte Krankheiten - gesicherte Erkenntnisse fehlen aber.

Verfrühte Pubertät lässt sich stoppen

Aufhalten lässt sich der verfrühte Pubertätsstart durch das Spritzen synthetischer Botenstoffe, die die Produktion von Sexualhormonen stoppen. Bei Mädchen, die mit sieben bis siebeneinhalb Jahren in die Pubertät starten, entschieden sich das Kind beziehungsweise seine Eltern in etwa der Hälfte der Fälle aber gegen eine solche Therapie wie der Mediziner Gohlke aus Erfahrung berichtete, da manche Eltern oder auch das Kind selbst die Diagnose stresse. 

Trotzdem raten die Ärzte der Uni-Klinik Bonn Eltern, verfrühte Pubertätszeichen bei ihren Kindern beim Kinderarzt oder in einem Endokrinologischen Zentrum abklären zu lassen.

  • Verwendete Quelle:
  • Nachrichtenagentur dpa
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