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Diabetes-Mittel

Abnehmspritze: Darum ist das Medikament Wegovy so umstritten

  • Veröffentlicht: 13.02.2024
  • 11:00 Uhr
  • Christian Vock
Die Abnehmspritze Wegovy ist ein Adipositas-Medikament. Manche nehmen sie auch zum Abnehmen. Das birgt aber Risiken.
Die Abnehmspritze Wegovy ist ein Adipositas-Medikament. Manche nehmen sie auch zum Abnehmen. Das birgt aber Risiken.© picture alliance / NTB | Lise Åserud

Mit einer Abnehmspritze Wegovy soll man in kurzer Zeit Gewicht verlieren. Doch das vermeintliche Wundermittel ist alles andere als ein Lifestyle-Produkt und auch keine Abkürzung zur Strand-Figur. Was wirklich dahinter steckt und welche Risiken und Nebenwirkungen es gibt, das erfährst du hier.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Mit der Abnehmspritze ist das Medikament Wegovy gemeint. Es ist nicht neu, sondern eine Weiterentwicklung einer Diabetes-Therapie.

  • Das Medikament basiert auf einem menschlichen Darm-Hormon und bewirkt ein stärkeres Sättigungsgefühl sowie eine Senkung des Blutzuckerspiegels.

  • Das bedeutet: Die Abnehmspritze ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das nur mit ärztlicher Betreuung und bei medizinischer Notwendigkeit angewendet werden sollte.

  • Die Kosten einer Therapie mit Wegovy werden nicht von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen.

Die Nebenwirkungen der Abnehmspritze bekannt

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Abnehmspritze: Was steckt in dem angeblichen Wundermittel?

Der Wirkstoff, der in Wegovy steckt, wird Semaglutid genannt. Dieser wird einmal pro Woche unter die Haut gespritzt. Das Prinzip, das hinter Wegovy steckt, ist nicht neu und wurde bereits früher beziehungsweise wird immer noch zur Therapie von Diabetes Typ 2 genutzt. Eines dieser bereits bekannten Medikamente ist Ozempic, das ebenfalls den Wirkstoff Semaglutid nutzt, allerdings in niedrigerer Dosierung. Ein ähnliches Diabetes-Medikament ist Saxenda mit dem Wirkstoff Liraglutid.

Die Idee dieser Medikamente beruht auf der Wirkung eines Darm-Hormons und funktioniert so: Der Mensch produziert verschiedene Hormone. Das sind Botenstoffe, die im Körper bestimmte Vorgänge in Gang setzen, darunter auch Verdauungsvorgänge wie die Verstoffwechselung von Zucker, den Weitertransport des Nahrungsbreis oder auch das Sättigungsgefühl. Eines dieser Darm-Hormone ist das sogenannte Glucagon-like Peptide 1 (GLP-1), das unter anderem für den Sättigungseffekt und die Blutzucker-Senkung zuständig ist.

Allerdings "überlebt" das GLP-1-Hormon nur wenige Minuten im Blut. Deshalb hat man auf Basis dieses Darm-Hormons Medikamente zur Diabetes-Therapie entwickelt, die länger im Blut verweilen. Das waren zum Beispiel Byetta (Wirkstoff Exenatid), das einen halben Tag im Blut "überlebt", Victoza (Liraglutid), das einen ganzen Tag schafft oder Ozempic (Semaglutid), das eine ganze Woche lang wirksam ist. Als man merkte, dass die Medikamente nicht nur den Blutzucker senken, sondern dass die Diabetes-Patienten damit auch erheblich an Gewicht verlieren, hat man die Medikamente zur Adipositas-Therapie weiterentwickelt. Das Prinzip der Abnehmspritze ist also nicht neu, neu ist aber die höhere Dosierung, die dafür sorgt, dass die Wirkung auf das Gewicht größer ist als bei den Diabetes-Medikamenten.

Abnehmspritze: Wie das Diabetes-Medikament gegen Adipositas wirkt

Für das GLP-1-Hormon gibt es im menschlichen Körper unter anderem im Gehirn sogenannte Rezeptoren. Das sind quasi Andockstellen, die die Botschaften der Hormone an die Zellen weitervermitteln. Bei Medikamenten wie Wegovy gibt es nun zwei wesentliche Wirkungen:

1. Der für das Abnehmen wesentliche Mechanismus ist, dass die Rezeptoren, wenn sie durch das Medikament im Gehirn aktiviert werden, eine schnellere Sättigung und einen geringeren Appetit verursachen. Das Medikament zügelt also den Appetit und es stärkt die Sättigung.

2. Der zweite Effekt bewirkt, dass der Stoffwechsel angekurbelt wird. Die aufgenommene Nahrung wird also besser verstoffwechselt, das heißt, sie wird eher verbrannt als im Körper eingelagert.

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Wie läuft eine Abnehmspritzen-Therapie ab?

Eine Therapie beginnt in der Regel erst einmal mit einer Beratung durch einen Haus- oder Facharzt. Zuerst sollten alternative Wege im Sinne einer Verhaltenstherapie, also zum Beispiel eine Ernährungsberatung oder mehr Bewegung, ausprobiert und ausgereizt werden, wie Professor Matthias Blüher, Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Endokrinologie am Universitätsklinikum Leipzig und dort Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene, erklärt. Entscheidet man sich für eine Medikamententherapie, weil die Verhaltensänderung alleine langfristig keinen Erfolg verspricht, sollte trotzdem zur Therapie ein Begleitprogramm gemacht werden, weil das Medikament durch eine Änderung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens besser wirkt.

Begonnen werde die Wegovy-Therapie in den ersten vier Wochen mit 0,25 mg, die in den nächsten vier Wochen auf 0,5 mg gesteigert werde, so Diabetologe Blüher. Dies könne dann letztendlich bis zu einer Dosis von 2,4 mg jeweils alle 4 Wochen gesteigert werden. Wenn der Erfolg aber bereits bei niedrigeren Dosen einsetzt, müsse man nicht die Enddosis verschreiben.

In der Praxis würden laut Professor Blüher viele Patienten die Therapie nach einer Gewichtsreduktion erst einmal absetzen und das Gewicht zu halten versuchen, weil sie sich besser bewegen können oder gewohnt sind, anders zu essen. In dieser Intervall-Therapie nehmen Patienten das Medikament also etwa ein halbes Jahr, reduzieren dadurch Gewicht und machen erst einmal eine Pause. Allerdings werden solche Intervall-Therapien in Therapie-Leitlinien nicht empfohlen.

Im Video: Vorsicht vor gefälschten Abnehmspritzen

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Für wen ist die Abnehmspritze eigentlich gedacht?

  • Für Menschen, die einen Body-Mass-Index (BMI) von über 30 haben, also adipös sind.
  • Für Menschen die einen BMI von 27 haben und irgendeine Begleiterkrankung, die auf das Gewicht zurückzuführen ist, wie zum Beispiel eine Fettleber oder Bluthochdruck.

Für wen ist die Abnehmspritze nicht geeignet?

  • Wichtig: Wegovy ist kein Lifestyle-Produkt, sondern ein Medikament mit einem hormonähnlichen Stoff. Das bedeutet, dass ein Arzt individuell überprüfen muss, ob das Medikament für den jeweiligen Patienten geeignet ist.
  • Nicht geeignet ist die Spritze laut Professor Blüher bei bestimmten Vorerkrankungen; man dürfe es zum Beispiel nicht einsetzen bei Menschen, die eine bestimmte Art von Schilddrüsenkrebs selbst oder in der Familie haben.
  • Vorsicht sei auch bei Menschen geboten, die schon einmal eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse hatten.
  • In der Praxis bedeutsam sind auch die Nebenwirkungen. So kann es bei der Therapie unter anderem zu Übelkeit, Durchfall, Verstopfung oder Erbrechen kommen. Typischerweise würden diese Nebenwirkungen am Anfang der Therapie auftreten, in seltenen Fällen aber auch während der Behandlung.
  • Laut Beipackzettel darf Wegovy nicht bei einer Allergie gegen den Wirkstoff Semaglutid oder gegen einen anderen Inhaltsstoff des Medikaments angewendet werden.
  • Die Anwendung wird außerdem nicht empfohlen, wenn man unter anderem:
  • andere Produkte zur Gewichtsreduktion anwendet.
  • Typ-1-Diabetes hat.
  • eine stark eingeschränkte Nieren- oder Leberfunktion hat.
  • eine schwere Herzinsuffizienz hat.
  • eine diabetische Augenerkrankung (Retinopathie) hat.
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Wie und wo erhalte ich eine Therapie mit Wegovy?

Eine Therapie mit Wegovy ist verschreibungspflichtig. Prinzipiell kann jeder Arzt eine solche Spritze verschreiben, der typische Weg wäre aber über den Hausarzt oder den Spezialisten – meist sind das Diabetologen oder Ernährungsmediziner. Der Hausarzt würde dann gegebenenfalls zu den jeweiligen Fachärzten überweisen.

Die Krankenkassen übernehmen derzeit nicht die Kosten für diese Adipositas-Therapie, Patienten müssen die Behandlung also selbst bezahlen. Die Kosten einer Therapie mit Wegovy betragen monatlich 170 Euro bei der niedrigsten Dosis, bei der höchsten Dosis von 2,4 mg sind es 300 Euro pro Monat.

Wie gesund ist die Abnehmspritze?

Die Frage dabei ist: Wie definiert man gesund? Definiert man Gesundheit auch über Wohlbefinden, Lebensqualität oder Begleiterkrankungen, dann ist diese Art der Therapie laut Professor Blüher "sicherlich eine sehr gute Option." Man könne damit zum Beispiel den Ausbruch eines Typ-2-Diabetes verzögern, Blutdruck und Nierenfunktion verbessern oder Leberfett bei Fettlebererkrankungen einschmelzen. Es gibt durch eine solche Therapie also eine ganze Menge an parallelen Gesundheitseffekten. Allerdings muss man natürlich die Risiken kennen, etwa die durch Nebenwirkungen oder die generellen Risiken für Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen.

Prinzipiell würde ich sagen, ist es ein gesunder Weg, abzunehmen. Er verbessert viele gesundheitliche Risiken, aber er wirkt nicht bei jedem Menschen gleich und man muss immer eine Risiken-Nutzen-Abwägung machen.

Prof. Matthias Blüher

Prof. Matthias Blüher ist Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene, Professor für Klinische Adipositasforschung und Direktor des Helmholtz-Instituts für Stoffwechsel-, Adipositas- und Gefäßforschung am Helmholtz-Zentrum München und der Universität Leipzig.

Häufige Frage zur Abnehmspritze

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