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Spezielle Opfer-Täter-Beziehung

50 Jahre Stockholm-Syndrom: Wie es zu diesem Phänomen kam

  • Veröffentlicht: 23.08.2023
  • 16:30 Uhr
  • Stefan Kendzia
In dieser Bank fand vor 50 Jahren ein Banküberfall mit sechstägiger Geiselnahme statt. Seitdem ist das Stockholm-Syndrom ein Begriff.
In dieser Bank fand vor 50 Jahren ein Banküberfall mit sechstägiger Geiselnahme statt. Seitdem ist das Stockholm-Syndrom ein Begriff.© Tage Olsin

Ein Geburtstag, der nichts mit glücklichen Momenten zu tun hat: Das Stockholm-Syndrom wird 50. Der Ursprung dieser sehr besonderen Opfer-Täter-Beziehung liegt in Stockholm, nachdem Bankräuber Geiseln genommen hatten. Eine davon baute ein ungewöhnliches Verhältnis zum Peiniger auf.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Das Stockholm-Syndrom "feiert" seinen 50. Geburtstag.

  • Der Ursprung dieser sehr besonderen Opfer-Täter-Beziehung liegt in Stockholm, nachdem Bankräuber Geiseln genommen hatten.

  • Dabei handelt es sich um ein Phänomen, bei dem Geiseln ein positives und emotionales Verhältnis zu den Geiselnehmern aufbauen.

Vor 50 Jahren ereignete sich in Schwedens Hauptstadt ein mehrtägiges Geiseldrama rund um einen brutalen Bankraub, bei dem mehrere Geiseln genommen wurden. Was sich während der Geiselnahme zwischen einer der Geiseln und ihrem Peiniger entwickeln sollte, stand Pate für den Namen einer Neuentdeckung: dem Stockholm-Syndrom.

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Schon nach kürzester Zeit nahm eine Geisel ihre Peiniger in Schutz

"Die Party hat begonnen." Mit diesem zynischen Satz und Schüssen aus einer Maschinenpistole in die Decke einer Bank begann ein tagelanges Martyrium: Vor 50 Jahren eröffnete so Jan-Erik Olsson laut "Augsburger Allgemeine" seine Karriere als berühmter Bankräuber, der sowohl Geld erpressen wollte, als auch die Freiheit eines der berüchtigtsten Bankräubers Schwedens forderte, der zum Tatzeitpunkt inhaftiert war: Clark Oloffson. Insgesamt nahm Olsson drei Frauen und einen Mann als Geiseln und drohte, die Geiseln zu töten, sollten sie allesamt die Bank nicht verlassen können. Bereits einen Tag nach der Geiselnahme rief eine der Geiseln, Kristin Enmark, den damaligen Ministerpräsidenten Olof Palme an und nahm ihren Geiselnehmer in Schutz: "Lasst uns doch einfach laufen. Ich habe keine Angst vor diesen Männern. Sie beschützen uns."

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Die Polizei wurde mehr und mehr zur Bedrohung für die Geiseln

Die Beziehung wurde noch enger, nachdem Enmark in Oloffson ihren Retter sah: "Er versprach, dafür zu sorgen, dass mir nichts passiert, und ich beschloss, ihm zu glauben", so Enmark. Je länger die Geiseln mit ihren Peinigern konfrontiert waren, desto mehr wurde die Polizei in den Augen der Geiseln als Bedrohung erkannt: "Wissen Sie, wovor ich mich fürchte? Dass die Polizei uns etwas antut, dass sie die Bank stürmt", so Enmark in einem Telefonat mit Olof Palme. Dieses Verhalten gipfelte in der Befreiung der Geiseln, als die Polizei nach sechs langen Tagen Olsson und den freigepressten Oloffson überwältigen konnte. Statt sich zu freuen, rief die Geisel Enmark den Polizisten zu: "Tut ihnen nicht weh, sie haben nichts getan." Enmark soll nach dem Drama sogar eine kurze Beziehung mit Oloffson eingegangen sein. Dieses doch auffällige Verhalten sollte nach eingehender Analyse dann den Namen "Stockholm-Syndrom" erhalten. Ein Phänomen, bei dem Geiseln ein positives und emotionales Verhältnis zu den Geiselnehmern aufbauen.

Laut "Stern" hat sich das Bild über das Stockholm-Syndrom allerdings stark verändert. Mit dem Peiniger zu kooperieren sei vielmehr ein "Abwehrmechanismus, der dem Opfer hilft", mit einer traumatischen Situation fertig zu werden, sagt Christoffer Rahm, Psychiater am Karolinska-Institut. Cecilia Ase, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Stockholm und Expertin für Genderfragen geht noch weiter und sagt: "Das Stockholm-Syndrom ist ein erfundenes Konzept", um das Versagen des Staates, die Geiseln zu schützen, zu verschleiern.

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