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Psychologie

Stockholm-Syndrom: Was steckt hinter dem Phänomen bei einer Geiselnahme?

  • Veröffentlicht: 08.03.2024
  • 17:00 Uhr
  • Julia Wolfer
Geiselnahme in Stockholm, 1973: Die besondere Beziehung zwischen den Opfern und ihren Geiselnehmern prägte den Begriff Stockholm-Syndrom.
Geiselnahme in Stockholm, 1973: Die besondere Beziehung zwischen den Opfern und ihren Geiselnehmern prägte den Begriff Stockholm-Syndrom.© picture alliance / dpa / Police Handout

Beim Stockholm-Syndrom entwickeln Opfer von Geiselnahmen Sympathie für die Täter:innen. Aber was genau hat es mit dem psychologischen Phänomen auf sich und es wirklich eine Krankheit?

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Stockholm-Syndrom: Das Wichtigste zum Thema

  • Der Begriff Stockholm-Syndrom beschreibt ein psychologisches Phänomen, das auf den ersten Blick paradox wirkt.

  • Dabei entwickeln Opfer von Geiselnahmen und Entführungen Sympathie und Verständnis für Täter:innen. Mitunter vertrauen sie ihnen mehr als der Polizei.

  • Der Begriff geht auf eine Geiselnahme in Stockholm im Jahr 1973 zurück. Zwei Geiselnehmer brachten damals vier Bankangestellte in ihre Gewalt.

  • Der Begriff Stockholm-Syndrom ist heute umstritten. Manche Expert:innen zweifeln sogar an der Existenz eines solchen Syndroms.

Das Stockholm-Syndrom: Eine Definition des Phänomens

Mit dem sogenannten Stockholm-Syndrom wird ein psychologisches Phänomen beschrieben, bei dem manche Opfer von Geiselnahmen oder Entführungen eine positive emotionale Bindung zu Täter:innen aufbauen.

Obwohl sie durch ihre Peiniger:innen in eine Zwangslage geraten, entwickeln sie Verständnis oder sogar Sympathie für die Täter:innen. Sie kooperieren mit ihnen, identifizieren sich mit der Tathandlung oder verteidigen die Täter:innen oft selbst noch nach der Tat. Das Phänomen tritt nicht nur bei Geiselnahmen auf, sondern kann auch bei Opfern von Missbrauch und Gewaltbeziehungen in Erscheinung treten.

Geprägt wurde der Begriff Stockholm-Syndrom 1973 von einem schwedischen Polizeipsychologen nach einer Geiselnahme in der schwedischen Hauptstadt. Seitdem wird der Begriff in den Medien immer wieder benutzt, obwohl es keine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt. Auch in den medizinisch-diagnostischen Klassifikations-Systemen ist das Phänomen nicht verzeichnet.

Demnach handelt es sich beim Stockholm-Syndrom weniger um eine psychische Krankheit oder Störung, sondern vielmehr um eine emotionale Reaktion auf einen extremen Ausnahmezustand. Es wird derzeit als rationaler Überlebens- oder Bewältigungsmechanismus interpretiert, der Opfern hilft, mit einer traumatischen Situation fertig zu werden.

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Woher hat das Stockholm-Syndrom seinen Namen?

Die Bezeichnung "Stockholm-Syndrom" geht auf eine Geiselnahme in der schwedischen Hauptstadt zurück. Am 23. August 1973 brachte Jan-Erik Olsson in einer Bank vier junge Angestellte in seine Gewalt: Kristin Enmark, Birgitta Lundblad, Elisabeth Oldgren und Sven Safstrom, alle im Alter zwischen 21 und 31 Jahren.

Am ersten Tag der Geiselnahme erpresste Olsson seinen Komplizen Clark Olofsson aus dem Gefängnis frei. Gemeinsam verschanzten sie sich mehrere Tage im Tresorraum der Bank und drohten damit, die Geiseln zu töten. In dieser Zeit entwickelte sich zwischen bei den Opfern eine ungewöhnliche Solidarität mit den Geiselnehmern, die durch den zunehmenden Druck der Polizei offenbar noch wuchs.

Die Geiselnahme war einer der ersten Kriminalfälle, über den in den Medien live berichtet wurde. In einem Telefoninterview mit einem Reporter während ihrer Geiselhaft betonte Enmark ihre Sympathie für die Geiselnehmer: "Ich habe keine Angst vor den Bankräubern. Ich habe Angst vor der Polizei." Als sie nach 131 Stunden von der Polizei aus der Gefangenschaft befreit wurde, soll Enmark gerufen haben: "Tut ihnen nicht weh, sie haben nichts getan!" und "Clark, ich werde dich wiedersehen!" Einige der Geiseln forderten später Haftverschonung für die Täter und besuchten sie im Gefängnis.

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Warum ist das Stockholm-Syndrom umstritten?

Generell wird der Begriff Stockholm-Syndrom heute kontrovers diskutiert. Es wird allgemein angezweifelt, dass ein solches Syndrom überhaupt existiert. In der Medizin wird ein Syndrom durch gemeinsam auftretende, charakteristische Symptome gekennzeichnet. Für das Stockholm-Syndrom gibt es keine einheitlichen wissenschaftlichen Kriterien für eine Diagnose-Stellung. Auch in den medizinisch-diagnostischen Klassifikationssystemen ist das Phänomen nicht verzeichnet.

Eine Übersichtsstudie aus dem Jahr 2008 kam zu dem Schluss, dass die meisten Fälle des Stockholm-Syndroms von Medien diagnostiziert werden und nicht von Psycholog:innen und Psychiater:innen. Demnach basieren die wenigen verfügbaren Studien auf Einzelfällen, was die wissenschaftliche Aussagekraft einschränkt.

Kritiker:innen halten die Bezeichnung vor allem für ein mediales Instrument, um scheinbar irrationales Verhalten mithilfe des Labels Syndroms erklärbar zu machen. Oftmals wird der Begriff in den Medien fälschlicherweise und abwertend eingesetzt. Vor allem weiblichen Opfern wird das Label Stockholm-Syndrom zugewiesen.

Der kanadische Therapeut Dr. Allan Wade bezeichnete das Stockholm-Syndrom bei einer Konferenz 2015 als Konzept, um Frauen als Opfer von Gewalt zu diskreditieren und Personen zum Schweigen zu bringen, die als Opfer öffentlich über negative gesellschaftliche Reaktionen sprechen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine Studie aus dem Jahr 2012.

Bekannte Beispiele für das Stockholm-Syndroms

Auch in anderen Entführungsfällen wurde vom sogenannten Stockholm-Syndrom berichtet. Bekannte Beispiele sind:

  • Der Fall Patty Hearst: Am 4. Februar 1974 wurde die Millionenerbin Patty Hearst in den USA von Linksradikalen verschleppt, um ihre reiche Zeitungsverleger-Familie zu erpressen. Wochenlang wurde Patty gefangen gehalten, missbraucht und eingeschüchtert, bis sie sich zwei Monate später selbst der linksradikalen Gruppierung anschloss und eine Bank überfiel. Nach einem Jahr auf der Flucht wurde sie vom FBI geschnappt und vor Gericht gestellt. Hearsts Anwalt argumentierte in seiner Verteidigung mit dem Stockholm-Syndrom. Dennoch wurde sie zur Höchststrafe von 35 Jahren Haft verurteilt. Später wurde das Strafmaß verkürzt, Hearst kam 1979 aus dem Gefängnis frei. Später distanzierte sie sich von der linksradikalen Gruppe und sagte als Kronzeugin gegen die verbliebenen Mitglieder aus.
  • Eine Flugzeug-Entführung 1985: Im Juni 1985 kaperten zwei Angehörige der islamistischen Miliz Hisbollah ein Flugzeug der Trans World Airlines auf dem Weg von Athen nach Rom. Die 153 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder an Bord des TWA-Flugs 847 wurden als Geiseln festgehalten. Tagelang pendelte die Maschine zwischen Beirut und Algier; ein Passagier wurde von den Terroristen getötet. Die übrigen Geiseln wurden während intensiver Verhandlungen nach und nach freigelassen. Einige von ihnen zeigten danach Verständnis für die Forderungen der Entführer.
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Erklärung für das Stockholm-Syndrom: Warum fühlen Opfer mit den Tätern?

Warum manche Opfer von Geiselnahmen und Entführungen das Stockholm-Syndrom entwickeln und andere nicht, ist unklar. 

Es gibt verschiedene Ansätze, um das Phänomen zu erklären:

  • Erhöhung der Überlebenschance: Um eine Eskalation der Situation zu vermeiden und das eigene Überleben zu sichern, sind Opfer zunächst bereit, alles zu tun, was die Täter:innen verlangen. Der Aufbau einer positiven Beziehung kann dazu führen, dass die Peiniger:innen Mitgefühl für das Opfer empfinden (Lima-Syndrom).
  • Verringerung des Angst- und Spannungs-Zustands: Menschen in Geiselhaft befinden sich in einer absoluten Ausnahmesituation. Eine positive Bindung zu den Täter:innen aufzubauen, kann eine Bewältigungs-Reaktion sein, um Stress zu verringern und die eigene Kontrollwahrnehmung zu erhöhen.
  • Reziprozität: Die Zusicherung der Täter:innen, das Opfer bei Kooperation überleben zu lassen, erhöht die Chance, dass sich positive Gefühle wie Dankbarkeit gegenüber dem Aggressor entwickeln. Indem negative Konsequenzen durch kooperatives Verhalten ausbleiben, kann der Effekt noch verstärkt werden.
  • Gruppenbildung: Wenn das Opfer Handlungen der Täter:innen mit ausführt, kann das zu einer Einstellungsänderung und Identifikation beim Opfer führen.
  • Regression: Die Geiselnehmer:innen sind in einer Allmachtsposition: Sie können über Leben und Tod entscheiden. Durch die vollständige Abhängigkeit von den Täter:innen erleben Opfer einen Rückfall in kindliche Verhaltensmuster.
  • Perspektivübernahme: In der Zeit der Geiselnahme sind Opfer von der Außenwelt abgeschnitten. Ihr einziger sozialer Kontakt sind oft nur die Täter:innen. Das kann dazu führen, dass Opfer Einsicht in die Motive der Täter:innen gewinnen und Verständnis dafür entwickeln.

Manche Evolutions-Psychiater glauben, dass es sich dabei um eine natürliche und uralte menschliche Überlebens-Technik handeln könnte, die bis heute in uns Menschen verankert ist. In früheren Zeiten war die Gefahr wesentlich höher, von anderen Gruppen entführt zu werden. Eine Bindung an die Entführer erhöhte die Überlebens-Chance.

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Das Helsinki- und das Lima-Syndrom: Was haben sie mit dem Stockholm-Syndrom zu tun?

Oft wird das Stockholm-Syndrom auch als "Helsinki-Syndrom" bezeichnet. Beide Begriffe meinen jedoch dasselbe psychologische Phänomen, bei dem Opfer Sympathie für die Täter:innen entwickeln.

Das "Lima-Syndrom" beschreibt den umgekehrten Fall: Dabei entwickeln die Täter:innen eine emotionale Bindung zu ihren Opfern. Sie kümmern sich um ihre Geiseln und setzen sich - auch entgegen der eigenen Interessen - für ihr Wohlergehen ein.

Der Begriff "Lima-Syndrom" geht auf eine Geiselnahme in der peruanischen Hauptstadt Lima im Jahr 1996 zurück. Kämpfer einer peruanischen Untergrundbewegung besetzten damals die japanische Botschaft und nahmen mehrere Geiseln. Während der monatelangen Besetzung entwickelten einige der Geiselnehmer:innen Mitgefühl für ihre Opfer und ließen immer wieder Geiseln frei.

Die wichtigsten Fragen zum "Stockholm-Syndrom"

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