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"Jenke. Das Shopping-Experiment": Phänomen "Geplante Obsoleszenz": Warum Produkte so schnell kaputt gehen

  • Veröffentlicht: 30.08.2021
  • 11:55 Uhr
  • ch
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© Adobe Stock

Smartphone-Akkus, die gefühlt genau dann schwächer werden, wenn ein neues Modell auf den Markt kommt. Waschmaschinen, die früher viel länger hielten. Der Fernseher, der nicht mehr mit der neuesten Technik standhält. Oder T-Shirts, die nach dem fünften Mal Waschen so verzogen sind, dass sie nicht mehr tragbar sind ... Dieses Phänomen hat einen Namen: Obsoleszenz oder auch Verschleiß.

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Was bedeutet Obsoleszenz?

"Obsoleszenz bewirkt, dass ein Produkt vor Ablauf der üblichen Lebensdauer veraltet oder funktionsunfähig und somit zu Abfall wird", heißt es in einer Broschüre des Umweltbundesamtes. "Sie führt damit zur Verschwendung natürlicher Ressourcen und einem erhöhten Abfallaufkommen."

Viele Unternehmen planen bei der Herstellung ihrer Produkte einen frühen Verschleiß mit ein – etwa indem sie minderwertiges Material verwenden oder sogar gezielt Schwachstellen einbauen, etwa bei Laptops. Ob das Absicht ist, also eine "geplante Obsoleszenz" vorliegt, oder man es einfach in Kauf nimmt, ist oft schwer nachzuweisen.

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Sollbruchstellen und Reparatur-Probleme

Holger Krumme, Technikchef beim Bensheimer Testhaus HTV, nannte bereits 2013 im Magazin "Infosat" konkrete Beispiele für geplante Obsoleszenz in Elektronik. Er und seine Mitarbeiter hatten zahlreiche "Sollbruchstellen" in Geräten gefunden: "Besonders auffällig ist zum Beispiel die Verwendung besonders hitzeempfindlicher Bauteile in direkter Nähe zu Hitzequellen", so Krumme.

"Bei einer Vielzahl der unterschiedlichsten Bildschirme oder LCD-Fernseher befinden sich Elektrolytkondensatoren unmittelbar neben Leistungsbauteilen, die über 100 °C warm werden." Die Folge: früher Verschleiß. Weil es zu teuer wäre, die Geräte zu reparieren, landen sie dann oft auf dem Müll.

Weitere Probleme im Zusammenhang mit der geplanten Obsoleszenz: Hersteller machen es ihren Kunden schwerer, Geräte selbst zu reparieren oder auch nur zu öffnen. Oder es ist kompliziert, Ersatzteile zu beschaffen, Reparaturen sind teuer, Akkus fest eingebaut, und, und und.

Produkte werden heute schneller ausgetauscht als früher

Fest steht: ""Verbraucher und Verbraucherinnen nutzen neu erworbene Produkte heute kürzer als früher", so das Ergebnis einer Studie von Umweltbundesamt und Öko-Institut e. V. von 2015. Das gilt zum Beispiel für Waschmaschinen oder Flachbildfernseher.

Bei Haushaltsgroßgeräten wie Waschmaschinen, Wäschetrocknern und Kühlschränken hat sich laut Studie die durchschnittliche "Erst-Nutzungsdauer" im Untersuchungszeitraum um ein Jahr auf 13,0 Jahre verkürzt. Und: Der Anteil der Geräte, die aufgrund eines Defektes schon innerhalb von fünf Jahren ersetzt werden mussten, ist zwischen 2004 und 2012 von 3,5 Prozent auf 8,3 Prozent auffallend stark gestiegen.

Wenn Produkte schneller kaputtgehen, kaufen wir natürlich auch schneller neue. (Geplante) Obsoleszenz befeuert also die Wirtschaft. Aber wir Verbraucher sind nicht unschuldig daran: Etwa wenn wir auf der Jagd nach Schnäppchen lieber zum billigeren Produkt als zum qualitativ hochwertigeren greifen und damit riskieren, dass es schneller schlappmacht. Die Folge: viel mehr Müll.

Der jährliche Global E-Waste Monitor stellte etwa fest, dass die Masse an Elektroschrott (E-Waste) seit 2014 um mehr als 20 Prozent zugenommen hat. 53,6 Millionen Tonnen Elektroschrott wurden 2019 weltweit registriert. Deutsche Verbraucher haben daran einen großen Anteil: Mehr als 20 Kilogramm Elektroschrott pro Kopf entstehen bei uns jährlich, genau wie in den USA. Weltweiter Durchschnitt: 7,3 Kilogramm pro Person.

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Eigentlich noch "gut", aber ... Psychologische Obsoleszenz

Und nicht nur, weil sie wirklich kaputt sind, tauschen wir Produkte heute schneller aus. Auch wenn das alte Handy oder der Fernseher eigentlich noch gut sind, kaufen wir gern ein neues Gerät. Weil die Technik auf einmal veraltet scheint, weil das neue Teil cooler ist ... 

"Von vielen Dingen trennen wir uns nicht, weil sie natürlich obsolet geworden sind, sondern weil sie für uns psychisch obsolet geworden sind", schreibt Trendanalytiker Carl Tillessen in seinem Buch "Konsum. Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen".

Eine Untersuchung der Stiftung Warentest zeige, dass insgesamt 68 Prozent der Smartphone-Nutzer ihr Gerät innerhalb von drei Jahren wechseln, weil sie ein noch besseres Modell wollen (40 Prozent) oder durch den Vertrag regelmäßig ein neues bekommen (28 Prozent). Nur neun Prozent tauschten das Gerät wegen Schwächen wie eines Akkudefekts oder schwacher Akkuleistung aus. 

Trends verführen zum Kaufen

Psychische Obsoleszenz betrifft nicht nur Fernseher oder Handys, sondern auch Mode. Wir kaufen immer schneller immer mehr Kleidung. Denn die alten Stücke sortieren wir nicht nur aus, weil sie abgetragen sind, sondern weil sie uns nicht mehr gefallen und/oder nicht mehr "angesagt" sind. 

"Psychische Obsoleszenz resultiert meist aus Modetrends", schreibt Carl Tillessen. Das bedeutet: "Ein Gegenstand wird nicht so lange genutzt, wie er hält, sondern nur so lange, wie der mit ihm verbundene Trend Gültigkeit hat. Ein neuer Modetrend macht uns zum Beispiel Lust, uns neu einzukleiden, ein neuer Wohntrend macht uns Lust, uns neu einzurichten, und so weiter." 

Das sei nicht neu, so Tillessen: "Neu ist aber die Erfahrung, dass die Dinge umso schneller aus der Mode kommen, je schneller sich die Bilder dieser Dinge verbreiten. Und weil sich die Bilder durch das Internet so schnell verbreiten, wie noch nie, kommen die Dinge schneller aus der Mode als je zuvor."

Nach einer Saison ist vieles out – und wie lange eine Saison dauert, wird auch immer kürzer. Fast-Fashion-Unternehmen Zara beispielsweise bringt laut einer McKinsey-Studie mittlerweile bis zu 24 Kollektionen im Jahr auf den Markt, bei H&M sind es immerhin bis zu 16. Wir Verbraucher kaufen im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr – und tragen diese nur noch halb so lang wie vor 15 Jahren.

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Wie geht mehr Nachhaltigkeit?

"Aber was war zuerst, der kurzlebige Konsum oder das kurzlebige Produkt?", fragt TrendforscherTillessen. "Gibt es Handys mit rahmenlosem Glas-Display, weil wir uns ohnehin alle zwei Jahre ein neues holen? Oder wechseln wir alle zwei Jahre das Handy, weil das Display dann ohnehin kaputt ist? Die Frage ist so müßig wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Es gäbe das eine nicht ohne das andere."

Doch es gibt auch Gegentrends: Slow Fashion zum Beispiel, nachhaltige Modemarken. Oder Unternehmen wie den amerikanischen Online-Shop "Buy Me Once" oder das deutsche Warenhaus Manufactum, die versuchen, Fast Fashion und Wegwerfgesellschaft mit langlebigen Produkten etwas entgegenzusetzen. Oder iFixit, eine Art Wikipedia für Reparaturanleitungen, eine weltweite Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig helfen, Dinge zu reparieren, damit sie nicht so schnell auf den Müll wandern.

"JENKE. Das Shopping-Experiment: Macht Kaufen wirklich glücklich?" – Montag, 30. August 2021, um 20:15 Uhr auf ProSieben und auf Joyn

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