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Work statt Life

Mangel an Fachkräften: Griechenland führt Sechs-Tage-Woche ein

  • Veröffentlicht: 26.04.2024
  • 10:55 Uhr
  • Stefan Kendzia
In Griechenland, der Wiege der Demokratie, soll bald die Sechs-Tage-Arbeitswoche gelten. So will man dem Fachkräftemangel begegnen.
In Griechenland, der Wiege der Demokratie, soll bald die Sechs-Tage-Arbeitswoche gelten. So will man dem Fachkräftemangel begegnen.© Adobe

Mehr statt weniger arbeiten. Was sich irgendwie deutsch anhört, ist hier griechisch. Denn ab 1. Juli soll in Griechenland die Sechs-Tage-Woche gelten.

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Noch während der Eurokrise vor einigen Jahren wurden die Griechen in den deutschen Medien als nicht besonders fleißig diffamiert. Dieses Vorurteil wurde mehrmals widerlegt - zuletzt 2023 durch eine Studie von Professor Robert Inklaar von der Universität Groningen. Es hat sich gezeigt, dass die Griechen rund 2.036 Stunden pro Jahr arbeiten. Im Gegensatz dazu leistet sich Deutschland einen der hintersten Plätze mit einer Arbeitszeit von 1.386 Stunden.

Im Video: Wegen Vier-Tage-Woche - Philipp Amthor schießt gegen Grünen-Sprecherin Stolla

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Deutschland ist in Sachen Wirtschaftswachstum Schlusslicht

Dass in Deutschland pro Jahr deutlich weniger gearbeitet wird als in Griechenland, wird in der Wiege der Demokratie eher hämisch aufgenommen. Die staatliche Rundfunkanstalt ERT hat den deutschen Wunsch nach einer Vier-Tage-Woche dementsprechend beurteilt: "Deutschland: Sie arbeiten die wenigsten Stunden im Jahr und verlangen die Vier-Tage-Woche ohne Lohnkürzung." Eine Revanche?

Ein gerne geliefertes Gegenargument: Die Deutschen würden effektiver arbeiten. Denn ein Mehr an Arbeitsstunden bedeutet nicht zwangsläufig ein Mehr an Produktivität. Ein Argument, das widerlegt scheint: Denn die Griechen verzeichnen 2024 ein beachtliches, auf knapp drei Prozent geschätztes Wirtschaftswachstum. Deutschland hingegen bildet unter den großen Industrienationen einmal mehr das Schlusslicht. 

Sechs-Tage-Woche: Freiwillige Entscheidung der Arbeitnehmer:innen

Es geht aber nicht darum, wer dem anderen beweisen kann, mehr zu arbeiten. Sondern um eine Lösung beim Kampf gegen den Mangel an Fachkräften. Griechenland jedenfalls sieht wohl nicht die Lösung darin, weniger zu arbeiten. Sondern mehr. Die Regierung in Griechenland sei laut "Greekreporter" der Ansicht, das neue Arbeitsgesetz übernehme EU-Richtlinien in griechisches Recht und es sei eine Möglichkeit, Schwarzarbeit zu bekämpfen, Flexibilität zu bieten und die Beschäftigung im Allgemeinen anzukurbeln.

Die gesetzlich verankerte Sechs-Tage-Woche, die das Parlament in Griechenland kürzlich trotz der Proteste von Oppositionsparteien und Gewerkschaften verabschiedet hat, soll ab 1. Juli im privaten und öffentlich kontrollierten Sektor freiwillig gelten - nicht jedoch für Beamt:innen.

Für den sechsten Tag müssen die Arbeitgeber:innen einen Aufschlag von 40 Prozent zahlen, maximal acht Stunden Arbeitszeit pro Tag sind erlaubt. An Sonn- und Feiertagen stehen dann insgesamt 115 Prozent mehr Gehalt auf dem Lohnzettel. Nur eine Auswahl der vielen Vorgaben.

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Klarer Gewinner der Mehrarbeit: Der Staat

Tatsächlich muss aber gesagt werden, dass die gesetzliche Einführung der Sechs-Tage-Woche in Griechenland eher eine Maßnahme ist, um die Gesetzgebung an die Realität anzupassen. Viele Griech:innen brauchen zwei oder mehr Jobs, um sich das Leben leisten zu können. Dies führe dazu, dass viele mehr Stunden beim gleichen Arbeitgeber ableisten würden - für die Zusatzarbeit aber bei einem Tochterunternehmen ihres Hauptarbeitgebers arbeiten oder nicht deklarierte Überstunden ableisten würden. Das neue Gesetz soll auch das ändern - und Gewinner ist der Staat. Damit kassiert er höhere Sozialabgaben und Steuern durch weniger schwarz geleistete Überstunden.

Trotz hämischer Bemerkungen aus Griechenland zum deutschen Traum der Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich: Insgeheim wünschen sich die Griech:innen ein ähnliches Szenario. Das Job-Portal "Kariera.gr" fand heraus, dass sich 55 Prozent der Arbeitssuchenden durchaus eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich wünschen. 45 Prozent wünschen sich hingegen eine Fünf-Tage-Woche mit 20 Prozent mehr Lohn.

  • Verwendete Quellen:
  • Focus: "Griechen arbeiten bald sechs Tage - für deutsche Work-Life-Balance gibt es Spott"
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