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Der Wahlsieger und Labour-Chef im Porträt

Langweiliger Sir? Was man über den neuen Briten-Premier Keir Starmer wissen muss

  • Veröffentlicht: 05.07.2024
  • 13:54 Uhr
  • Joachim Vonderthann

Er wurde im Wahlkampf als steifer Polit-Roboter mit wenig Charisma bezeichnet. Doch Labour-Chef Keir Starmer verkörpert offenbar genau das, wonach sich viele Brit:innen nach turbulenten Tory-Jahren sehnten. Ein Porträt.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Die Labour-Partei hat bei den britischen Parlamentswahlen einen großen Triumph eingefahren.

  • Der Sozialdemokrat Keir Starmer löst damit den konservativen Rishi Sunak als Premierminister ab.

  • Warum der "langweilige" Starmer dennoch so viele Wähler:innen von sich überzeugen konnte.

Inhalt

  • "Mr Boring" genau der richtige Premier?
  • Aus armen Verhältnissen zum Sir
  • Starmer räumt mit Antisemitismus bei Labour auf

Großbritannien erlebt nach 14 Jahren konservativer Vorherrschaft einen spektakulären Machtwechsel: Bei den Parlamentswahlen im Vereinigten Königreich gibt es für die Tories von Premier Rishi Sunak eine historische Pleite. Der große Wahlsieger hingegen ist die Labour-Partei, die sich die absolute Mehrheit im Unterhaus sicherte. Wenngleich viele Expert:innen betonen, die Britinnen und Briten hätten nicht für die Arbeiterpartei, sondern gegen die Konservativen abgestimmt, hat ein Mann entscheidenden Anteil am Labour-Erfolg: Parteichef und Spitzenkandidat Keir Starmer.

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"Mr Boring" genau der richtige Premier?

Mit dem Slogan "Change" (Wechsel) zog der 61-Jährige in den Wahlkampf gegen den 44 Jahre alten Sunak und sein Motto war erfolgreich: Starmer ist nun der erste Labour-Premierminister seit Gordon Brown und Tony Blair. Dabei gilt Starmer, der Labour seit 2020 anführt, als eher uncharismatisch. "Ist Keir Starmer zu langweilig, um Premierminister zu sein?", fragte das Magazin "The Spectator" Ende 2023. Als "Reh im Scheinwerferlicht" bezeichneten ihn britische Medien. Eine Zuschauerin in einem der TV-Duelle beklagte gar laut "tagesschau.de", Starmer wirke wie ein Polit-Roboter

Doch nach 14 teils turbulenten, von zahlreichen Skandalen und dem Brexit geprägten Tory-Jahren, ist der von britischen Medien als "Mr. Boring" ("Herr Langweilig") betitelte Starmer vermutlich genau das, wonach sich eine Mehrheit der britischen Bevölkerung jetzt sehnte. 

:newstime
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Die Wahlschlappe der Konservativen in Großbritannien hat weitreichende Folgen für die Tories.

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Als Chef der sozialdemokratischen Labour-Partei betonte Starmer regelmäßig seine bodenständige Herkunft und wiederholt gern in einem Satz, dass sein Vater Werkzeugmacher und seine Mutter Krankenschwester gewesen seien. Starmers Kindheit war davon geprägt, dass seine Mutter schwer krank und das Geld manchmal so knapp war, dass das Telefon abgestellt wurde.

Starmers Werdegang ist der eines Aufsteigers aus der Arbeiterklasse - der abgewählte Sunak hingegen stammte aus reichem Hause und soll mit einem Vermögen von 850 Millionen Euro sogar reicher sein als König Charles III., wie "Focus Online" im Oktober 2022 berichtete.

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Aus armen Verhältnissen zum Sir

Als Erster der Familie ging Starmer zur Universität, wurde Menschenrechtsanwalt und Chef der Anklagebehörde CPS. Dieses Amt bescherte ihm einen Ritterschlag ein und den Titel "Sir".  In den strengen Reglementierungen britischer Gerichte sehen viele Beobachter:innen aber auch den Grund für Starmers eher steife Art bei öffentlichen Auftritten. Wie "Tagesschau.de" anmerkt, soll er sogar als Inspiration für den ungelenken Anwalt Mark Darcy - gespielt von Colin Firth - in den "Bridget Jones"-Filmen gedient haben. 

Vernichtende Wahlschlappe: Labour mit Erdrutschsieg - Sunak abgestraft

Starmer rückte seine Labour-Partei von links wieder in die politische Mitte - und machte sie damit für viele Brit:innen erst wieder wählbar. Im Wahlkampf warb er für wirtschaftliche Stabilität, ein besseres Gesundheitssystem und stärkeren Grenzschutz. Eine Rückkehr seines Landes in die EU, eine Rücknahme des Brexits also, hat er jedoch ausgeschlossen. Als Parteichef betonte er, anders als sein Vorgänger Jeremy Corbyn hart gegen Antisemitismus vorzugehen.

Der Kampf gegen offenen und latenten Judenhass innerhalb der Linkspartei dürfte eine der größten Errungenschaften des Labour-Chefs sein. Dem Alt-Linken Corbyn wurde Antisemitismus vorgeworfen, beispielsweise, weil er radikale islamistische Organisationen wie die Hamas und Hisbollah als "Freunde" bezeichnet hatte. Auch ging er nicht energisch gegen antisemitische Haltungen in der sozialdemokratischen Partei vor.  

Starmer räumt mit Antisemitismus bei Labour auf

Das änderte sich, als Starmer 2020 den Chefsessel bei Labour übernahm. Er warf laut "Tagesschau.de" zahlreiche Parteimitglieder wegen mutmaßlich antijüdischer Tendenzen raus, bekämpfte den linken Parteiflügel und machte sich dafür stark, dass sein Vorgänger Corbyn nicht mehr als Labour-Kandidat zur Parlamentswahl antreten durfte. Kritiker:innen warfen Starmer dem Bericht zufolge vor, in der Arbeiterpartei eine "Säuberung" vollzogen zu haben und bezeichnen ihn seitdem als "schonungslos".

Starmers Eintreten gegen Antisemitismus dürfte auch mit seiner Frau Victoria zusammenhängen. Denn die 50-Jährige, die beim Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) Großbritanniens im Bereich Arbeitsmedizin tätig ist, ist jüdischer Abstammung, wie der "Guardian" berichtet. Seine Familie hält Starmer ansonsten weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Auch im Wahlkampf trat Viktoria nur selten an der Seite ihres Mannes auf. Die beiden haben zwei Kinder im Teenageralter, auch über sie ist bisher kaum etwas bekannt. Ob das so bleibt, wenn ihr Vater Premierminister des Vereinigten Königreichs ist, wird sich zeigen.

Für seine Familie will sich der neue Bewohner von Downing Street Number 10, dem Regierungssitz in London, aber auch weiterhin Zeit nehmen. Die Freitagabende will sich der Fan von Arsenal London auch künftig für Frau und Kinder freihalten. 

  • Verwendete Quellen:
  • "Tagesschau.de": "Wird "Mr. Langweilig" der nächste britische Premier?"
  • "The Guardian": "Can Keir Starmer hope to keep his familiy out of the spotlight?"
  • Nachrichtenagentur dpa
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