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Überblick

Die Deutsche Bahn: Konzern-Entwicklung, Krisen und aktuelle Herausforderungen

  • Veröffentlicht: 24.01.2024
  • 13:42 Uhr
  • Michael Reimers
Die Deutsche Bahn ist ein riesiges Unternehmen, das immer wieder für kontroverse Debatten sorgt.
Die Deutsche Bahn ist ein riesiges Unternehmen, das immer wieder für kontroverse Debatten sorgt.© Daniel Vogl/dpa

Wer in Deutschland in einen Zug steigt, fährt höchstwahrscheinlich mit der Deutschen Bahn. Die wichtigsten Stationen in der Entwicklung der Deutschen Bahn und ihre größten Krisen - von der Gründung 1994 bis zur Reform 2024.

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Die Deutsche Bahn AG (DB) gehörte 2022 mit knapp zwei Milliarden beförderten Reisenden im Schienenpersonenverkehr zu Deutschlands wichtigsten Unternehmen. Und mit über 56 Milliarden Euro Umsatz auch zu den wertvollsten. Wer in Deutschland Zug fährt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Wagen der Deutschen Bahn sitzen. Doch auch, wer nach Paris oder Rom reisen will, kann die DB wählen, denn das Schienennetz reicht weit über Deutschland hinaus: Die DB AG ist das größte Einbahnverkehrs- und Einbahninfrastrukturunternehmen in Mitteleuropa. Neben der Personenbeförderung ist die DB  auch in verschiedenen anderen Bereichen wie Güterverkehr, Logistik, Energie oder Kommunikationstechnik tätig. Über 600 Unternehmen sind unter dem DB-Konzern organisiert. Damit gehört die DB AG mit weltweit über 330.000 Mitarbeiter:innen zu Deutschlands größten Arbeitgeber:innen.

Neugründung 1994: Der Start der Deutschen Bahn

Die DB gibt es, so wie sie ist, erst seit 1994. 1835 begann der Eisenbahnbau in Deutschland und am 7. Dezember beförderte die Dampflokomotive Anton die ersten 200 Personen auf der sechs Kilometer langen Strecke zwischen Nürnberg und Fürth. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Zugverkehr rasant und 1920 wurde die Deutsche Reichsbahn gegründet. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland entstand 1949 die Deutsche Bundesbahn. In der DDR wurde der Zugverkehr unter dem Namen Reichsbahn weitergeführt.

Als 1989 die Wiedervereinigung Deutschland politisch zusammenführte, gab es plötzlich zwei getrennte Schienennetze und Staatsbahnen. Die Zusammenführung beider Systeme gestaltete sich schwierig. Das Streckennetz der DDR war im Vergleich zur Bundesrepublik zwar sehr viel dichter, aber der technische Zustand und die Infrastruktur waren veraltet. 67 Prozent der Stellwerke im Osten waren über 40 Jahre alt und nur 30 Prozent des Netzes elektrifiziert. Der Investitionsbedarf war hoch. Dazu kam, dass die Bundesbahn ebenfalls mit Herausforderungen zu kämpfen hatte. Autos und Flugzeuge machten der Bahn zunehmend Konkurrenz und der als Behörde geführte Staatsbetrieb hatte kurz vor der Wiedervereinigung 44 Milliarden DM Schulden.

Um den Bund vom Haushaltsrisiko Bundesbahn zu erlösen und dem Schienenverkehr eine konkurrenzfähige Zukunft geben zu können, verlangte die Bundesregierung eine Reform. In ihrer jetzigen Form als staatliche Behörde war die Bahn ineffizient und größeren Herausforderungen nicht gewachsen. Mit dem Druck des uneinheitlichen Schienennetzes dank der Wiedervereinigung im Rücken wurde im Januar 1994 mit der Gründung der Deutsche Bahn AG eine grundlegende Bahnreform beschlossen. Aus Reichsbahn und Bundesbahn wurde die Aktiengesellschaft Deutsche Bahn. Als Unternehmen mit privater Rechtsform, aber weiterhin im Staatsbesitz, kann die Deutsche Bahn seitdem als marktorientierter Konzern agieren. Heinz Dürr, der bereits seit 1991 Chef der Deutschen Bundesbahn war, wurde erster Vorstandsvorsitzender. Er starb am 27. November 2023 im Alter von 90 Jahren in Berlin.

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Konzept und Zeitplan vorgelegt

Deutsche Bahn plant umfangreiche Streckensanierungen bis 2030

Die Deutsche Bahn will mit einem umfangreichen Sanierungskonzept bis 2030 das Streckennetz sanieren. Die Arbeiten sollen in einem riesigen Rutsch vonstattengehen. Das wird jedoch für viele Bahnkunden erstmal noch mehr Belastungen bedeuten.

  • 09.02.2023
  • 18:29 Uhr

Die wichtigsten Stationen in der Entwicklung der Deutschen Bahn

Nach der Gründung machte sich die Bahn an eine umfassende Sanierung des Streckensystems. 1996 trat das Regionalisierungsgesetz in Kraft und der Nahverkehr ging vom Bund in die Verantwortung der Länder über. 1999 startete die zweite Stufe der Bahnreform und verschiedene Geschäftsbereiche wie der Fern-, Nah- und Ladungsverkehr wurden als Aktiengesellschaften ausgegliedert. So entstanden die Unternehmen DB Regio, DB Cargo, DB Fernverkehr und das Infrastrukturunternehmen DB Netz.

2000 kam die dritte Generation des Hochgeschwindigkeitszuges ICE auf die Gleise, der mit bis zu 300 km/h durch Deutschland rollt. Vorstandsvorsitzender Hartmut Mehdorn, der seit 1999 im Amt war, verschlankte die Bahn, es kam zu Einsparungen bei Netzausbau und Wartung. 2002 übernahm die DB die Stinnes AG, so wurde die Marke Schenker in den Konzern eingegliedert. Die Deutsche Bahn baute mit dem international arbeitenden Logistik-Unternehmen den Bereich Güterverkehr aus.

2003 wurde die Bahncard veröffentlicht und das Internetangebot weiter ausgebaut. Im selben Jahr wurde der Unternehmensbereich Dienstleistungen gegründet, der unter anderem die Geschäftsfelder DB Fuhrpark, DB Energie und DB Services enthält. In den folgenden Jahren ist die Privatisierung der Bahn ein großes Thema. Obwohl privatrechtlich organisiert, ist das Unternehmen bis heute nicht an der Börse.

Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise ging die DB ab 2011 in die Offensive und erweiterte ihr Personal. Strecken wurden saniert und es wurde an einer umweltfreundlichen Mobilität gearbeitet. 2010 übernahm die Bahn das britische Transportunternehmen Arriva. 2017 löste Richard Lutz Rüdiger Grube als Vorstandsvorsitzender ab. Er ist bis heute Chef der DB.

Die Covid-Pandemie bescherte der DB einen Milliardenverlust. Die Einschränkungen des Reiseverkehrs stürzten den Konzern in seine bislang größte Krise und der Verlust belief sich 2020 auf fast sechs Milliarden Euro. Auch wenn die Passagierzahlen in den letzten Jahren erneut anstiegen, noch ist das Niveau von 2019 nicht erreicht. Trotz Umsatzrekord 2022 hat die der Konzern Ende 2023 um die 30 Milliarden Euro Schulden.

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Das Unglück von Eschede: Die dunkle Stunde der DB

Am 3. Juni 1998 kam es in der Gemeinde Eschede in Niedersachsen zum schwersten Eisenbahnunfall in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Der ICE 884 entgleiste mit Tempo 200 auf dem Weg von München nach Hamburg. Der hintere Zugteil schob die vorderen Waggons ineinander und ließ zudem eine Brücke einstürzen. 101 Menschen kamen bei dem Unfall zu Tode, 108 wurden zum Teil schwer verletzt. Die auf den Unfall folgende Untersuchung ergab, dass ein Radreifen gebrochen war, was öffentliche Diskussionen über die Sicherheit der DB, mangelnde Wartung und strukturelle Probleme auslöste. Da in Deutschland juristische Personen wie die DB nicht angeklagt werden dürfen, wurden ein Abteilungspräsident, ein technischer Bundesbahnoberrat und ein Betriebsingenieur des Herstellerwerks auf Körperverletzung und fahrlässige Tötung verklagt. 2003 wurde das Verfahren gegen eine Zahlung von 10.000 Euro je Angeklagtem eingestellt, da der Richter eine schwere Schuld der Mitarbeiter ausschloss.

Verspätungen, Daten-Supergau und eine veraltete Struktur: Die DB in der Kritik

Der größte Kritikpunkt an der Bahn ist seit Jahren die Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit. Im November 2023 kamen nur rund 85 Prozent der Züge im Personenverkehr fahrplanmäßig plus maximal 5:59 Minuten an. Noch schlechter sieht es beim Fernverkehr aus: Im selben Monat erreichten nur 52 Prozent der Züge im Fernverkehr ihr Ziel zur angegebenen Zeit plus 5:59 Minuten. Die Deutsche Bahn hat sich für 2023 ein Pünktlichkeitsziel von 70 Prozent gesetzt, was nicht erreicht wird. Als Ursache gibt die DB die zahlreichen Baustellen und Sanierungen am Schienennetz an. Der Fahrgastverband Pro Bahn macht zusätzlich den Personalmangel verantwortlich.

Im Video: Deutsche Bahn so unpünktlich wie seit Jahren nicht mehr

Neben Verspätungen sind es vor allem Bahnstreiks, die Kund:innen frustrieren. Nahezu wöchentlich wartet man auf den nächsten Streikaufruf der GDL. Gestreikt wird für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Lohn und eine Reduzierung der Wochenarbeitsstunden. Die Streiks der Bahn bekommen viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, weil die Arbeit häufig flächendeckend über ganz Deutschland niedergelegt wird, was eine große Bevölkerungsgruppe im Alltag trifft.

2009 wurde die DB von der Datenaffäre erschüttert. Dem Konzern wurde vorgeworfen, Daten seiner Mitarbeiter:innen mit anderen Datenbanken abgeglichen zu haben und so die Belegschaft überwacht zu haben. Auch von einer Manipulation der Daten wurde gesprochen. Der Datenschutz-Skandal führte zur Entlassung mehrerer Vorstandsmitglieder, auch Vorstandsvorsitzender Hartmut Mehdorn musste zum 30. April 2009 zurücktreten.

Trotz Sanierungsbemühungen der DB ist das Schienennetz und die Infrastruktur veraltet und marode. Im März 2023 legte ein interner Bericht des Chefs der DB Netz AG Philipp Nagl offen, dass sich 26 Prozent der Weichen, 48 Prozent der Stellwerke, 42 Prozent aller Bahnübergänge und 23 Prozent der Gleise in einem schlechten, mangelhaften oder ungenügendem Zustand befinden. Geld für eine umfassende Sanierung ist Berichten zufolge nicht da. Fragwürdige Investitionen des DB-Managements wie zum Beispiel das Großbauprojekt "Stuttgart 21" führen dazu, aber auch die fehlende Rückendeckung der Politik, die seit Jahren bei der finanziellen Unterstützung auf Auto- und Flugverkehr fokussiert ist.

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Bahnreform 2024 mit InfraGO

Obwohl in Deutschland auch andere Bahnunternehmen aktiv sein dürfen, beläuft sich der Marktanteil der DB im Fernverkehr auf 96 Prozent. Ihr wird zu viel Marktmacht bei gleichzeitig zu schlechter Performance nachgesagt. Außerdem betreibt der Konzern Bereiche wie Bahnhöfe, Schienennetz und Zugverkehr aus einer Hand, während das in anderen Ländern aufgeteilt ist. Die Monopolkommission, ein Gremium, das die Bundesregierung vertritt, fordert seit Jahren eine Aufspaltung der DB, damit mehr Wettbewerb stattfinden kann, was sich positiv auf die Qualität auswirken soll.

2024 wird die Bahn zumindest in Teilen aufgeteilt. Verkehrsminister Volker Wissing startet im Januar 2024 mit einer Bahnreform: Die DB Netz verschmilzt mit DB Station und Service zu einer neuen, gemeinwohlorientierten Infrastruktursparte InfraGO. Damit sollen zukünftige Instandhaltungen und Sanierungen hauptsächlich an den gesellschaftlichen Bedürfnissen und am Klimaschutz ausgerichtet werden.

  • Verwendete Quellen:
  • Deutschlandfunk: Zerschlagung der Bahn und die zweite Bahnreform
  • Focus: Verluste der Deutschen Bahn zu Corona Zeiten
  • Statista: Wie pünktlich ist die Deutsche Bahn
  • Tagesschau: Das Unglück von Eschede und Bericht zum schlechten Zustand der Infrastruktur der Deutschen Bahn
  • Website: Deutsche Bahn
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