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Klimaschutzbewegung

Verkehrsblockaden und Klebeaktionen: Die "Letzte Generation" und ihre Forderungen

  • Aktualisiert: 14.02.2023
  • 15:01 Uhr
Die "Letzte Generation" gründete sich 2021. Damals begann eine siebenköpfige Gruppe am 30. August einen Hungerstreik im Berliner Regierungsviertel.
Die "Letzte Generation" gründete sich 2021. Damals begann eine siebenköpfige Gruppe am 30. August einen Hungerstreik im Berliner Regierungsviertel.© REUTERS

Straßenblockaden, Klebeattacken in Museen und Container-Aktionen. Die Aktivist:innen der Klimaschutzbewegung "Letzte Generation" führen angesichts des Klimanotstands immer häufiger Proteste durch. Doch was fordern die Klimaschützer eigentlich und wie ist die Gruppe organisiert? Alle Informationen zur Letzten Generation gibt es hier.

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Letzte Generation: Gewaltfreier Widerstand für den Klimaschutz

Bei der Letzten Generation handelt es sich um eine Klimaschutzbewegung. Diese besteht aus Klimaaktivist:innen, die sich zu einem Bündnis zusammengeschlossen haben. Gemeinsam setzt sich die Letzte Generation für den Klimaschutz ein. Mit ihren Aktionen des zivilen Widerstands sorgen sie oftmals für Wirbel – und das ist gewollt. So möchte die Gruppe unter anderem auf die Klimakrise aufmerksam machen. Man sehe diesen zivilen Widerstand als Chance, den zerstörerischen Kurs der Bundesregierung aufzuhalten, wie es auf der Website der Letzten Generation heißt. Besonders kontrovers und umstritten sind jedoch Straßenblockaden oder das Verunstalten von Kunst oder Gemälden mit Farbe.

Im Video: "Letzte Generation" kündigt bundesweit massive Störungen an

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Es begann mit dem Hungerstreik der Letzten Generation

Die Letzte Generation bildete sich im Jahr 2021. Damals begann eine siebenköpfige Gruppe am 30. August einen Hungerstreik im Berliner Regierungsviertel. Ihre Forderung: Ein Gespräch mit den drei Kanzlerkandidat:innen Armin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen). Besprochen werden sollten Maßnahmen gegen den Klimawandel. Die Politiker:innen kamen dieser Forderung jedoch nicht nach. Ein Großteil der Klimaaktivist:innen beendete daraufhin den Protest. Zwei Aktivist:innen traten dann sogar in den Durststreik. Der damalige Kanzlerkandidat Olaf Scholz sagte den Klimaaktivist:innen daraufhin ein Gespräch nach der Bundestagswahl 2021 zu. Dieses fand am 12. November 2021 statt und thematisierte die menschengemachte Klimaerwärmung und die notwendigen Änderungen in der Klimapolitik.

Obwohl nicht alle Menschen, die am Hungerstreik im Sommer 2021 teilgenommen haben, noch Teil der Gruppe sind, ist die Gründung des Bündnisses auf diesen Protest zurückzuführen. Anfang 2022 startete die Letzte Generation vermehrt Aktionen. Diese wurden unter dem Namen "Aufstand der Letzten Generation" durchgeführt. Der Begriff "Letzte Generation" wurde gewählt, um die Gefahr eines Klimakollaps zu verdeutlichen. In einem Brief an die Bundesregierung im Herbst 2022 hieß es: "Wir alle sind die letzte Generation, die das Schicksal der Menschheit noch entscheiden kann.“ Es sei nun an der Zeit, sofort Maßnahmen zu ergreifen, da sonst ein Zusammenbruch des Erdklimasystems drohe und es sonst zu spät sei.

Das fordert die Letzte Generation

Die Letzte Generation hat mehrere Forderungen, doch ein Hauptziel: auf den drohenden Klimakollaps aufmerksam zu machen und die Bundesregierung zur Durchführung von Sofortmaßnahmen zu bringen. Durch gewaltfreien Widerstand protestieren die Klimaaktivist:innen gegen unterschiedliche Missstände.

Konkret fordern die Mitglieder der Letzten Generation eine nachhaltigere Landwirtschaft sowie ein Gesetz, das Supermärkte dazu verpflichtet, noch genießbares Essen nicht wegzuwerfen, sondern zu spenden. Das Verschwenden von fossilen Ressourcen soll gestoppt werden. Auch ein Tempolimit von 100 km/h auf deutschen Autobahnen soll eingeführt werden, um CO2 einzusparen. Weiter setzt sich die Letzte Generation für die Einführung eines dauerhaften 9-Euro-Tickets ein, um mehr Menschen die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel möglich zu machen. Die Bundesregierung soll Bürger:innen außerdem mittels Bürgerräten selbst über ihre Zukunft entscheiden lassen können. Grundsätzlich setzt sich das Bündnis dafür ein, dass Deutschland bis 2030 emissionsfrei wird. Dafür will die Letzte Generation einen Gesellschaftsrat ins Leben rufen. Dieser könne dann mithilfe von Expert:innen an den nötigen Maßnahmen arbeiten.

Die Klimaaktivist:innen sind davon überzeugt, dass man nur noch wenige Jahre habe, um eine Klimakatastrophe zu verhindern. Die Welt stünde aufgrund des Klimawandels am Rande des Abgrunds. Das Klimabündnis wolle "dieses Verbrechen an der Menschheit nicht widerstandslos hinnehmen". Daher protestierten die Mitglieder der Klimaschutzbewegung. "Wir tun das nicht gerne. Doch wir sehen diesen zivilen Widerstand als unsere beste Chance, auf unserem zerstörerischen Kurs die notwendige Umkehr zu bewirken“, heißt es auf ihrer Website.

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Von Suppe auf Gemälden bis zu Klebeaktionen auf Autobahnen

Die Aktionen und Proteste der Letzten Generation finden gewaltfrei statt. Eine der ersten Aktionsreihen der Aktivist:innen war die Kampagne "Essen Retten Leben Retten". Um auf Lebensmittelverschwendung in Deutschland aufmerksam zu machen, starteten einige Mitglieder der Letzten Generation Autobahnblockaden in Berlin. Ihre Forderung: Ein Essen-Retten-Gesetz, sodass große Supermärkte Nahrungsmittel nicht mehr wegwerfen dürfen, sondern spenden müssen. Neben Autobahnblockaden wurden auch Container-Aktionen durchgeführt. Dabei werden meist vom Supermarkt weggeworfene Lebensmittel aus deren Abfallcontainern mitgenommen. Einige der Lebensmittel-Retter zeigten sich nach der strafbaren Aktion sogar selbst an, um mehr mediale Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken.

Bei Verkehrsblockaden handelt es sich um eine gängige Protestform der Letzten Generation – nicht nur auf Autobahnen, sondern auch in Innenstädten oder auf Flughäfen. Die Mitglieder kleben sich dabei immer häufiger mit Sekundenkleber auf der Fahrbahn des Protestortes fest und stören somit den Verkehr. Um auf ihre Aktion "Stoppt den fossilen Wahnsinn" aufmerksam zu machen und ihrer Forderung eines Endes von Investitionen in fossile Energie Gewichtung zu geben, rissen einige Aktivist:innen im April 2022 den Boden vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin auf. Durch Rohre mit der Aufschrift "Qatar Stream" wurde ihre Kritik an den Gaslieferungen aus Katar deutlich.

Die Aktionen der Letzten Generation stechen hervor – auch da Kunstwerke und Museen häufig Ziel der Klimaaktivist:innen werden. Besonders in der Zeit zwischen August und Oktober 2022 schmierten Mitglieder Lebensmittel auf Bilder oder klebten sich in Museen fest. Damit wollen sie die Gesellschaft aufrütteln und auf Missstände und die Klimakrise hinweisen. Attacken auf weltbekannte Kunstwerke sorgen besonders für Aufsehen. So wurde ein Gemälde Claude Monets im Potsdamer Museum Opfer einer Kartoffelbrei-Attacke, während Vincent Van Goghs Sonnenblumen in London mit Suppe bespritzt wurden.

Im Januar 2023 protestierten viele Klimaaktivist:innen, darunter auch Demonstrant:innen der Letzten Generation, gegen den Abbau von Braunkohle und den Abriss des Dorfes Lützerath in Nordrhein-Westfalen. Der Ort südwestlich von Düsseldorf soll zur Kohlegewinnung abgebaggert werden

Wie ist die Letzte Generation organisiert?

Die Letzte Generation ist eigenen Aussagen zufolge in Ortsgruppen organisiert. Auch gibt es ein zentrales Strategieteam. Die Zahl der Unterstützer:innen ist schwer einzuschätzen, laut eines Sprechers handele es sich aber mindestens um mehrere Hundert Aktivist:innen. Der Zeitung "Welt am Sonntag" zufolge befanden sich im Februar 2023 in einer öffentlich zugänglichen Liste persönliche Daten von mehr als 2.200 Personen, die mit der Letzten Generation in Kontakt standen. Dabei kommen Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen zusammen: Studierende, Senioren, Pflegekräfte oder Professor:innen. Der Großteil der Mitglieder ist bereit, die Konsequenzen seiner Proteste zu tragen – neben Festnahmen kommt es auch zu Geld- oder Gefängnisstrafen. Doch wie finanziert die Letzte Generation ihre Aktionen und etwaige Bußgelder? Nach eigenen Angaben erhält die Klimaschutzbewegung nicht nur Spenden aus der Bevölkerung, sondern auch aus dem US-amerikanischen "Climate Emergency Fund". Diese Organisation sammelt Spenden und unterstützt damit Gruppen, die sich für Maßnahmen gegen die Klimakrise einsetzen.

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Kritik kommt von allen Seiten

Die Aktionen der Letzten Generation gelten als umstritten und werden kontrovers diskutiert. Mit ihren Protesten oder Klebeaktionen legen die Aktivist:innen vielerorts den Verkehr lahm und verursachen Staus – sei es in der Innenstadt, auf der Autobahn oder auf Flughäfen. "Von Autobahnblockaden halte ich mal gar nichts. Das sind schwere Rechtsverletzungen, die man nicht rechtfertigen kann.“, sagte der Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen unter anderem. Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey von der SPD nannte die Blockade an einem Flughafen "vollkommen inakzeptabel", nachdem Demonstranten im November 2022 den Betrieb am BER in Schönefeld lahmlegten. CDU-Chef Friedrich Merz bezeichnete die Teilnehmenden nach der BER-Aktion sogar als "kriminelle Straftäter". Besonders scharfe Kritik erntete die Letzte Generation im Zusammenhang mit dem Tod einer Radfahrerin und einem von Demonstranten behinderten Rettungseinsatz. Dem Berliner Senat zufolge soll der Rettungseinsatz trotz einer Rettungsgasse durch die Protestgruppe verzögert worden sein. Viele Politiker:innen verlangen seitdem härtere Strafen für Aktivist:innen, die Straßen blockieren.

Kritik erhält die Letzte Generation von allen Seiten. Auch der Bevölkerung gehen die Proteste teilweise zu weit. Selbst bei jüngeren Menschen soll die Akzeptanz gering sein, wie eine Civey-Umfrage ergab. 71 Prozent der 20- bis 40-Jährigen lehnten im November 2022 Straßenblockaden ab. 86 Prozent der Gesamtbevölkerung glaubt, dass das Festkleben dem Anliegen des Klimaschutzes sogar schadet.

Aufsehen erregte auch die Debatte um zwei Klimaschützer der Letzten Generation, die einen Gerichtstermin in Stuttgart verpassten und sich stattdessen in Thailand befanden. Aufgrund der Fernreise mit dem Flugzeug nach Asien und den dadurch entstandenen CO2-Ausstößen beklagte die Letzte Generation ihrerseits selbst Doppelmoral. Die beiden seien zwar nach Thailand geflogen, um dort "für viele Monate zu bleiben", jedoch sei es verständlich, dass dieses Verhalten in der Öffentlichkeit für Unmut sorge. Die beiden Aktivisten standen für ihr Verhalten medial in der Kritik und gaben ihre Fehler zu. Man hätte Zug, Bus und Flugzeug kombinieren sollen, um das Klima nicht weiter zu belasten.

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